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Design in Italien: La Nuova Generazione

La Nuova Generazione

Von Peter-Philipp Schmitt mit Fotos von Daniel Pilar

22. Mai 2017 · Die Herstellung hochwertiger Möbel ist in Italien eine Familienangelegenheit. Bei elf der besten Produzenten des Landes tritt nun eine neue Generation an, um die Tradition fortzuführen.

PORRO · Als Frau unter Männern Fast drei Meter lang ist der Tisch, der den schönen Farbton „Antik-Rot“ trägt. So leicht wie er wirkt, so schwer ist es dann doch, ihn für das Foto ins rechte Licht zu rücken. Dabei bestehen Platte und Beine aus gerade einmal zwölf Millimeter dickem Aluminium. Piero Lissoni hat Metallico entworfen. Der Mailänder Designer ist seit 1989 Art- Direktor im Hause Porro. „Ich bin mit ihm aufgewachsen“, erzählt Maria Porro. Schon als Kind habe sie Lissoni im Haus ihres Großvaters dabei beobachtet, wie er für ein Foto-Shooting die Blumen in den Vasen neu arrangierte.

Die Dreiunddreißigjährige führt das 1925 gegründete Familienunternehmen zusammen mit ihrem Vater Lorenzo Porro. Sie ist die erste Frau, die auf dem Chefsessel sitzen wird, ihr Bruder Pietro ist Filmregisseur geworden. Einfach sei es nicht, aber das habe vor allem mit ihrer kleinen Tochter Agata zu tun und nicht etwa damit, dass sie eine Frau ist. Um Familie und Familienunternehmen besser unter einen Hut zu bekommen, ist sie vor gut einem halben Jahr wieder raus aus Mailand aufs Land gezogen.

Das „Land“ befindet sich 30 Kilometer nördlich der lombardischen Metropole in Montesolaro bei Cantù. Hier gründeten einst Giulio und Stefano Porro eine Schreinerei, um handgefertigte Möbelstücke für die reichen Bürger in Mailand herzustellen. Die zweite Generation begann dann nach dem Krieg mit der industriellen Fertigung und stellte auch schon auf der ersten Mailänder Möbelmesse, dem Salone del Mobile, im Jahr 1961 aus. Die dritte Generation um Lorenzo Porro erweiterte das Angebot – unter anderem um Betten und Schranksysteme – und holte eine Reihe internationaler Designer ins Haus.

Daran knüpft Maria Porro in der vierten Generation an. Inzwischen umfasst die Kollektion Entwürfe vieler junger Gestalter, unter ihnen gleich drei Designer-Duos: Front (Anna Lindgren und Sofia Lagerkvist) aus Stockholm, Soda (Nada Nasrallah und Christian Horner) aus Wien und GamFratesi (Stine Gam und Enrico Fratesi) aus Kopenhagen. Von den letzten beiden stammt der Stuhl Voyage auf unserem Bild.

Maria Porro selbst hat an der Accademia di Brera, einer Kunstakademie in Mailand, studiert. Sie sei froh, dass ihr Vater noch mit im Unternehmen ist. „Dadurch hatte ich Zeit, Selbstbewusstsein aufzubauen.“ Manchmal sei das nötig in einem fast reinen Männerbetrieb: Unter den fast 100 Angestellten findet sich noch immer nur eine Handvoll Frauen, und die arbeiten allesamt nicht in der Produktion, sondern in der Verwaltung.

B&B ITALIA · Groß ist besser als klein Die Geschichte beginnt mit einer gelben Plastikente. Piero Ambrogio Busnelli besuchte in den frühen sechziger Jahren eine Fabrik in London, in der die Badewannentiere aus Polyurethan gegossen wurden. Der flüssige Kunststoff härtete nach wenigen Minuten aus. Daraus machte Busnelli seine Geschäftsidee. 2016 wurde sie 50 Jahre alt: Bei B&B Italia werden Möbel in Form gegossen, bevor ihnen ein textiles Kleid übergestreift wird.

