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Veröffentlicht: 10.04.2012, 16:48 Uhr

Foto-App Instagram Nicht ungefiltert

Die Smartphone-App Instagram gibt einfachen Bildern historische Tiefe. Kein Wunder, dass sich Facebook für den Fotodienst interessiert.

von Florian Siebeck
© Jessica Weiss / lajessie.de

Mark Zuckerberg muss stolz sein auf den jüngsten Zukauf: ein Haufen vergilbter Fotos, ein Dutzend Leute, die sich um die Fotos kümmern, 30 Millionen Leute, die diese Fotos schießen, und eine App, die das alles so wertvoll macht. Eine Milliarde Dollar hat der Facebook-Chef für die App Instagram gezahlt, die einfache Handyfotos wie alte Analogbilder aussehen lässt. Aus unscharfen und minderwertigen Bildern mache sie Kunst, sagt ihr Erfinder. „Und damit haben wir das größte Problem mobiler Fotos beseitigt“, wird Kevin Systrom, der das Unternehmen im Oktober 2010 mit einem Freund aus der Studienzeit in Stanford gründete, von der „New York Times“ zitiert.

In Zeiten fast perfekter Farbtreue und Rauschfreiheit durch immer mehr Megapixel kommen Handyfotos bei Instagram quadratisch wie Polaroids und oft vergilbt zum Vorschein. Die App ist einfach, und da liegt wohl auch der Schlüssel zu ihrem Erfolg. In wenigen Sekunden werden über die simple Benutzeroberfläche Filter auf die Bilder gelegt, die „Earlybird“, „1977“ oder „Lo-fi“ heißen. Auf Wunsch wird die große Schärfentiefe des Fotos gebrochen und der Fokus händisch auf das gewünschte Objekt gelegt.

Das fertige Bild kann – mit Beschreibung und Geotag versehen – hochgeladen und ohne Umwege auch auf anderen Plattformen geteilt werden: Facebook, Twitter, Tumblr, Foursquare oder E-Mail. Doch auch innerhalb der App können andere Nutzer die Bilder „liken“ oder kommentieren. Das Teilen eines Fotos auf Instagram dauert nicht länger als das Absetzen eines Tweets, ein paar Sekunden. Die App mit dem geschwungenen Retro-Logo will die so entstandenen „Polaroids“ wie per „Telegramm“ verschicken. Im vergangenen Jahr wurde sie von Apple zur „App des Jahres“ gewählt.

Ob Instagram-Bilder wirklich Kunst sind? Schon in den Siebzigern kam Susan Sontag zum Schluss, dass Fotografie den Menschen nicht länger als Kunst diene, sondern primär sozialer Ritus und Machtwerkzeug sei. Jessica Weiss, Gründerin des Blogs „LesMads“ und heute für Digitales bei der deutschen Ausgabe des Magazins „Interview“ zuständig, nutzt Instagram seit mehr als einem Jahr: „Für mich ist das eine Art Tagebuch, und es hübscht die Bilder auf.“ Für starke Kontraste nehme sie den Filter „X-Pro II“, für etwas mehr Frische „Amaro“, „und bei ,Nashville‘ gefällt mir der Rahmen am besten“. Die Filter von Instagram sind nicht aus der Luft gegriffen: „X-Pro II“ entspricht etwa einem crossentwickelten Bild aus der Linse einer Lomo LC-A auf Fujichrome-Velvia-50-Film.

„Ein bisschen traurig“ findet es die Schweizer Kolumnistin Michèle Roten im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“, „wenn Hipster mit Achtziger-Haarschnitt im Wohnzimmer mit Siebziger-Möbeln sitzen und fotografiert wurden, als wäre es 1960.“ Für Kritiker sind Instagram und die vielen Nachahmer verklärender Retrokitsch, Foto-Apps, die ein idealisiertes Bild der Vergangenheit zeichnen. In die subjektive Reprise des Erlebten werde der eigene Blick sorgsam hineingearbeitet, bis die Wirklichkeit so geformt sei, wie sie wahrgenommen werden solle. Offenbar wirkt das ungefilterte Bild nicht spektakulär genug, ihm fehlt eine historische Dimension. Erst der Filter verleiht der Fotografie etwas Beständiges und somit eine Existenzberechtigung. Instagram bleibt für viele dennoch die Spielwiese der Unkreativen.

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