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Mode-Fotografie: Der bewegte Mann

Der bewegte Mann

Von MATTHIAS GAFKE, Fotos THOMAS KELLNER

24. Oktober 2016 · Erst wird er geteilt, dann wieder zusammengesetzt: Der Mann muss kein einfaches Wesen sein. Fotograf Thomas Kellner macht aus ihm ein kubistisches Kunstwerk aus vielen Kontaktabzügen.

© Thomas Kellner Einreihiges Jackett mit steigendem Revers in kräftigem Grün von Gucci, senfgelber Rollkragenpullover aus Kaschmir von Gucci, weißes Hemd mit bordeauxroten Blütendrucken von Marni, bräunliche Siebenachtelhose aus Denim mit grünem Bund und cognacfarbener Ledergürtel mit goldenen Nieten von Prada, gewobene Creepers von Lanvin

Dieses Fotoshooting ist für alle eine Herausforderung, besonders für Philip Milojevic. Denn das Model, 24 Jahre alt, muss stundenlang in derselben Pose ausharren. Thomas Kellner, der Fotograf, will es so. Normalerweise nimmt er berühmte Bauwerke auf oder Industriearchitektur, die sich nicht so schwer damit tun stillzuhalten. „Es muss schneller gehen“, ruft Philip. „Mein Nacken macht Faxen!“ Dann wird die Aufnahmeserie mal wieder unterbrochen, für ein paar Dehnübungen. Aber wenn es weitergeht, muss Philip wieder die gleiche Pose einnehmen - damit die Bilder am Ende auch stimmen.

© Thomas Kellner Bild 1: Nadelstreifenjackett von Lanvin, graues Jackett von Ermenegildo Zegna, T-Shirt mit Pailletten und Reißverschluss von 22/4_Hommes, Hose von Dior Homme, Socken von alke, Creepervs von Lanvin; Bild 2: Weißes Jackett von Alexander McQueen, Hemd von Louis Vuitton, Rollkragenpullover von Gucci, Anzughose von Brunello Cucinelli, Ledergürtel Nieten von Prada, Socken von Falke, Lederschuhe von Prada

Auch Thomas Kellner sind die Strapazen ins Gesicht geschrieben. Während sich Philip dehnt, wagt der Fotograf ein kleines Tänzchen zu den Beats von Kendrick Lamar, die aus den Lautsprecherboxen dröhnen.

Unter dem Stativ des Fotografen liegt ein Notizblock. Darin hat Kellner ein Gitter gezeichnet. Es hilft ihm, sein Motiv in einzelne Bilder zu zerlegen. Anhand dieses Schemas fährt seine Spiegelreflexkamera - eine Pentax MZS mit einem 80mm-320mm-Zoomobjektiv - wie ein Scanner über das Model. Im Zeitalter von Digitalkameras mit Speicherkarten arbeitet Thomas Kellner mit Kodak-Kleinbildfilmen, pro Filmrolle 36 Aufnahmen. Was die Betrachter seiner Werke am Ende zu sehen bekommen, sind durchkomponierte Kontaktabzüge. Da die Jüngeren mit so etwas nichts mehr anfangen können, ist Thomas Kellner stets um Aufklärung bemüht.

© Johannes Krenzer Making-of-Video: Der bewegte Mann

Als Kontaktabzug bezeichnet man den 1:1-Abzug des entwickelten Films auf einem Bogen Fotopapier. Er diente einst der Kontrolle und Auswahl. Für Thomas Kellner sind die Negative und Positive das Endprodukt. Jedes Einzelbild misst 24 mal 36 Millimeter. Da Kellner mit der Originalgröße des Materials arbeitet, benutzt er mehrere Filme, um ein Motiv größer darzustellen. Die Negative oder Positive zu vergrößern kommt für ihn nicht in Frage. Entschließt er sich dazu, sein Motiv mit einer Filmrolle abzulichten, ist das fertige Kunstwerk 20 mal 24 Zentimeter groß. Den Grand Canyon zerlegte Kellner beispielsweise in 2160 Einzelbilder, wofür er 60 Filmrollen und rund vier Stunden Zeit benötigte. Das Zusammenfügen von Ausschnitten, so sagt er, soll deutlich machen, dass ein Bild nicht mit einem Blick zu erfassen sei, sondern Wahrnehmung immer aus vielen visuellen und anderen Eindrücken entsteht und besteht.

© Johannes Krenzer Der Fotograf Thomas Kellner im Siegener Atelier eines Freundes, mit Model Philip Milojevic und Stylistin Katharina Baresel-Bofinger im Arm von Stylingassistentin Leonie Volk

Zum ersten Mal zerlegte Kellner vor fast zwei Jahrzehnten das Objekt seiner Begierde in Einzelbilder, im Sommer 1997 in Paris. An der Universität Siegen hatte er zuvor Kunst und Sozialwissenschaften für das Lehramt an Gymnasien studiert. 1996 gewann er den KodakNachwuchsförderpreis mit einer fotografischen Serie über Deutschlands Grenzen. Während des Studiums imponierten ihm die Werke der Maler Robert Delaunay und Pablo Picasso. Delaunay, dessen frühes Schaffen dem Neoimpressionismus zugeordnet wird, entwickelte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Stilrichtung, für die der Begriff orphischer Kubismus gebräuchlich wurde. Delaunays Bild vom Eiffelturm besticht durch eine Farbkomposition, die den Turm ins Schwanken bringt. Diese Dynamik war das Gegenteil von dem, wofür die Fotografie stand, deren Erfindung im 19. Jahrhundert Begeisterung hervorrief, weil sie die Wirklichkeit exakt abzubilden schien.