Im Untergeschoss am Sitz der Firma in Novedrate in der Lombardei lagern 250 Gussformen. Sie sind jeweils so groß wie das Möbelstück, das in ihnen entstehen soll, und wiegen oft Hunderte Kilogramm. Insgesamt sind 580 Formen im Laufe der Jahrzehnte entstanden. Jede Form kostet zwischen 50.000 und 70.000 Euro. In der Etage darüber wird der Kunststoff gegossen, ausgehärtet und mit Leder oder Stoff bezogen. Das sei seinem Großvater wichtig gewesen, sagt Massimiliano Busnelli. Er wollte alles im Blick haben. Darum sollte die Produktion an einem Ort stattfinden. „Nur so, meinte er, könne er Qualität anbieten.“

Massimiliano Busnelli ist der Enkel von „Pierino“ Busnelli und der Sohn des derzeitigen Firmenchefs. Giorgio Busnelli, Jahrgang 1952, hat zusammen mit seinem Vater, der 2014 starb, das Unternehmen aufgebaut. Denn B&B Italia entstand unter diesem Namen erst 1973, als die Familie Busnelli das vorherige Gemeinschaftsprojekt der Familie Cassina abkaufte. So wurde aus C&B Italia B&B Italia. Im gleichen Jahr noch holten sie Antonio Citterio ins Haus, der zu den wichtigsten Designern der Marke gehört.

Mittlerweile ist der 39 Jahre alte Massimiliano Busnelli für die Produktentwicklung zuständig. Er hat Architektur in der Schweiz studiert, danach Design- Management an der Bocconi-Universität in Mailand. Seit 2005 arbeitet er im Unternehmen mit. Zu den Designern, die er zu B&B Italia holte, gehören auch Doshi Levien, von denen der Sessel Do-Maru stammt, auf dem Busnelli sitzt.

B&B Italia hat sich inzwischen global aufgestellt. „Fast 90 Prozent verkaufen wir ins Ausland“, sagt Massimiliano Busnelli. Früher habe es ein Sprichwort gegeben: Klein ist gut. Bezogen auf Familienunternehmen aber habe sich die Welt geändert. „Heute“, sagt der künftige Unternehmenschef, „ist groß besser.“

MINOTTI · Kämpfen fürs Richtige Deutschland ist für Minotti der wichtigste Markt, gefolgt von Italien. Das ist schon seit Jahren so. Warum? „Die Deutschen legen Wert auf Qualität“, meint Roberto Minotti (rechts). Der Siebenundfünfzigjährige ist Architekt und der Mann fürs Kreative. Sein fünf Jahre älterer Bruder Renato (links) hat Wirtschaftswissenschaften studiert und kümmert sich um die Finanzen. Die Minottis haben sich seit der Gründung ihres Unternehmens 1948 auf Textilien spezialisiert. „Das ist unsere Stärke“, sagt Susanna Minotti. „Die Qualität der für uns entworfenen und produzierten Stoffe schützt zudem vor Kopisten.“ Roberto Minottis Tochter Susanna gehört zur dritten Generation, so wie ihre Cousins, die Zwillinge Alessio (auf dem Bild hinten) und Alessandro, Jahrgang 1976. Sie sind die Söhne von Renato Minotti.

Jeder hat sein Aufgabengebiet: Alessio kümmert sich um die Produktentwicklung, Alessandro um den Export, Susanna um die inzwischen 31 Flagship Stores in aller Welt. Doch wenn sie alle am Sitz der Firma in Meda in Brianza sind, treffen sie sich morgens stets auf einen caffè. „Das geht schnell, meist setzen wir uns gar nicht“, erzählt Susanna Minotti, mit 29 Jahren die Jüngste in der Runde. Wichtige Entscheidungen würden immer von allen gemeinsam getroffen. Es sei angenehm, dass sich die Verantwortung inzwischen auf mehrere Schultern verteile, sagt Roberto Minotti. Schließlich sei das Unternehmen stetig gewachsen – im Schnitt um 15 Prozent jährlich in den vergangenen 20 Jahren. Genauso lange ist der Mailänder Architekt und Designer Rodolfo Dordoni schon Art-Direktor des Hauses. Ihm geht es um einen erkennbaren Stil, nicht um einzelne Produkte. Trotzdem gibt es natürlich Bestseller wie zum Beispiel sein Sofa Hamilton – auf unserem Bild zu sehen.

