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Krawattenhersteller Auerbach : Produziert wird live im Keller

  • -Aktualisiert am

Mit Punkten bedruckt? Aus Seide? Auerbach kann es sich nicht leisten, vorab zu produzieren. Also macht das Unternehmen aus der Not eine Tugend und fertigt in kleiner Stückzahl. Bild: Jens Gyarmaty

Krawatten seien out, sagen viele. Ein Hersteller sieht das als Chance und macht aus der Not eine Tugend. Ein Besuch bei der Krawattenmanufaktur Auerbach und ihrem Gentlemen’s Evening.

          Nach und nach füllt sich die durchgestylte Art-déco-Werkstatt im Keller des Berliner Geschäftshauses am Hackeschen Markt, und man stellt fest: Nicht sehr viele der Gäste tragen Krawatten oder Schleifen an diesem Abend, zumindest nicht so viele wie erwartet. Was für die heutige Zeit eigentlich nicht verwunderlich ist, für die Hipster-Hauptstadt sowieso nicht, ist für Jan-Henrik Scheper-Stuke nicht etwa ein Affront, sondern eine große Chance. Er ist Geschäftsführer der Krawattenmanufaktur Auerbach, ehemals Edsor Kronen. „Gentlemen’s Evening“ nennt sich die Veranstaltung der Berliner Firma, bei der die Gäste anschauen können, wie Krawatten, Schleifen und Tücher hergestellt werden. Und natürlich Häppchen schnabulieren, Drinks schlürfen und Kontakte knüpfen.

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          „Ich versuche immer, unterschiedliche Leute zusammenzubringen, die sich nicht kennen, aber gut verstehen könnten“, sagt Scheper-Stuke, der Schleife und Blazer trägt an diesem Abend und wie ein 17 Jahre alter Junge aussieht, tatsächlich aber über 30 ist. Sein Motto gilt an diesem Abend auch modisch: Man sieht Herren im Anzug mit Krawatte oder Schleife, aber auch Leute im T-Shirt. Mit dabei sind Galeristen, Unternehmer, Musiker, Schauspieler, Künstler, Anwälte, Exzentriker sowie deren Hunde. Nicht immer kann man die Kleidung den Berufen zuordnen.

          „Kleidung kann gefährlich sein“

          Das Ziel von Scheper-Stuke an diesem Abend ist aber nicht nur Networking, sondern auch, die Marke Auerbach weiter mit Mund-zu-Mund-Propaganda bekannt zu machen. Zwar ist sein Laden vollgepackt mit interessanten Menschen, Meinungs- und Modeführern, aber die Marke ist noch nicht vollends in Deutschland etabliert. So wie Edsor Kronen, das seinem Patenonkel Günther Stelly gehörte und vor ein paar Jahren Insolvenz anmelden musste. Wie es dazu gekommen und wie aus den Ruinen Auerbach auferstanden ist, darüber hat Scheper-Stuke an diesem Abend keine Zeit zu plaudern.

          Auerbach-Geschäftsführer Jan-Henrik Scheper-Stuke
          Auerbach-Geschäftsführer Jan-Henrik Scheper-Stuke : Bild: Jens Gyarmaty

          Er muss viele Hände schütteln, etwa den Gast Bernhard Roetzel, Autor des Buches „Der Gentleman“, begrüßen, und dafür sorgen, dass sich jeder wohl fühlt. Die Gespräche drehen sich – wie es sich für eine gute Party gehört – um intellektuell anregende Themen wie das neue Kulturgutschutzgesetz, während andere banal bis amüsant sind: „Guck mal, das ist die, die es nie zum Star geschafft hat“, sagt eine im Gesicht schönheitsoperierte Frau. „Das ist aber gehässig“, antwortet ein Mann im Hintergrund und lacht schallend.

          Natürlich ist das Thema Mode dominierend. „Kleidung kann sehr ausdrucksstark, aber auch gefährlich sein“, pflichtet Scheper-Stuke einem Mann bei und muss auch schon wieder weiter im Gedränge. Immer wieder schaut er während des Abends bei seinem Gast vorbei und entschuldigt sich, dass er so wenig Zeit für ihn habe. Die Stimmung ist gut; nachdem die typischen Partyhopper weitergezogen sind, kommen neue Gäste, und Auerbachs Keller ist wieder voll.

          Die Leidenschaft für Mode war immer da

          Gut eine Woche später sitzt Scheper-Stuke wieder in der Werkstatt im dritten Hof des Hackeschen Markts und erzählt einen Krimi, der auch in den Wirtschaftsteil der F.A.Z. passen würde. Ohne Schleife und Blazer dieses Mal. Dass sein Leben einmal in einem Modeunternehmen in Berlin stattfinden würde, war nicht vorgezeichnet. Das Abitur absolvierte er am Internat Schloss Louisenlund in Schleswig-Holstein. Nach einer Ausbildung zum Bank- und Sparkassenkaufmann bei der Kreissparkasse Diepholz studierte er ab 2006 Jura an der Berliner Humboldt-Universität.

          In der Manufaktur: Die Kunden können zuschauen, wenn Krawatten und Schleifen entworfen werden.
          In der Manufaktur: Die Kunden können zuschauen, wenn Krawatten und Schleifen entworfen werden. : Bild: Jens Gyarmaty

          Die Leidenschaft für Mode war immer da, brach aber erst später aus ihm heraus. Seit 2010 arbeitet er als Geschäftsführer mit seinem Patenonkel zusammen. Während des Jurastudiums hatte er als Aushilfskraft bei ihm angefangen. Zuerst im Quartier 206 in der Friedrichstraße, dann „an der Basis“, wie er sagt. Im Jahr 2010 übernahm er die Geschäftsführung bei Edsor Kronen. Das Unternehmen habe zu jener Zeit große Probleme mit dem Einkaufverhalten der großen Kaufhäuser gehabt, erzählt Scheper-Stuke. Es hatte keine eigenen Geschäfte; stattdessen waren seine Produkte nur über Hunderte Kaufhäuser und Herrenausstatter wie Ka-De-We, Eckerle oder Lodenfrey zu beziehen.

          Schon in den achtziger Jahren, als große Modeunternehmen wie Hugo Boss, Giorgio Armani oder Windsor anfingen, ebenfalls Krawatten, Schleifen und Tücher herzustellen, begann der Niedergang von Edsor Kronen. Früher sei noch nicht von Marken gesprochen worden; es waren Produzenten, die im Einzelhandel vertreten waren, sagt Scheper-Stuke: „Alle haben dann plötzlich ihr eigenes Image kreiert.“ Im Zuge des Markenwesens wurden die Budgets kleiner für die einzelnen Marken und das Sortiment breiter. Dazu kam, dass nach und nach die Herrenausstatter auf dem platten Land verschwanden.

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