Fotografen, sagt Kellner denn auch, seien zu 99 Prozent austauschbar. Um sich abzusetzen und zu dem einen Prozent zu gehören, musste er die fotografischen Techniken künstlerisch überhöhen. Also suchte er nach einer Möglichkeit, den Eiffelturm zu verwandeln, um ihn schließlich zu besitzen. Kellner fertigte eine Bleistiftskizze des Turms an, auf die er ein Gitter mit 36 Feldern legte. Nach dem vorgegebenen Raster fotografierte er das Pariser Wahrzeichen von links nach rechts und von unten nach oben ab. Mittels Stativ behielt er seine Position bei. Nur die Kamera variierte ihre Blickrichtung. Vom Ergebnis war Kellner schlichtweg überwältigt: „Ich war fast schockiert von der Schönheit meines Eiffelturms.“

© Thomas Kellner Langer Blazer mit aufwendigen Perlenstickereien von Valentino, fliederfarbener Rollkragenpullover aus Kaschmir von Falke, tiefsitzende waldgrüne Trainings-Anzughose mit vertikalem Streifen von 22/4_Hommes, gewobene Creepers von Lanvin

Männermode zu fotografieren ist für Thomas Kellner neu, aber wegen der ungewohnten Perspektiven ungemein spannend. Zwei Tage dauert das Fotoshooting in Siegen, seiner Heimatstadt, in einem Studio im Stadtteil Weidenau, das einem Freund gehört. Es entstehen neun Aufnahmen, die dem Fotografen 28 Stunden Arbeit allein fürs Fotografieren abverlangen, zu schweigen von der Nachbearbeitung. Philip Milojevic, der 1,92 Meter groß ist, wird von Kellner in 63 Einzelbilder zerlegt, um möglichst in die Nähe des Formats dieses Magazins zu kommen.

© Thomas Kellner Geblümtes einreihiges Jackett mit Ansteckblume von Dior Homme, weißer Rollkragenpullover mit Zopfmuster von Berluti, Wollflanellhose mit Schottenmuster von Valentino, Loafers mit Fellbesatz und goldener Schnalle von Gucci

Thomas Kellners Stil lässt sich nur schwer einer bestimmten Richtung zuordnen. Die Fotohistorikerin Irina Chmyreva beschreibt ihn als Schöpfer einer „visuellen analytischen Synthese“. Wie Paul Cézanne zerlege er den Gegenstand in Atome, um ihn dann wieder zusammenzufügen. Andere sprechen von „kubischer Orchestrierung“, „radikalem Konstruktivismus“, „Dekonstruktivismus“ oder „Rekonstruktivismus“. Vermutlich ist alles ein bisschen richtig, denn in der Tat dekonstruiert und rekonstruiert er die hergebrachte Fotografie, um am Ende das kubistische Gesamtkunstwerk eines bewegten Mannes zu schaffen.

© Thomas Kellner Bild1: Zweireihiges Jackett mit aufgesetzten Ledertaschen von Brioni, mitternachtblauer Blouson mit Fellkranz von Ami Paris, weites Hemd mit Obst-Aufdruck von Prada, Latz mit kupferfarbenem Reißverschluss von 22/4_Hommes; Bild 2: Samtjackett mit steigendem Revers in Petrol von Bottega Veneta, schwarzer Rundhalspullover mit weißen Blumen von Dior Homme, Latz mit kupferfarbenem Reißverschluss von 22/4_Hommes

Seine Kunst kommt jedenfalls gut an, obwohl oder weil ihre Technik so schwer zu verstehen ist. Thomas Kellner, der international arbeitet, vor allem für Werbung und Industriefotografie, hatte schon Ausstellungen auf allen Kontinenten. Nächstes Jahr werden seine Kunstwerke in Deutschland, England, Frankreich und Island zu sehen sein. Kann er sich vorstellen, noch einmal ein Modeshooting zu machen? Figuren, so antwortet er gutgelaunt und sibyllinisch, spielten im Kubismus eine wichtige Rolle.

Fotograf: Thomas Kellner
Styling: Katharina Baresel-Bofinger
Model: Philip Milojevic (Marilyn)
Styling-Assistenz: Leonie Volk
Haare und Make-Up: Isabel Maria Simoneth

Fotografiert am 1. und 2. Juni 2016 in Siegen.
Dank an Heiner Morgenthal, Norbert Kircher, Nikolaus Schmitz und Bianca Endenbach

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 24.10.2016 17:04 Uhr