Die Söhne von Alberto Minotti, der 1992 starb, mussten früh Verantwortung übernehmen. Renato und Roberto Minotti internationalisierten die Marke. „Heutzutage ein Familienunternehmen zu führen ist ein seltenes Gut“, meint Roberto Minotti. „Es ist eine Gewähr für Kontinuität und Leidenschaft.“ Ist es nicht schwierig, ein Unternehmen zu fünft zu führen? „Wir kämpfen manchmal miteinander“, sagt Susanna Minotti. „Aber wir kämpfen für die richtige Sache.“

DE PADOVA · Ein Neuanfang zu zweit Margherita muss heute nicht in den Kindergarten. Kein Wunder, dass sie begeistert an Papas Arbeitsplatz tobt. Der Mailänder Showroom an der Via Santa Cecilia ist groß – 1400 Quadratmeter, verteilt über zwei Etagen. Nur fürs Foto mit ihrem Vater Nicolò Gavazzi hält die Eineinhalbjährige kurz still. „Noch vor drei Jahren befand sich hier das Hauptquartier von Dolce & Gabbana“, erzählt Gavazzi. Wo einst Modenschauen stattfanden, stehen jetzt Möbel von De Padova und Küchen von Boffi.

Im April 2015 fusionierten nicht nur zwei Unternehmen, es kamen gleich drei Familien zusammen. Da wären zunächst die Boffis: Die Firmengeschichte beginnt 1934 mit Piero Boffi. Nur sein Sohn Paolo lebt noch. Der Siebenundsiebzigjährige ist Präsident des Unternehmens, in das sich 1989 der ehemalige Olivetti-Manager Roberto Gavazzi einkaufte. De Padova wiederum wurde 1956 von Maddalena und Fernando De Padova gegründet. Der Hersteller ist bekannt für seine Kollektionen von so namhaften Gestaltern wie Achille Castiglioni oder Vico Magistretti (auf dem Bild sitzt Nicolò Gavazzi auf Magistrettis Sofa Regent’s 16). Maddalena De Padova überlebte ihren Mann fast 50 Jahre, sie starb im Dezember mit 88 Jahren.

Ihr Sohn Luca, Jahrgang 1953, ist Präsident von De Padova. Die Geschicke des Unternehmens aber leitet nun Nicolò Gavazzi, sein 64 Jahre alter Vater Roberto ist CEO von Boffi und De Padova. Nicolò Gavazzi will die Marke internationaler ausrichten. „Maddalena De Padova war immer sehr auf Italien beschränkt“, sagt der Vierunddreißigjährige. Das gelte auch für die Kollektionen, die überarbeitet werden. Die Aufgabe hat Piero Lissoni übernommen, der bereits seit 30 Jahren Art-Direktor von Boffi ist. Gut ein Drittel der Produkte will er ausmustern.

„Es ist ein Neuanfang“, meint Nicolò Gavazzi. Im Vergleich zu Boffi (2016: 85 Millionen Euro Umsatz, 300 Mitarbeiter) ist De Padova klein: Im vergangenen Jahr machten 25 Mitarbeiter neun Millionen Euro Umsatz. „In diesem Jahr sollen es zwölf Millionen werden.“ Eigentlich wollte er nach seinem MBA-Studium an der Columbia-Universität in New York nicht bei Boffi anfangen. „Mein Vater aber lockte mich geschickt.“ Roberto Gavazzi übertrug ihm Asien. „Es war herrlich, ich war zuständig von Indien bis Neuseeland.“ Vor zwei Jahren kehrte er aus Schanghai zurück. Seither hat er nicht nur mit seiner Frau Chiara eine Familie gegründet, er arbeitet auch weiterhin für Boffi. Verantwortlich ist er nun für Europa. Mit Deutschland verbindet ihn schon seit der Schulzeit viel: „Ich habe Deutsch in der Schule gelernt und ein Semester in Köln studiert.“ Auch gearbeitet hat Nicolò Gavazzi schon hier – in Frankfurt.

