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Veröffentlicht: 17.01.2014, 05:59 Uhr

Berliner Modewoche (Tag 3) Guido Maria Kretsch… wer?

Manche Marken zeigen Stil. Andere zeigen Stile. Und bei manchen gelingen nur die Stillosigkeiten.

von , , Florian Siebeck und
© dpa Berliner Modewoche: Die Schauen des dritten Tags

Der Tag beginnt, zum Glück, mit Dorothee Schumacher. Viele Modemarken aus dem Westen haben der „Mercedes-Benz Fashion Week“ den Rücken gekehrt, sie ist noch da. Die Modemacherin aus Mannheim weiß, was Frauen wünschen. Sie feiere die Weiblichkeit und breche sie mit einer rockigen Attitüde, sagt sie. „Feminine Androgyny“, das sind Oversized-Mäntel, unter denen einen plissierter Rock hervorblitzt, kastige Lederjacken zu Seidenhosen, grobe Strickpullover, mit Kristallen veredelt. Im schwarzen Kleid und in Boots nimmt sie nach der Schau die Glückwünsche entgegen: „Ich liebe Berlin! Ich bleibe hier!“

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Heutzutage ist das eine politische Aussage. Fast mutig sogar, weil jetzt jeder gern schlecht über Berlin redet – am liebsten beim Champagner im Grill Royal. Dabei ist das gar nicht nötig, denn die Messen laufen gut, und die Krisensymptome der „Mercedes-Benz Fashion Week“ wären durch ein, zwei große Namen leicht zu beheben. So lange müssen hier die Kleinen blühen, also eine Designerin wie Stephanie Franzius, die ein paar beachtliche Mäntel zeigt, schön geschnittene Seidenkleider – und Drucke, als stammten sie von Röntgenbildern. Oder auch Isabell de Hillerin, die auf handgewebte Stoffe aus ihrer Heimat Rumänien setzt – wobei viele Kleider und Jacken in Schwarz, Bordeaux und Königsblau in der Variation leicht beliebig wirken. Egal, der Kamelhaarmantel in Lagenoptik und mit leichtem Wasserfallkragen ist ein Lieblingsstück auch der Designerin.

Die Ideen kommen hier aus jeder Ecke. Mode machen wie Mies van der Rohe Architektur, das ist zum Beispiel das Konzept von Jennifer Brachmann aus Halle an der Saale, die aus Klassikern Trendstücke machen will. Dazu zerlegt sie Trenchcoats, Hemden oder Bügelfaltenhosen in ihre Einzelbestandteile und fügt sie neu wieder zusammen. So entstehen eine Mischung aus Hemd und Cutaway oder ein gestufter Mantel mit Norfolk-Falte und langen Taschen. Reiterhosen in Anzug-Optik versieht sie mit Bundfalten, dazu Halbschuhe und ein schlichtes Hemd mit Stehkragen. Viele der Stücke wirken erstaunlich modern – vielleicht sehen so die Klassiker der Zukunft aus.

Die Kosten für ihre erste Schau, post-klassisch untermalt mit Flügelmusik und einem Synthesizer, hat Jennifer Brachmann zum Teil durch die Unterstützung ihrer Käufer hereingeholt – seit der Gründung ihres Labels zusammen mit dem Partner Olaf Kranz vor einem Jahr hat sie in ihrem Hallenser Atelier schon einen Kundenstamm aufgebaut. Übermäßig mode-affin ist es dort aber nicht. „Da wundern sich manche Kunden doch, dass Sie plötzlich ein Interesse an Kleidung hegen.“

Es ist nasskalt in Berlin. Wer würde da freiwillig draußen auf der Straße stehen? Um so überraschender die Menschentraube am Donnerstagnachmittag in der Joachimstraße 11. Wie gebannt starren alle durch die Fensterscheibe. Schwarz auf Glas ist klar, worum es geht: Perret Schaad. Neuerdings üben sich die Designerinnen Johanna Perret und Tutia Schaad nicht nur in minimalistischen Kollektionen, sondern auch in überraschenden Locations. Im Juli erklärten sie das Innere der Neuen Nationalgalerie an der Potsdamer Straße kurzerhand zum Laufsteg. Die Models lösten jeweils ein Ticket, um sich in den Räumlichkeiten aufhalten zu dürfen, die Besucher mussten draußen bleiben – und hatten vor den Glasscheiben den besten Blick auf die Kollektion. Auch im Eingangsbereich des Apartmenthauses von David Chipperfield ist es so eng, dass nicht einmal ein Laufsteg Platz hat. Ein Podest tut’s auch.

Die Designerinnen reduzieren eben gerne aufs Wesentliche und zeigen passenderweise Röcke und Kleider, die aus nichts als fließender Seide zu bestehen scheinen, weiße Blusen, die nur mit einem Knopf zusammengehalten werden. Ganz am Rande experimentieren sie mit einem orientalisch anmutenden Perlenmuster. Das taucht mal auf Kleidern auf, dann auf dem Saum einer schwarzen Palazzohose.

Auf gleichem Niveau Vladimir Karaleev, der schnitttechnisch genau so avanciert arbeitet – und noch dazu Drapierungen und Fältelungen an der Brust und der Seite erfindet, wie sie die Modewelt noch nicht gesehen hat. Eine solche Kollektion hat es nicht nötig, Glitzersteinchen und Blumenmuster über die Kleider zu werfen. Elfenbeinfarben reicht. Denn allein durch das Schattenspiel der skulpturalen Stoffstreifen entstehen die Muster. Karaleev, der aus Bulgarien stammt und sein Label in Berlin aufbaut, sucht nach „eleganter Dekonstruktion“, wie er sagt. Und was ist mit diesen offenen Kanten, fragt eine kritische Besucherin backstage, hängen die Fäden nicht nach der zweiten Wäsche lose herab? Sogar diese Frage lächelt der Mann weg, der gerade die beste Kollektion dieser Modewoche auf die Bühne gebracht hat.

Von grau ist es ein kurzer Weg zu grauslich

Andere haben es aber auch nicht so leicht. Denn wenn das Geschäft einmal läuft, wenn man die Kundinnen kennt, wenn die Läden beliefert werden müssen, dann darf man sich nicht mit allzu vielen Experimenten aufhalten. Da geht es Marc Cain (Leopardenmuster, New Yorker Stadtimpressionen, ein verstörendes Raubtierchen) nicht anders als Laurèl (Zickzack trifft Zebra). Beide Kollektionen werden sich im Herbst gut verkaufen. Auf dem Laufsteg ist das Bild aber unklar, weil sie viele Stile zeigt, nicht einen starken Stil.

Oder sehen wir das zu eng? Nehmen wir Guido Maria Kretschmer. An der Farbe Bordeaux in seiner Kollektion hält der vielbeschäftigte Modemacher, Buchautor und Fernsehmann lange fest. Die Stoffe bearbeitet er so, als wären sie mit Haarlack überzogen. Von grau ist es ein kurzer Weg zu grauslich: Ein Muster aus schwarzen Pailletten erinnert gar an ein großes Spinnennetz. Die Abendkleider muss er dringend überdenken. Denn es steht zu befürchten, dass einige Kundinnen die Chiffonschleppen-Kitschbomben mit Mode verwechseln und in Salzburg oder Bayreuth tatsächlich darin auftreten.

Sage aber niemand, Guido Maria Kretschmer wisse nicht, was er tue. Seit Wochen besetzt er mit seinem Ratgeber „Anziehungskraft: Stil kennt keine Größe“ Platz 1 der „Spiegel“-Bestsellerliste. Mit einem Modebuch! Das muss ihm erst mal jemand nachmachen.

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