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Berliner Modewoche (Tag 2) : Hingucker Hosenbund

Überraschungsmoment auf der Modewoche: Issever Bahri. Bild: Florian Siebeck

Der zweite Tag der Fashion Week in Berlin beginnt mit Trash, der zur Handwerkskunst avanciert und klingt auf großem Fuße aus.

          Die Einkäuferin aus London, die in Berlin auf der Suche nach Labels ist, die sonst noch keiner in ihrem Umkreis kennt, blinzelt in den Berliner Mittwochmorgenhimmel über dem Brandenburger Tor. Nächste Woche soll es weitergehen nach Paris – nur sei das eigentlich gar nicht mehr nötig. In der nächsten Saison plane sie, nur noch nach Berlin zu kommen. Ja, auch so können Reiserouten von Einkäufern aussehen, denen – nicht zu Unrecht – eigentlich nachgesagt wird, Berlin zwischen den großen Modestädten außen vor zu lassen. Dabei macht ausgerechnet diese Stadt vielen Einkäufern in Zeiten der Krise und somit der schrumpfenden Reisebudgets ein eigentlich verlockendes Angebot. Nämlich jenes, auf den rund 15 Messeveranstaltungen beinahe einen Komplettüberblick über die Saison zu bekommen, über Jeans, Sportswear, Skatermode, nachhaltige Kleidung und eben über jene Labels, die eine Alternative zum Einerlei der Handvoll Marken sein könnten, das die Läden in den größeren Städten dieser Welt und die Onlinestores immer ähnlicher aussehen lässt.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Designerinnen Derya Issever und Cimen Bachri, die beide türkische Wurzeln haben und darüberhinaus einen Sinn für feine Handarbeit, beweisen hingegen gleich am Morgen, dass Überraschungsmomente auf der Modewoche – und somit natürlich auch in der Mode – möglich sind: Gehäkelte Applikationen in Form von Zitrusfruchtscheiben, von rubinrot bis grün, finden sich nicht nur auf den Sonnenbrillen der Models. Auch auf einem Metallic-Blouson, der hart wie eine Bomberjacke wirkt, auf engen Hosen oder Etuikleidern mit plissierten Krägen prangen die macrameeartigen Ornamente, die auch an Hibiskusblüten erinnern. Obwohl die ganze Kollektion garniert ist mit dieser fruchtig-sommerlichen Frische, sind die Stücke angelehnt an türkische Blockbuster-Plagiate, kurz: Trash; aber wer will bei dieser originären Handwerkskunst schon daran denken?

          In Wimbledon dürfte Franziska Michael mit ihrer Interpretation des Tenniskults der neunziger Jahre nicht antreten. Bilderstrecke
          In Wimbledon dürfte Franziska Michael mit ihrer Interpretation des Tenniskults der neunziger Jahre nicht antreten. :

          Eine eigene Identität mit künstlerischem Anspruch

          Das feine Hotel de Rome am Bebelplatz ist jedenfalls etwa so weit entfernt vom Trash wie Himmel und Hölle. Es bietet also den passenden Rahmen für den „Vogue Salon“, wo sich Einkäufer am Mittwochmittag die Kollektionen der dort präsentierenden Designer gleich im Detail anschauen – zum Beispiel die Blüten aus Soft-Keramik, die das Duo Blaenk in seine neue und ausschließlich aus weißen Teilen bestehende Kollektion einarbeitet. Ausschließlich Schwarzes zeigt daraufhin Augustin Teboul in einem Kreuzberger Projektraum, der an ein ehemaliges Jugendzentrum erinnert und zur Präsentation komplett vom Nebel eingehüllt ist. Das soll allerdings nicht heißen, dass das junge Label in seiner Jugend steckenbleibt. Im Gegenteil, denn zwischen dem kriegerischen Kopfschmuck, den pelzartigen Besätzen, den gehäkelten Capes mit beinahe aggressiv daherkommenden Front-Zippern aus Leder, also zwischen Teilen, auf die Augustin Teboul seit einigen Saisons stetig aufbaut und dabei eine eigene Identität mit künstlerischem Anspruch entwickelt, sind Stücke, die für die Marke ungewöhnlich tragbar wirken. Seidenshirts mit bestickten Perlenmustern, Lederleggings, Midikleider mit plissierten Röcken und Spitzenpullover könnten ohne weiteres in den Läden hängen. Die sollten mal die Einkäufer sehen.

