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Veröffentlicht: 05.07.2013, 02:41 Uhr

Berliner Modewoche (Tag 3) Auch die Models zahlen Eintritt

Am dritten Tag der Fashion Week wird ein neues Kleidungsstück geboren und eine neue Form der Berliner Modepräsentation erfunden. Trotzdem bleibt alles beim Alten.

von Florian Siebeck und , Berlin
© dpa Hinter Glas: Die Besucher der Schau von Perret Schaad in der Neuen Nationalgalerie mussten draußen bleiben.

Wenn man von solchen Frauen geweckt wird! Dorothee Schumacher, die traditionell das Fashion-Week-Zeitfenster Donnerstags um 10 Uhr belegt, hat sich an diesem Vormittag in ihrer Funktion als lebendiger und natürlich außergewöhnlich schicker Wecker der Modeleute eine standesgemäße Partnerin an ihrer Seite gesucht. Niemand Geringeres als die Modelegende Diana Vreeland verkündet über den Lautsprecher ihre Weisheiten: Es gehe nicht um das Kleid, sondern um das Leben, das man in diesem Kleid führe. Vreeland beschwört den Reiz von Sommersprossen auf den Gesichtern von Models. Einer ihrer „Why Don’t You“-Ratschläge folgt dem nächsten.

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Die könnte man sich merken, wäre man nicht längst gedanklich abgelenkt, nicht nur von den Polka-Punkten auf den Kleidern, sondern auch von der Pop Art, die hier ihren Weg in die Kollektion findet, sowie von einem ganz neuen Modeteil, das die Designerin „T-Blouse“ getauft hat. Denn es sitzt so locker wie ein schönes, altes T-Shirt, das seit Jahren im Schrank liegt und immer besser wird. Gleichzeitig sieht es korrekt genug aus, um darin einen tadellosen Auftritt hinzulegen. Schumacher bedruckt es mit tropisch oder asiatisch aussehenden Prints – oder eben mit comicartigen Drucken wie bei Roy Lichtenstein – setzt die Ärmel in Schwarz ab oder verziert sie mit einem sportlichen blau-weißen Rand, den man an Baseballjacken vermuten würde. Auch so eine mischt sie zwischen die dünnen Trägertops und „T-Blouses“. Hier wird das Baseballstück mit weiten Röcken kombiniert. Das Ergebnis mutet beinahe schräg an. Allerdings, es geht noch schräger. Denn in der Kollektion taucht ein gewisser Slogan auf: „Set the world on fire“. Ein Ratschlag, der auch von Diana Vreeland hätte kommen können und der ebenso in die Pop Art passt. Schräges kann also doch stimmig sein.

25049727 Mit Polka-Punkten: Dorothee Schumacher © Schumacher Bilderstrecke 

Isabell de Hillerin, Designerin aus München mit rumänischem Hintergrund, verarbeitet traditionelle Stoffe aus ihrer Heimat, verzichtet aber auf offenkundige Reminiszenzen an ihre Herkunft. Stattdessen will sie klare Schnitte und zeitlose Mode zeigen, was ihr zum Beispiel mit einem aschgrauen, fast negligeeartig wirkenden Kleid, das von einer schwarzen Cape-Jacke umspielt wird, auch gelingt. Die Kollektion wird von Tönen in Apricot, Aschgrau und Cremeweiß dominiert, einige Stücke tragen warmes Blau. Ein Manko sind unsaubere Schnitte, die Hosen schlecht sitzen lassen und bei einem apricotfarbenen Kleid den Eindruck erwecken, es liege wie vakuumiert am Körper des Models.

Perret Schaad schlägt der Modewoche ein Schnippchen

Schräg ist übrigens auch die Idee, dass das junge Designerduo Perret Schaad tatsächlich in der Neuen Nationalgalerie in der Potsdamer Straße zeigen soll. Jener Ort, den sich vor ein paar Jahren allenfalls große, mächtige, reiche Marken wie Hugo Boss oder Joop! leisten konnten. Hat Perret Schaad das etwa gemietet? Nein, das Label sei dort lediglich „geduldet“ gewesen – solange es die Hausordnung beachten würde. Johanna Perret und Tutia Schaad verzichten also auf professionelles Laufsteg-Licht, auf laute Musik, und die Models lösen jeweils ein Besucherticket. Und, ach ja, die eigentlichen Besucher der Schau müssen draußen bleiben. Die drücken sich also an den bodentiefen Fensterscheiben die Nase platt, als um kurz nach halb vier Uhr nachmittags, plötzlich zwischen den 36 Steinskulpturen und einer Handvoll Touristen drum herum, eine Traube außergewöhnlich gutgekleideter Frauen in Erscheinung tritt. Die Models! Hinter Glas verborgen bleiben so bis zum Rücken geschlitzte Kleider, hochgeschlitzte Röcke, Mäntel, die am Rücken mit zwei Nähten umgeschlagen sind und auf diese Weise eine interessante Struktur bekommen.

Genial ist die Museums-Idee einmal, weil Perret Schaad ohnehin einen hohen Anspruch an die Form ihrer Kleider stellt. Die wirken oft architektonisch und sind somit hier, im Mies-van-der-Rohe-Bau an der Potsdamer Straße, mehr zu Hause als auf irgendeinem Laufsteg. Vielleicht liegt es auch an der Stille, die während der Präsentation Einzug hält – laute Musik würde ja gegen die Hausordnung verstoßen –, aber genial ist die Idee doppelt, weil die Mode eigentlich ein exklusiver Club mit harter Tür ist. Nun kommen in die Schau von Perret Schaad noch nicht mal die Modeleute hinein. Dabei kann man doch gerade in Berlin, etwa beim Warten auf eine Präsentation inmitten einer Menschenmasse, zuweilen den Eindruck bekommen, dass jeder, der sein privates Facebook-Profil aufhübschen will, Teil dieser Gruppe sein kann. Perret Schaad schlägt der Berliner Mode-Integration also auch ein Schnippchen und veranstaltet das exklusivste Ereignis der Fashion Week.

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Wenige Stunden später, bei Lala Berlin, ist dann wieder alles beim Alten. In den riesigen Opernwerkstätten in der Zinnowitzer Straße findet jeder Gast seinen Platz – und sei es nur seinen Stehplatz. Und selbst der Kollektionstitel trägt in sich eine Kleiderordnung: Dresscode on some faraway beach. Allerdings, der Strand scheint wirklich weit entfernt zu sein, selbst von der Kollektion. Ihre weißen Lederoberteile, Pullover mit kleinen spitzen Hörnern und der Druck von Blättern der Spezies Monstera, die vornehmlich im Amazonas wächst, erinnern an Safari, an die Steppe, an den Dschungel, aber nicht an einen abgelegenen Strand. Ist aber halb so schlimm, denn die typischen Seidenkaftane und die dicken Strickjacken mit abstrakten Drucken und Stichmustern werden die Lala-Berlin-Kundin bei Laune halten, egal wie die Kollektion nun heißt. Für den animalisch wirkenden neonpinkfarbenen Pullover mit Hörnern würden sich allein unter den Schauenbesuchern wohl schon drei Kundinnen finden. Sie alle sind im Vorgängermodell aus diesem Sommer, in einem besonders grellen Neonorangeton, unübersehbar. Von Neonorange zu Neonpink – irgendwie bleibt eben doch alles beim Alten.

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