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Der Norwegerstern : A star is born

  • -Aktualisiert am

Eines der ältesten Textilmuster der Welt: der Norwegerstern Bild: F.A.Z.

Was wäre die Strickware ohne das Sternenmuster? Erfunden hat es eine junge Hirtin aus Norwegen. In ihrem Heimatort hatte man viel Zeit zum Stricken, und schon bald lebte das ganze Dorf von der Idee.

          Was Marit Emstad, eine junge Hirtin, im Jahr 1857 so beiläufig beim Ziegenhüten strickte, sollte in die Geschichte eingehen. Es sollte ihrem Dorf Selbu in Mittelnorwegen eine wichtige Einnahmequelle bescheren und später weltweit mit ihrem Heimatland Norwegen in Verbindung gebracht werden. Das Muster, das Emstad da strickte, sollte irgendwann sogar der staatliche Öl- und Gaskonzern Statoil als Firmenlogo übernehmen.

          Marit Emstad strickte im Jahr 1857 den Norwegerstern, neben Rentieren heute das bekannteste Muster auf Winterpullovern.

          In Selbu, einem Nest siebzig Kilometer landeinwärts von Trondheim, hatte man damals viel Zeit zum Stricken, und so probierte Emstad mit zwei verschiedenfarbigen Fäden herum, bis daraus ein weißer Strickfäustling mit einem großen schwarzen Stern auf dem Handrücken entstand. Der Stern aus acht paarweise angeordneten Parallelogrammen selbst war nichts Neues, im Gegenteil: Er ist eines der ältesten Textilmuster der Welt. Möglich, dass die junge Hirtin es schon mal als Stickerei auf Tischdecken gesehen hatte. Aber ihn zu stricken, auf diese Idee war vor ihr noch niemand gekommen. Daraus ein echtes Stichmuster auf einem Handschuh zu entwerfen, das war Emstads Idee.

          Sie puzzelte die Einzelmotive zusammen

          Und es war keine leichte Aufgabe, denn es ist ziemlich schwierig, das mehrteilige Muster mittig und unverzerrt auf der ungewöhnlich geformten Fläche eines Fäustlings zu plazieren. Zumal die Innenseite dieses Handschuhs komplett gemustert sein sollte. Auf dem Daumen fanden dazu sogar gleich zwei Muster Platz, eins auf der Vorderseite, eins auf der Rückseite.

          Damit solche Collagen auch schön aussehen, muss man einiges beachten: Die Einzelmotive müssen berechnet werden und zusammen wiederum der Größe des Strickstücks angepasst werden. Sonst wirkt ein Muster womöglich im Verhältnis zu der Fläche riesig. Oder winzig. Ausgehend von der Dicke des Garns und der Nadelstärke musste Emstad also in der Länge die Zahl der Maschen jedes Motivs beachten, in der Höhe die Zahl der Reihen. Anschließend puzzelte sie die Einzelmotive so zu einem Ganzen zusammen, dass sie in einem sinnvollen Strickablauf aufeinander folgen konnten.

          Für einen solchen Entwurf braucht es Neugier, Disziplin und eine gehörige Portion Frustrationstoleranz, vor allem aber Abstraktionsvermögen und mathematisches Verständnis. Ohne sich an einem gestrickten Vorbild orientieren zu können, tüftelte Emstad das Muster ganz alleine aus.

          Mit den Handschuhen wurde sie zum Blickfang

          Dann, im nächsten Herbst, trug sie ihre neuen Handschuhe zum ersten Mal zum Gottesdienst, und schnell wurden sie zum Blickfang. So sehr, dass sich auch weitere Frauen von Emstad und ihren Fäustlingen begeistern ließen. Für sie war es schnell eine Frage des Stolzes, immer kompliziertere Unikate zu stricken, Muster, die an die Natur erinnerten, an Holzbemalungen, Schnitzarbeiten. Jedes Muster bekam einen eigenen Namen: Tannenzweig, Tänzer, Schneeflocke, Spinne, Spuckeklecks.

          Schon in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts war die Achtblattrose, wie der Norwegerstern im eigenen Land genannt wird, ein Markenzeichen von Selbu. Dort akzeptierten die Kolonialwarenhändler Handschuhe sogar als Bezahlung.

          Marit Emstad war eine der ersten, die in Selbu für den echten Verkauf strickte. Sie sollte nicht die Einzige bleiben. Als die Selbuer Steinbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts schlossen und die Männer arbeitslos wurden, lebte bald das ganze Dorf von den Erlösen der Strickwaren. Die Kunden gaben Muster und Größen vor, und Wolle und Nadeln wurden zunehmend dicker. Die alten Handschuhe waren zuvor mit sehr dünner Wolle gestrickt worden und mit Nadeln, die kaum dicker waren als eine ordentliche Stopfnadel. Für manche Daumen brauchte es deshalb so viele Maschen wie heute für eine komplette Handfläche. Aber gröbere Handschuhe sind strapazierfähiger und, wie alle mehrfädigen Stricksachen, durch die doppelte Lage Wolle besonders warm.

          Auf dem Laufsteg ist der Norwegerstern Leitmotiv

          Die Gralshüter der echten Selbu-Handschuhe lassen heute etwa 300 Motive sowie die Farben Schwarz und Weiß als zulässig gelten. Rotes Garn geht auch, das war früher selten und vor allem Festkleidung vorbehalten.

          Um solche Vorgaben scheint sich die Mode heute indes nicht weiter zu scheren. Emstads ursprüngliche Idee wird mit traditionellen Mustern aus Lettland kombiniert, mit jenen aus der Türkei, aus Südamerika. Der Norwegerstern schmückt Kindermützen, Kissenbezüge und die Vorderseite von handgestrickten Herrenunterhosen. Auf dem Laufsteg ist er Leitmotiv ganzer Kollektionen.

          Da ist es kein Wunder, dass die Norweger ihr Erbe zu schützen versuchen. „Echte Selbu-Fäustlinge“, die heute im eigenen Land verkauft werden, stammen wirklich aus dem kleinen Ort in Mittelnorwegen und sind für gewöhnlich handgefertigt – von Strickerinnen, die längst im Ruhestand sind, aber als einige wenige die komplizierten Muster buchstäblich blind beherrschen: Sie schauen beim Stricken nicht einmal hin.

          Pro Tag schaffen sie ein Paar – allerdings nur, wenn nichts dazwischenkommt. Dafür bekommen sie etwa 100 Kronen bezahlt, umgerechnet 12 bis 13 Euro. Ihre Stücke sind immer anders, immer einzigartig. Sie zeigen sie mit Stolz und vergessen dabei natürlich nicht ihre Erfinderin, Marit Emstad.

          Quelle: F.A.S.

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