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Oben ohne : Geständnisse eines Krawattenträgers

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Eine Frage der Erziehung? Der Autor selbst hat schätzungsweise 30 bis 40 Krawatten im Schrank. Bild: Patricia Kühfuss

Spätestens seit Giannis Varoufakis geht es mit der Krawatte bergab. Keiner scheint sie mehr zu brauchen. Sind die hippen Start-Ups schuld? Eine Spurensuche.

          Es ist der erste Tag der neuen beruflichen Station. Erster Termin: die einmal im Jahr stattfindende große Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Saal mit der blauen Wand im Haus der Bundespressekonferenz ist fast bis auf den letzten Platz besetzt. Mit schreibenden Kollegen, Radiojournalisten und Mitarbeitern von Fernsehsendern. Nach anderthalb Stunden ist das Frage-Antwort-Spiel vorbei, und ich berichte auf dem Rückweg in die Redaktion einem Freund, der auf Phoenix das Ganze verfolgt hat, von meinen Eindrücken.

          „Ist dir eigentlich aufgefallen“, fragt er, „dass du der einzige warst, der eine Krawatte getragen hat?“ Nein, überhaupt nicht. Im Rückblick jedoch: Ja, kann gut sein. Bis auf Regierungssprecher Steffen Seibert, der neben Frau Merkel auf dem Podium saß. Gut, es ist noch Sommer, aber wirklich heiß ist der Tag nicht. Mein Großvater hat buchstäblich bis zu seinem Lebensende eine Krawatte getragen, egal wie das Wetter war. Auch im Sarg trug er eine, und zwar eine bunte, die schwarzen sollten die Trauernden tragen, hatte er meiner Großmutter aufgetragen. Wenn es nach dem Schriftsteller Honoré de Balzac ginge, wäre es um die Herrenwelt schon länger schlecht bestellt. „Ein Mann ist so viel wert wie seine Krawatte“, sagte er einmal.

          Das Fehlen einer Krawatte ruft jedoch immer noch Aufregung hervor. Zuletzt, als die griechischen Politiker Alexis Tsipras und Gianis Varoufakis oben ohne auf dem europäischen Parkett erschienen. Von der „New York Times“ bis zum „Guardian“ wurde das „tie-gate“ analysiert. Dabei geht es mit der Krawatte längst bergab: Das Image ist mäßig, die Verkaufszahlen sind zurückgegangen. Nur wenn Weihnachten naht, steigt der Absatz wieder. Aber selbst ehemals prädestinierte Käufer haben sich verabschiedet: Heerscharen von Bankern und Managern, ob in New York, London oder Frankfurt, tragen Einheitskluft, wenn es nicht gerade zum Kunden geht: dunkler Anzug mit weißem, allenfalls blauem Hemd. Nur in Privatbanken ist die Krawatte meist noch ein Pflicht-Accessoire.

          Vor kurzem verkündete der Vorstandsvorsitzende der traditionsreichen Robert Bosch AG in unserer Sonntagszeitung, dass die Zeit der Krawattenpflicht in seinem Unternehmen vorbei sei. „Weil ich weiß, dass zum Beispiel in der Start-up- Szene Schlipsträger als rückständig gelten“, sagte er. „Ich möchte im Unternehmen eine Start-up-Kultur etablieren. Ich möchte, dass wir ständig Neues wagen. Und das Hemd ohne Krawatte ist nun mal ein wichtiges Signal für diese andere Kultur. In der Hightech-Industrie trägt keiner Krawatte, in der traditionellen Automobilbranche auch immer weniger.“

          Tatsächlich? Handelt man ohne Krawatte anders? Wird man mit Krawatte anders behandelt? Besser? Schlechter? Offen oder versteckt? Berlin scheint als Metropole, die sich gerne als deutsche Startup Hauptstadt und Gegenentwurf zum biederen München und zum kühlen Hamburg sieht, als Testlabor bestens geeignet. Es fängt schon morgens an. Nach der Bestellung in einem Café, auf dem Weg zur Arbeit, werde ich mit Pullover und Hemd, aber ohne Krawatte, geduzt. „Wie heißt du?“, fragt die Bedienung mit Stift in der Hand, um den Namen auf den Becher zu schreiben. Einen Tag später – ich trage einen dunkelblauen Anzug mit Krawatte – möchte dieselbe Bedienung wissen: „Welchen Namen kann ich drauf schreiben?“ Auf die Nachfrage, warum sie das Du vermied, sagt die junge Frau, ich sähe mit Krawatte älter und seriöser aus. „Als Frau fragt man sich, ehrlich gesagt, warum ein Mann sich seinen Hals zuschnürt.“

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