ARPER · Am Anfang des Alphabets Den Bart habe er schon gehabt, bevor ihn alle anderen hatten, sagt Giulio Feltrin. Mit ihm sieht er heute aus wie ein Hipster. Das war vor ein paar Jahren noch anders, als er in der Alternative-Rock-Band Hazey Tapes Gitarre spielte. Ausgemacht ist es nicht, dass er eines Tages seinem Vater und Großvater bei Arper nachfolgt. Doch es sieht sehr danach aus. Schließlich ist sein drei Jahre älterer Bruder Marco ein erfolgreicher Koch in Australien und sein Cousin Gregory noch ein Jugendlicher. „Vier bis fünf Jahre brauche ich aber noch“, sagt Giulio Feltrin. Der Dreißigjährige, der Kommunikation in Florenz studiert hat, trat 2012 ins Familienunternehmen ein. Inzwischen ist er der Global Showroom Manager. Im November wurde das elfte Geschäft in Tokio eröffnet, zugleich das erste in Asien.

Möbel stellt Arper seit den achtziger Jahren her. Erst seit der Jahrtausendwende aber ist die Produktion rasant gewachsen – um bis zu 20 Prozent jährlich. Die Erfolgsgeschichte begann 1998, als Giulio Feltrins Vater Claudio auf Alberto Lievore traf. Der spanische Designer war bis vor kurzem Teil eines Trios, zu dem sein Landsmann Manel Molina und die Deutsche Jeannette Altherr gehörten. Molina hat das Trio inzwischen verlassen. Lievore Altherr Molina entwickelten 2000 den Stuhl Catifa, der sich zwei Millionen Mal verkauft hat. Von den dreien stammen auch die Bank Zinta, auf der Giulio Feltrin sitzt, und die Garderobe Song. 2000 kauften die Feltrins auch die alten Fabrikhallen von Benetton in Monastier di Treviso.

In dem Ort im Norden von Venedig war Luigi Feltrin 1934 zur Welt gekommen. Mit 18 ging er als Gastarbeiter in die Schweiz. Fast 15 Jahre lebte er in St. Gallen, heiratete dort seine Frau Giovanna und bekam mit ihr die Söhne Claudio und Mauro. 1967 kehrte die Familie zurück, 1979 gründeten Giovanna und Luigi Feltrin den Leder- und Textilzulieferer GL, die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen. Daraus wurde 1989 Arper.

Den Namen des Unternehmens habe sein Vater Claudio erfunden, erzählt sein Sohn Giulio. Arper setzt sich aus den italienischen Worten Arredamento (Möbel) und per (für) zusammen, Möbel für – alle. Schon damals wollten sich die Feltrins breit aufstellen. „Daher sollte der Name nicht zu italienisch klingen“, sagt Giulio Feltrin. Noch ein Vorteil: „Wir stehen an erster Stelle im Telefonbuch.“

POLIFORM · Ihre Zeit kommt noch Marta Anzani nennt es Schicksal. Ihr Weg war vorherbestimmt und führte ins Unternehmen ihrer Familie. „Poliform“, sagt sie, „ist kein Job. Es ist Teil meines Lebens, es steckt mir im Blut.“ Und nicht nur ihr, sondern auch ihrer älteren Schwester Laura und ihrem jüngeren Bruder Edoardo, dazu noch fünf Vettern und Kusinen, wie sie sagt. Außer Edoardo habe jeder von ihnen bei Poliform schon seine Aufgabe. CEO ist ihr Vater, Giovanni Anzani, der das Unternehmen 1970 mit seinen Cousins Alberto und Aldo Spinelli gründete. „Wir Jüngeren sind sehr eng“, sagt Marta Anzani. „Auch wenn wir nur um zwei Ecken verwandt sind.“

In einem Familienunternehmen zu arbeiten bedeutete für sie, schon früh wichtige Entscheidungen mit zu treffen. „Man fühlt sich dadurch älter“, meint Marta Anzani. Die Vierunddreißigjährige arbeitet bereits seit 2007 in der Firma, zuvor hatte sie an der Bocconi in Mailand Marketing studiert. Und noch etwas sei anders, wenn man die Tochter des Chefs ist: „Man muss gut sein.“ So gut, dass einen die 600 Mitarbeiter respektieren.

