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Interview mit Carmel McCreagh : „Die Sixties waren nur swinging für alle, die nicht da waren“

Carmel McCreagh im Juli 1967 mit ihrer neugeborenen Tochter. Bild: PRIVAT

Carmel McCreagh, ehemaliges Shop-Girl von der Carnaby Street,spricht über die Hosenanprobe der Bee Gees, ihre Schwangerschaft im Minikleid und das Zentrum des Zeitalters.

          Carmel McCreagh, Sie sind Irin, aber haben in den sechziger Jahren an der Londoner Carnaby Street in einer Boutique gearbeitet. Wie sind Sie da hingekommen?

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich bin schon mit zehn Jahren nach England gezogen, direkt nach London. Das war 1958. Mein Vater hat damals dort gearbeitet, deshalb sind wir nachgezogen. Mit 16 Jahren habe ich dann eine Ausbildung bei John Cavanagh gemacht, einem der großen britischen Designer der Zeit. Er hat auch für die Königin entworfen. Ich hatte damals vor, selbst einmal Modemacherin zu werden, und lernte, was ein richtiger Schnitt war. Von da aus bin ich an die Carnaby Street gekommen, zu John Stephen. Die Straße war damals so aufregend, da wollte ich dabei sein.

          John Stephens zweiter Name war „König der Carnaby Street“. Er stand für die neue Mode, die nicht so teuer war und die man sich daher umso öfter leisten konnte. An der Straße gibt es seit 2005 eine Gedenktafel, die an ihn erinnert.

          Er war der Erste an der Carnaby Street. Vermutlich war ich ganz interessant für ihn, denn ich kannte mich mit Proportionen, Größen und Farben aus. Ich habe damals dort einfach vorbeigeschaut, hatte ein Vorstellungsgespräch, das war's.

          Was haben Sie dort gemacht?

          Ich habe verkauft und mehrere Läden an der Carnaby Street verantwortet.

          Wie war die Stimmung?

          Es war immer viel los, wir waren sehr auf unsere Arbeit konzentriert. Wir sagen bis heute: Die Swinging Sixties waren nur swinging für jene, die nicht da waren. Es war ein ernsthaftes Geschäft, und John Stephen war ein ernsthafter Mann. Wir verkauften auf Provision, und man brauchte viel Provision, um gut zu leben.

          Wie viel haben Sie verdient?

          Ach, irgendwas zwischen sieben und zehn Pfund die Woche.

          Stimmt es, dass die Kleidungsstücke, die es da gab, nicht gut verarbeitet waren?

          Es gab bessere und schlechtere. In den frühen Jahren war die Qualität besser, denn in den Hinterzimmern arbeiteten noch Schneider. Wer an der Straße in einem Laden etwas anprobierte, sich das Teil aber in einer anderen Farbe, einer anderen Länge oder mit anderen Taschen wünschte, musste nicht wieder gehen. Wir sagten dann: „Keine Sorge, kommen Sie in zwei Stunden wieder, dann haben die Schneider das Stück neu genäht.“

          John Stephen kam 1957 an die Carnaby Street. Wann haben Sie dort gearbeitet?

          1966 bis 1968, damals fuhren dort noch Autos. Sie wurde erst Anfang der Siebziger zur Fußgängerzone. Als ich dort gearbeitet habe, eröffneten viele ihre Boutiquen dort, also standen immer Lastwagen herum. Es war ein verrückter Ort, stressig, stressig, stressig. Der Shop musste pünktlich auf die Minute öffnen, nicht um 10 Uhr oder 10.30 Uhr, sondern um neun. Dann musste man bereit sein, viel zu verkaufen.

          War das ein Problem?

          Wir hatten viele Kunden, viele Amerikaner, wie Sie sich sicher vorstellen können. Für sie war die Carnaby Street ja der Ort. Wir hingen unsere Maßbänder damals über die Krawattenhalter, und eines Tages kamen ein paar junge Amerikaner, nahmen die Maßbänder und sagten, „Oh wow, oh my god, is this a tie?“ Und ich sagte, naja, das Stück hängt ja über dem Krawattenhalter. Sie hängten es sich um den Hals, und ich riet ihnen, auch noch einen Knoten zu binden. Dann kauften sie die Maßbänder. Die Menschen wollen Dinge glauben.

          Es zeigt auch, wie offen die Menschen für Neues waren.

          Man darf nicht vergessen, dass die grauen Jahre gerade vorüber waren. In den Fünfzigern kamen die Teddy Boys, die Mods, aber das waren männliche Mode-Phänomene. Endlich konnten nun auch die Frauen ihre engen Kleider ablegen und ihre spitzen BHs.

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          Haben Sie dort Prominente gesehen?

          Alle! Wir leben ja in einer Zeit, in der alle permanent Selfies machen, jeder will berühmt sein, roter Teppich, der ganze Nonsens. Damals haben wir diese Menschen nicht besonders beachtet. Sie waren immer da. Twiggy auch, obwohl ich mich nicht daran erinnern kann, dass sie an der Carnaby Street mal etwas gekauft hat. Aber ich erinnere mich an die Kinks, die Pretty Things, die Rolling Stones, die Bee Gees. Eines Tages schaute ich auf, und da standen die Bee Gees, denen Anzüge angepasst wurden. Ein Bein war schon mit Nadeln zurückgesteckt, und ich dachte nur: Gott, sind die dünn. Aber ich dachte nicht: Oh Gott, da sind die Bee Gees. Wir fühlten uns gleichwertig, nicht anders.

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