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Rollstuhl-Model : Einfach eine Frau

  • -Aktualisiert am

Claudia wuchs in Frankfurt auf und sucht sich seitdem in Rollen und Rollenbrüchen. Bild: Mike Wenski

Claudia Neun arbeitete auf dem Bau, wuchtete Fensterglas rauf und runter und trank mit den Handwerkern. Als sie an Multiple Sklerose erkrankte, stolperte sie aus ihrer Rolle. Über eine Frau, die sich sucht und im Modeln wiederfindet.

          Wenn die schlechten Tage vorbei sind, solche, an denen Claudia heulen möchte, fährt sie mit Marco in den Baumarkt und kauft einen Griff. Es hängt schon einer am Kopfende des Ehebettes und im Bad neben der Toilette. Weil es immer mehr Entzündungsherde in Claudia gibt, wird es immer mehr Griffe in der Wohnung geben.

          Claudia hält sich an den Griffen fest, wenn ihre 48 Kilo zu schwer sind für die Arme. Und sie können sehr schwer sein, die Kilo und die Momente, in denen keine Kraft mehr da ist. Dann schluckt sie eine Kapsel indischen Weihrauch, wartet auf den nächsten Tag oder den übernächsten und reist ins Fitnessstudio in die Nachbarschaft. An der Kurzhantel rüstet sie sich gegen die schlechten Tage, an denen die multiple Sklerose in ihrem Körper tobt. Drei Sätze, 15 Wiederholungen à 2,5 Kilogramm.

          Die Reise in das Fitnessstudio beginnt für Claudia mit 15 Stufen und einem gerahmten Foto. Manchmal weiß sie nicht, was die größere Herausforderung ist. Die Treppe hinunter bis zu ihrer Haustür oder der Blick auf das Bild am Wohnungseingang. Eine junge Frau mit rundlichem Gesicht. Sie steht neben einem Pferd und lächelt so triumphierend, wie es nur Pferdemädchen können. „27 Jahre lang habe ich Scheiße geschöpft für meinen Gaul“, sagt Claudia und schiebt den Rollator zur Seite. Wenn sie lächelt, hat sie dort Bäckchen, wo sich andere Frauen sehr viel Puder auftragen. Es sind mittlerweile die einzigen Rundungen an ihr, aber das fällt nicht auf, weil sie eine anmutige Frau ist, eine, bei der alles weich wirkt. Alle vier Wochen lackiert ihr Frau Elchin die Fingernägel in einer anderen Farbe. Heute sind ihre Nägel lila, die Augen mit der Sommerhimmelfarbe silbrig umrandet. Das passt jetzt zu Claudia, weil sie nicht mehr im Stall steht. Oder Fenster auf den Lader wuchtet – 40 Kilo, Zweifachverglasung.

          „Nehmt mich wie ich bin“

          Claudia wuchs in Frankfurt auf und sucht sich seitdem in Rollen und Rollenbrüchen. Nach der Schule wollte sie Schreinerin werden, keine Bürokauffrau wie die Mädels auf der Gesamtschule. Weil der Schreinermeister kein Weiberklo neben das Pissoir bauen wollte, machte sie eine Ausbildung beim Glas- und Fensterbau. Im Morgengrauen saß sie neben den Handwerkern, die sich mit dem ersten Bier die Rindswurst in den Mund zitterten. Sie fuhr mit ihnen nach Köln und Prag auf den Messebau, pennte mit den Jungs im Hotel, trank mit ihnen die Nacht durch und wollte für immer eine von ihnen sein. Claudia wog 95 Kilo zu diesem Zeitpunkt. „Nehmt mich, wie ich bin, oder nehmt mich gar nicht“, rief sie der Welt damals entgegen, und Marco Neun nahm sie und liebte sie, wie sie war. Sie heirateten acht Monate nach ihrem ersten Treffen am 5. November 1999, an dem Marko Neun dachte: „Wow, was für ein Tier.“ 23 Jahre war Claudia damals. 23 Jahre und gesund.

          Claudia Neun: Kein Kleiderständer-Model, sondern ein Charakter-Model

          Claudia wendet sich von dem Foto ab und den Stufen zu. Ein großer Schriftzug auf Leinwand strahlt im Treppenhaus auf die fünfzehn Stufen. Er ist von jeder einzelnen sichtbar. „Carpe Diem“, steht darauf.

          Es gibt noch keinen Griff im Treppenhaus, dafür ein Geländer, an dem sich Claudia festhält. Zuerst der linke Fuß, der gute, er wird sie halten. Dann der rechte Fuß, der schlechte, er wird sie nicht halten, er hält kaum noch etwas seit dem Tag im Januar 2000. Als sie stolperte neben ihrem Pferd, weil sie müde war, wie sie dachte. Als sie stolperte, weil die Myelinscheiden um ihre Nervenzellen geschädigt waren, wie sie später erfahren wird.

          Suche nach einer neuen Rolle

          Multiple Sklerose (MS) ist eine der Krankheiten, bei der viele „oh je“ sagen und dabei nicht so genau wissen, was das eigentlich heißt: „oh je“ und multiple Sklerose.

          Claudia sitzt wieder am Wohnzimmertisch. „Ich erkläre es oft mit der Kabel-Geschichte“, sagt sie. Wenn das zentrale Nervensystem entzündet ist, funktioniert die Weiterleitung der Signale nicht mehr richtig. Das liegt an den Nervenfasern, die wie ein elektrisches Kabel von einer Schutzschicht umgeben sind. Greift ein Entzündungsherd die Myelinschicht der Nervenfasern an, geht die Botschaft verloren, wie das Stromsignal bei einem kaputten Kabel. Dann sehen die Betroffenen unscharf, fühlen sich gelähmt oder stolpern, wie Claudia vor 18 Jahren. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem Vanessa, ihre Tochter, auf die Welt kam.

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