Marta Anzani repräsentiert eigentlich schon die dritte Generation der Familie. Die Geschichte von Poliform begann 1942 als kleiner Handwerksbetrieb, wie es heute noch Hunderte in der Lombardei gibt. Sie vor allem sind der Grund, warum es die blühende italienische Möbelindustrie gibt. 1970 starteten dann Giovanni Anzani und die Brüder Alberto und Aldo Spinelli, alle drei waren damals Anfang 20, unter neuem Namen mit der industriellen Produktion von Möbeln: Aus Spinelli Anzani wurde Poliform. Seit 1996 gehört der Küchenhersteller Varenna zum Unternehmen.

Die Kollektionen von Poliform sind sehr klassisch, die Designer – unter ihnen Jean-Marie Massaud, Rodolfo Dordoni, Carlo Colombo, Daniel Libeskind – sind etabliert. Man merkt Marta Anzani an, dass sie gerne jüngere und vielleicht auch verrücktere Gestalter ins Haus holen würde, wie Marcel Wanders, der den Sessel Mad Joker entworfen hat, auf dem sie sitzt. Da scheint sie einig mit ihrem Cousin Marco Spinelli, der für die Auswahl der Designer mitverantwortlich ist. Von ihren Ideen aber müssten sie jedes Mal sehr viele aus der Familie erst überzeugen. „Aber wir sind ja noch jung.“ Will heißen: Ihre Zeit wird kommen.

NATUZZI · Der geborene Nachfolger Am 4. April, dem ersten Tag des Salone del Mobile, schaute wie selbstverständlich der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella vorbei. Natürlich besuchte er auch den riesigen Stand von Natuzzi und ließ sich von Pasquale Senior und Pasquale Junior die Neuheiten zeigen. Natuzzi ist nicht irgendein Möbelhersteller, sondern der größte Italiens. Das börsennotierte Unternehmen, das nicht wie die meisten anderen der Branche in Norditalien, sondern im apulischen Santeramo in Colle bei Bari beheimatet ist, spielt mit seinen fast 6000 Angestellten und einem Jahresumsatz von einer halben Milliarde Euro in einer eigenen Liga.

Schon als Kind, als er kaum laufen konnte, habe er auf die Frage seines Vaters, was er mal werden wolle, stets gesagt: Präsident von Natuzzi. Der 27 Jahre alte Pasquale Junior Natuzzi ist auf dem besten Weg dorthin. Er trägt nicht zufällig denselben Namen wie sein Vater. Er hat noch zwei ältere Brüder. Aber nur seine zwei Schwestern arbeiten ebenfalls im Unternehmen. Pasquale Junior ist schon Kreativ- und Kommunikationsdirektor und der geborene Nachfolger. Anders als sein Vater sei er allerdings sehr privilegiert aufgewachsen, gibt er zu. Für ihn bedeute das vor allem eines: eine große Verpflichtung.

Pasquale Natuzzi senior wurde 1940 in Matera südöstlich von Neapel geboren. Der Vater war Schreiner, die Mutter hatte einen kleinen Lebensmittelladen. Früh musste das zweitälteste von sieben Kindern von der Schule und zu einem Polsterer in die Lehre gehen. Mit gerade einmal 19 Jahren gründete Natuzzi 1959 sein eigenes Unternehmen und stellte, wie er es gelernt hatte, Sofas und Sessel her. 20 Jahre später hatte er einen Vertrag mit der amerikanischen Kaufhauskette Macy’s in der Tasche und wurde mit hochwertigen, aber preiswerten Ledersofas in den Vereinigten Staaten zum „King of Sofas“. Heute gibt es 400 Natuzzi-Stores auf der ganzen Welt, allein 2016 kamen 54 hinzu.

