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Innenarchitektur : Ein fast vergessener Designer wird wiederentdeckt

  • -Aktualisiert am

Ihm fehle die Kraft zum Weiterleben, schrieb Jean-Michael Frank 1941 in seinem Abschiedsbrief. Bild: Centre Pompidou/Rogi André

Sein Ideal war die Einfachheit: Über den Innenarchitekten Jean-Michel Frank ist eine Biographie erschienen. Sie ist das Produkt einer jahrelangen, weltumspannenden Spurensuche.

          Jean-Michel Frank war ein gefeierter Innenarchitekt des Art Déco. Wer dem französischen Künstler in den zwanziger oder dreißiger Jahren das Eigenheim anvertraute, wusste, dass er sich auf einen teuren Kahlschlag einließ. Wo Frank ans Werk ging, blieb kein Stein auf dem anderen. Er befreite die Räume von allen Einbauten, ließ sie nicht selten bis auf die Grundleitungen freilegen und gestaltete sie dann nach seinen Vorstellungen neu.

          Sein Ideal war die Einfachheit, ein hochkomplexes Konzept, das klösterliche Schlichtheit und kostbare Materialien voraussetzte. Ein detailversessener Perfektionist war er obendrein. Wollte er einen besonderen Fauteuil aus Leder herstellen, ging er selbst zum Viehmarkt, wo er die schönsten Häute an den lebendigen Kühen aussuchte.

          Spurensuche auf der ganzen Welt

          Alle Dekoration war ihm ein Graus. Wann immer er konnte, vereitelte er es sogar, dass Kunstwerke gehängt wurden. Die Architektur, so sein Credo, muss Räume schaffen, in denen der Geist zur Ruhe kommen kann.

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          Der niederländische Autor und Romanist Maarten van Buuren entdeckte die minimalistischen Interieurs Jean-Michel Franks per Zufall 2007 in einem Ausstellungskatalog des Londoner Victoria & Albert Museums. „Diese Räume haben mich umgehauen“, erinnert er sich. „In ihrer extremen Eleganz wirkten sie auf mich wie aus dem Nichts heraus erschaffen. Meine Phantasie war sofort davon beflügelt, und ich wollte unbedingt wissen, wer dieser Mann war und warum er sich mit dieser Strenge und Kargheit umgab.“ Die Begeisterung führte zu einer jahrelangen, weltumspannenden Spurensuche - und zu einer Biographie, die nun in deutscher Übersetzung erschienen ist.

          Familiäres Leid, das im Suizid gipfelte

          Jean-Michel Frank, geboren 1895 in Paris, war der dritte Sohn der deutschstämmigen jüdischen Bankiersfamilie Frank - und ein Cousin des Vaters von Anne Frank. Die Familie war gut situiert, wurde aber von schweren Schicksalsschlägen zerrüttet. Im Ersten Weltkrieg fielen seine beiden Brüder. Die Eltern zerbrachen an dem Verlust. Der Vater beging Selbstmord, die Mutter endete in der psychiatrischen Klinik. Auf diese frühen Erfahrungen stützt van Buuren die Kernthese seiner Biographie. Demnach fußten Franks großer Erfolg und seine ästhetische Radikalität letztlich auf nie verwundenem Leid.

          Jean-Michel Frank nahm sich am 8. März 1941 im New Yorker Exil das Leben. Dabei war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Seine Arbeiten am Apartment von Nelson Rockefeller im Rockefeller Center standen vor dem Abschluss, er war der Darling der Upper Crust und bekam viele Aufträge. Elsa Schiaparelli, Julien Green, Salvador Dali hatte er um sich, alte Bekannte aus Europa. Aber niemand konnte ihn halten. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, es fehle ihm die Kraft zum Weiterleben.

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