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Berliner Modeszene : „Firma“ wird geschlossen

Fühlen sich schlecht behandelt: Daniela Biesenbach und Carl Tillessen Bild: Martin Mai

Eigentlich haben Daniela Biesenbach und Carl Tillessen alles richtig gemacht - trotzdem müssen sie ihre Berliner Modemarke „Firma“ nach 17 Jahren schließen. Noch ein Menetekel für die Designer-Hauptstadt.

          Eigentlich haben sie alles richtig gemacht. Begannen 1997 mit einer Männer-Linie und erweiterten dann um Damen. Fanden ihren Stil und entwickelten ihn weiter. Verkaufen ihre Kleidung an 60 Läden und haben auch zwei eigene Geschäfte eröffnet, einen im Westen Berlins, einen im Ostteil. Vertreiben ihre Mode über Online-Plattformen und versilbern ihren Namen mit einer Kosmetik-Lizenz. Daniela Biesenbach und Carl Tillessen von der Marke „Firma“ haben alles richtig gemacht – eigentlich.

          Alfons  Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Denn in der Mode gibt es kein richtiges Leben im falschen mehr. Also lautet nach 17 Jahren das bittere Fazit: „Wir wollen so nicht weitermachen.“ Die Berliner Firma „Firma“ wird geschlossen. Die Kollektion für Herbst und Winter 2014 wird produziert, ausgeliefert und verkauft. Dann ist Schluss. Eine Kollektion für Frühjahr und Sommer 2015 wird es nicht mehr geben. Mit Ende des Winterschlussverkaufs im Februar 2015 werden die beiden Läden geschlossen. Die inzwischen 13 festangestellten Mitarbeiter sind informiert. Das Musteratelier, das man in Berlin unterhielt, hat schon die Arbeit eingestellt. „Wir sind nicht insolvent“, sagt Carl Tillessen, „wir hören aus freien Stücken auf.“

          Nüchtern und prägnant

          Ein kleines Unternehmen schließt – ist das eine Nachricht wert? In der Mode schon. Die Berliner „Mercedes-Benz Fashion Week“ schlittert langsam in eine Sinnkrise. Viele junge Marken haben den stürmischen Aufbruch des vergangenen Jahrzehnts nicht überlebt. Hunderte Absolventen der Modeschulen werden vergeblich eine Marke zu gründen versuchen. Erst vor kurzem ist das vielversprechende Label Achtland aus guten Gründen von Berlin nach London gezogen.

          Und nicht einmal erfolgreiche Marken wie Kaviar Gauche oder Lala Berlin beflügeln die Übernahmephantasien von Großkonzernen wie etwa Londoner oder New Yorker Jung-Designer.  Vor diesem Hintergrund wird die deutsche Hauptstadt die Meldung vom Ende einer der größten Berliner Modefirmen in ihrer symbolischen Tragweite wahrnehmen, nämlich als Schock. Der Abschied von der Marke mit dem so nüchternen wie prägnanten Namen verläuft nüchtern und prägnant. Carl Tillessen will nicht darüber klagen, dass dem Kunden das Trendbewusstsein fehle: „Ich werde jetzt nicht sagen: ,Die Deutschen haben uns nicht verstanden.‘“

          Konkrete Gründe für das Ende sind die Insolvenz des Modeladens „Lieblings...“ in Frankfurt und die Zahlungsschwierigkeiten weiterer Kunden: „Wir bekommen das Sterben der Einzelhändler zu spüren“, sagt der 46 Jahre alte Tillessen, der Kunstgeschichte und Betriebswirtschaft studierte, vor zwei Jahrzehnten die Herrenmaßschneiderin Daniela Biesenbach kennenlernte und mit ihr eine Marke aufbaute, die sich von den strengen Linien bis zur Alltagstauglichkeit in der Bauhaus-Tradition sah, nahtlos an die klassische Moderne anknüpfte und von vielen Kunden auch über Jahre so verstanden wurde.

          „Wir haben keine Lust mehr“

          Daniela Biesenbach, drei Jahre jünger als ihr Partner, illustriert die Zwangslage am Beispiel einer Frühjahrskollektion: „Im Oktober werden die Stoffe geliefert – und die Lieferanten verlangen von uns Vorkasse. Im November wird die Kollektion in Lohnfertigung produziert – und wir müssen binnen zehn Tagen zahlen. Im Dezember liefern wir die Kollektion an den Handel aus – aber gezahlt wird bestenfalls am Ende der Saison.“ Früher haben die Kunden gleich die Ware gezahlt. Die meisten Händler beglichen die Kosten für die neue Kollektion aus den Rückflüssen der vergangenen Saison.

          Heute zahlen sie die aktuelle Kollektion oft aus dem Erlös der aktuellen Kollektion. Und wenn sich Einzelteile in der laufenden Saison nicht verkaufen, muss man sie zurücknehmen. „Der Hersteller übernimmt also gewissermaßen die Abschriften, die der Händler tragen müsste“, meint Tillessen. „Das Gefühl, dass Händler und Lieferant Partner sind, ist also zerstört.“ Kein Wunder, dass Daniela Biesenbach bilanziert: „Wir haben keine Lust mehr, uns schlecht behandeln zu lassen.“

          Die beiden Modemacher wissen, dass die Läden gute Gründe haben für die Vorsicht: Trotz guter Konsumstimmung hat der Textileinzelhandel im vergangenen Jahr in Deutschland abermals zwei Prozent weniger umgesetzt. Vor allem Kaufhäuser und Boutiquen stecken in Schwierigkeiten – weil der Online-Handel stetig wächst, weil die preisaggressiven Ketten von H&M über Zara bis Uniqlo weiter Marktanteile gewinnen und weil die großen internationalen Luxusmarken mit ihren margenstarken eigenen Geschäften die Multilabel-Stores ausbluten lassen.

          „Firma“ galt als Modell für junge Modemacher

          Der Internethandel verstärkt auch die wirtschaftliche Konzentration. „Dadurch werden die Markteintrittsbarrieren höher“, sagt Tillessen. „Die großen Marken werden größer, die kleinen haben es schwerer.“ Vor allem, wenn sie wie „Firma“ alles zu hohen Preisen in der Europäischen Union fertigen lassen. Und wenn sie – wie die allermeisten Berliner Marken – so klein sind, dass die Stückzahlen gering bleiben, die Fertigung also teuer ist, oft jenseits aller Wirtschaftlichkeit.

          Lange war „Firma“ so etwas wie ein Modell für jüngere Modemacher. Viele werden nun erkennen, dass auch frühe Erfolge, eine gute Presse, prominente Kunden und schöne Preise nicht viel helfen. Vielleicht geht es ja auf kleinem Niveau weiter. Der Markenname bleibt erhalten. Ihre Multifunktionstasche „Gropius Bag“ könnten sie über den Online-Shop weiter vertreiben. Und die Männerkosmetik wird sich auch ohne Mode im Hintergrund weiter verkaufen. Zudem werden sie gute Chancen haben, künftig als freischaffende Designer für große Marken zu arbeiten. „Man fühlt sich befreit“, meint Tillessen. „Aber es ist schmerzhaft.“

          Quelle: F.A.Z.

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