Natuzzi legt Wert auf Qualität. Und auf gute Arbeitsbedingungen. Dafür wurde der Seniorchef mehrfach ausgezeichnet. Zwar werden viele der Möbel im Haus entwickelt, doch über die Jahre hat die Marke auch immer wieder mit Designern zusammengearbeitet wie Paola Navone, Claudio Bellini, dem Studio Memo und Mauro Lipparini – von ihm stammt das Sofa Melpot, auf dem Pasquale Junior Natuzzi sitzt. Pasquale Junior will weitere auch junge Designer ins Haus holen. Der frische Wind soll auch über soziale Medien kommen.

Was für ihn wichtig ist? Resultate! Oder wie sein Großvater über die Bauern in Süditalien immer sagte: „Am Ende des Tages geht es nur darum, wie viele Feigen sie in ihrem Korb haben.“

KARTELL · Zukunft bis zum letzten Tag Die Überraschung war perfekt: Nur zwei Wochen bevor die größte Möbelmesse der Welt Anfang April in Mailand begann, wurde Claudio Luti ihr Präsident. Damit hatten die wenigsten gerechnet. Luti, Jahrgang 1946, ist aber nicht nur Präsident des Salone del Mobile, wie schon von 2012 bis 2014. Er führt auch in zweiter Generation das Designunternehmen Kartell. Luti, der einst mit Gianni Versace die Marke Versace gegründet hatte und dort Geschäftsführer war, übernahm 1988 das Unternehmen seiner Schwiegereltern, Anna und Giulio Castelli. Mittlerweile arbeiten auch Claudio Lutis Kinder Lorenza und Federico mit.

Kartell stellt seit 1949 Produkte fast ausschließlich aus einem Werkstoff her – aus Kunststoff. Der Erfolg geht auf den Chemieingenieur Giulio Castelli zurück. Seine Frau Anna war die Art-Direktorin und entwarf selbst Produkte wie den Container Componibili.

Das erste Kartell-Produkt war der Auto-Skihalter K 101, danach folgten Haushaltsprodukte wie Geschirrtrockner und Zitronenpresse. Das erste Möbelstück war 1964 der Kinderstuhl K 1340 von Marco Zanuso und Richard Sapper, 1974 folgte der Sedia 4875 von Carlo Bartoli, der erste Stuhl aus Polypropylen. Im Kartell-Museum in Noviglio, das es seit 1999 am Unternehmenssitz südlich von Mailand gibt, wird die Erfolgsgeschichte anhand von 8000 Stücken erzählt. Claudio Luti begann gleich 1988, mit Philippe Starck zusammenzuarbeiten. Ihm verdankt Kartell Bestseller wie den transparenten Stuhl Louis Ghost aus Polycarbonat. Von Starck stammt auch die Bank Uncle Jack, auf der Lorenza und Federico sitzen. Lutis Kinder haben an der Bocconi in Mailand Wirtschaft studiert. Der Vater habe nie Druck auf sie ausgeübt, dass sie Kartell übernehmen. Nur zwei Bedingungen habe er gestellt: „Ihr müsst es mögen, und ihr müsst es können.“

Federico ist zwei Jahre jünger als seine Schwester, die 1978 geboren wurde. Er kümmert sich um Werbung, sie mit dem Vater um neue Produkte. Ihr erstes eigenes Projekt: Kartell à la Mode, Schuhe aus Kunststoff. Werden sie Kartell einmal gemeinsam führen? Federico lacht: „Sie ist die ältere, sie darf es sich aussuchen.“ Der Vater meint: „Das Schöne an einem Familienunternehmen: Man kann bis zum letzten Tag an der Zukunft arbeiten.“