          In Wimbledon dürfte Franziska Michael mit ihrer Interpretation des Tenniskults der neunziger Jahre zwar nicht antreten, aber in Crocs, die ihre Models hier an den Füßen tragen, wäre das eh nicht sehr sinnvoll. Eine weitere Unstimmigkeiten im Zusammenhang mit Tennis: Neon. Auf der anderen Seite, mit farbigen Drucken hatte Michael in der vergangenen Saison eine guten Einstand. Da verzeiht man sogar einen Rock in Neongrün, der wie ein Handtuch um die Hüfte gespannt ist und nur von einer Nadel zusammengehalten wird.

          Das Label Kaviar Gauche, das vor allem mit avantgardistischer Brautmode erfolgreich ist, inszeniert in der St.-Agnes-Kirche indes Spitze in allerlei Variationen. An fast jedem Kleid – oft plissiert von Weiß bis Nude – ausgeschnittene Blütenmuster, darüber Lasercut-Lederwesten mit Wellenschnitt im gleichen Ton. Zum Finale dann ein opulentes Kleid aus Tüll mit Rüschen und einem Mohnblüten-Lasercut im Dekolleté. Auf Schwarz wird fast vollkommen verzichtet, was die Kollektion an die Grenze zum gefühligen Kitsch bringt, den die Designerinnen Johanna Kühl und Alexandra Fischer-Roehler für gewöhnlich zu brechen wissen.

          Eine große Portion Selbstbewusstsein

          In Vladimir Karaleevs Kollektion steckt eine große Portion Selbstbewusstsein. Karaleev hat ein Händchen dafür, das Unperfekte besonders perfekt aussehen zu lassen, aber hier wirken die bewusst nie richtig passenden Stoffe und die extra nicht vernähten Säume außergewöhnlich selbstsicher. Letztere sehen aus, wie krumm mit der Schere abgeschnitten, etwa an hauchdünnen Seidenshorts oder an Oberteilen aus dicker Wolle. Bei einem hübschen Ensemble blitzt unter den Shorts ein großes Stück weißes Futter hervor, und auf den Hosen wird ausgerechnet der extrabreite Bund zum Hingucker. Trotzdem, auch der Hosenbund ist lediglich Teil einer Zwischensaison. Karaleev zeigt hier am Nachmittag eine Pre-Kollektion.

          Auf der „Vogue-Night“ im Borchardt, dem halbjährlichen Branchentreff zur Fashion Week, erzählt er dann am Abend, dass die eigentliche Sommerkollektion dreimal größer ausfallen wird – mit 60 bis 70 Teilen. Dazu hätten ihm, wer sonst, Einkäufer vom Londoner Kaufhaus Selfridges, geraten. Die Modemacher vom Label Odeeh, Jörg Ehrlich und Otto Drögsler erzählen derweil, dass sie tagsüber Rat bei sich selbst suchten – oder suchen mussten? Die Produktion ihres Lookbook-Shootings legten sie auf diesen Mittwoch. Während also auf dem Laufsteg am Brandenburger Tor im 30-Minuten-Takt das Licht an- und ausgeknipst wird, suchte Drögsler auf die Schnelle nach passenden Schuhen. Das Model hatte unerwartet große Füße. Da beenden wir den Tag doch in erwarteter Modewochen-Manier – auf großem Fuße mit genügend Champagner. Manchen Gewohnheiten sollte man besser treu bleiben.

          Quelle: FAZ.NET

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