MOLTENI & C · Für evolutionären Wandel Wer von den beiden das Sagen hat, ist sofort klar: Giulia Molteni, die ältere der Geschwister. Ihr Bruder Giovanni ist vier Jahre jünger. Die Siebenunddreißigjährige ist aber auch schon mehr als zehn Jahre im Familienunternehmen beschäftigt, der Bruder erst seit sieben Jahren. Die beiden stehen für die dritte Generation im Hause Molteni, das Angelo Molteni zusammen mit seiner Frau Giuseppina 1934 gründete. Chef von Molteni & C (für Company) ist ihr Sohn Carlo, der Vater von Giulia und Giovanni. Die Unternehmensgruppe besteht aus drei weiteren Firmen, für die Carlo Moltenis Brüder und deren Kinder verantwortlich sind: Dada stellt Küchen her, Unifor und Citterio machen Büromöbel.

„Wir wuchsen sehr behütet auf“, sagt Giulia Molteni. Darum wollte sie nach dem Studium an der privaten Wirtschaftsuniversität Bocconi in Mailand in die Welt hinaus. Sie ging nach New York, arbeitete für die Modemarke Loro Piana. „Irgendwann dachte ich mir, ich könnte viel in unserem Familienunternehmen bewegen.“ Also ging sie zurück nach Giussano in der Lombardei. Heute ist sie fürs Marketing und die Flagship Stores verantwortlich. „In den vergangenen Jahren sind wir im Schnitt jährlich um zehn Prozent gewachsen“, sagt Giulia Molteni. „2016 waren es sogar 15 Prozent.“ Ihr Bruder Giovanni kümmert sich um neue Geschäftsfelder und mit dem Vater auch um die Produktentwicklung. Carlo Molteni hat viele bekannte Designer ins Haus geholt: Foster+Partners, Michele De Lucchi, Jean Nouvel, Patricia Urquiola. Zur Zeit legt Molteni & C Entwürfe von Gio Ponti wieder auf. Auch ein neuer Kreativdirektor wurde berufen: Vincent Van Duysen; er hat das Sofa Paul entworfen, auf dem die Geschwister fürs Foto sitzen. Giulia Molteni sagt, von dem flämischen Designer erhoffe sich das Unternehmen neue Impulse und einen evolutionären Wandel.

Auch wenn sie das neue Gesicht von Molteni & C zu sein scheint – ihr Vater, Jahrgang 1943, bleibt vorläufig auf seinem Posten. „Ich glaube kaum, dass er sich damit begnügt, Golf zu spielen“, meint die Tochter. Dass sie ihn einmal beerben wird, sei noch gar nicht ausgemacht. Oder wie ihre ältere Schwester, die Filmemacherin Francesca Molteni, sagt: In Italien führen noch immer Männer die Geschäfte.

MAGIS · Auch der Hund ist Design Ende der neunziger Jahre traf Eugenio Perazza erstmals auf Konstantin Grcic. Der Gründer von Magis wusste genau, was er von dem damals noch weitgehend unbekannten deutschen Designer wollte: keinen Stuhl aus Kunststoff, wie man vielleicht erwartet hätte, sondern etwas aus Aluminium-Druckguss. Es war der Beginn einer Zusammenarbeit, die bis heute andauert und eine Ikone des Designs hervorgebracht hat: Chair One. Das Erstaunlichste an dem Stuhl mit der geometrischen Gitterstruktur: Man kann bequem auf ihm sitzen.

Magis, der Name des von Eugenio Perazza 1976 gegründeten Unternehmens, ist ein Versprechen: Er kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „mehr aus etwas machen“. Perazza, Jahrgang 1940, experimentiert ständig mit neuen Materialien, neuen Technologien, nicht unbedingt mit neuen Designern. Und seine Produkte dürfen humorvoll sein, wie der Kinderstuhl Puppy, ein Polyethylen-Hündchen von Eero Aarnio. Unterstützt wird der Seniorchef von seinem Sohn Alberto (auf dem Bild links neben einem Chair One) und dessen Frau Barbara Minetto – sie sitzt auf dem Barhocker Déjà-vu von Naoto Fukasawa, ihr Schwiegervater auf dem Hocker Tom and Jerry von Konstantin Grcic. Alberto Perazza ist der Geschäftsführer des Familienunternehmens, Barbara Minetto leitet das Marketing. „Wir sind keine große Firma, die kurzfristig Erfolge vorweisen muss“, sagt Alberto Perazza. Magis lässt sich Zeit, um die Qualität aufrechtzuerhalten. Nicht umsonst hat sich Eugenio Perazza als Maskottchen für sein Unternehmen einen Maulesel ausgesucht. Der Muli soll für harte Arbeit stehen und für Durchsetzungskraft, für Neugierde und Sturheit. Man soll sich Freiheiten nehmen, was etwa Formen und Werkstoffe angeht, denn Magis hat keine eigenen Produktionsstätten.

Gerade erst haben die drei mit Gusseisen Erfolge gefeiert. Vater und Sohn entdeckten es in einer Schmiede in Torre di Mosto, der Gemeinde nordöstlich von Venedig, wo sich seit 2010 auch der Hauptsitz des Unternehmens befindet. Für das mit Hammer und Amboss bearbeitete Material konnten sie die Designer Ronan & Erwan Bouroullec begeistern – dabei kam die wie von Hand geschmiedete Serie Officina heraus.

LIVING DIVANI · Sie holte junge Designer Etwas zu verändern, sagt Carola Bestetti, sei nie einfach. In einem Familienunternehmen aber sei es besonders schwierig, gerade wenn es sich um ein so gut gehendes und namhaftes Unternehmen wie Living Divani handelt. „Für meine Eltern stand die Firma immer an erster Stelle“, meint Carola Bestetti. Sie sei wie eine dritte Tochter für sie gewesen. „Und eine, die ihnen nie widersprochen hat“, fügt sie lachend hinzu.

Seit bald 15 Jahren arbeitet Carola Bestetti für das von ihren Eltern im Jahr 1969 gegründete Unternehmen. Angefangen hat die jüngere von zwei Töchtern im Marketing, inzwischen kümmert sie sich auch um die Produktentwicklung. Renata Pozzoli und Luigi Bestetti führen die Marke weiter. Ihre 38 Jahre alte Tochter Carola hat aber schon einiges im Unternehmen verändert. Living Divani war ursprünglich auf Polstermöbel spezialisiert. Der Durchbruch gelang in den Siebzigern, als der Hersteller aus Anzano del Parco (etwa 35 Kilometer nördlich von Mailand) einen Exklusivvertrag mit der französischen Marke Roche Bobois abschloss. Doch auf Dauer wollten Renata Pozzoli und Luigi Bestetti mit eigenen Kollektionen bestehen. 1988 holten sie einen jungen Architekten als Art-Direktor ins Haus: Piero Lissoni.

Living Divani sei lange „lissonizentriert“ gewesen, meint Carola Bestetti. Sie habe ihre Eltern davon überzeugen können, dass sich das Unternehmen öffnen und das Angebot erweitern müsse. Die Tochter holte junge Designer ins Haus, die nicht nur Sofas für Living Divani entwerfen. Den Spanier David Lopez Quincoces zum Beispiel, Jahrgang 1980, von dem der Sessel Era stammt, auf dem Carola Bestetti sitzt. Und Luis Arrivillaga aus Guatemala, ebenfalls im Jahr 1980 geboren, der den Paravent Ceiba entworfen hat, hinter dem Renata Pozzoli und Luigi Bestetti stehen.

Carola Bestetti ist dankbar, dass ihre Eltern sie neue Wege gehen lassen. Hätte es ein Sohn leichter in der von Männern dominierten Branche? Vielleicht, meint Renata Pozzoli, die selbst noch mit vielen Vorurteilen zu kämpfen hatte. Die Tochter spürt wenig davon. Sie habe sich auch nie ernsthaft Gedanken darüber gemacht. „Ich hatte ja meine Mutter vor Augen und bin damit aufgewachsen, dass auch eine Frau Chefin des Unternehmens ist.“

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 22.05.2017 17:59 Uhr