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Einteiliges Seidenkleid aus der Zeit um 1760 in der Schnittform einer Taille-Andrienne Bild: dpa

„Luxus in Seide“-Ausstellung : Ein Kleid aus dem Koffer

Manche Schätze liegen auf Dachböden: Bereits im 18. Jahrhundert wurde Mode nach kurzer Zeit wieder zusammengelegt und in Kisten und Koffer verstaut. Eine Ausstellung in Nürnberg bringt so manches ans Licht.

          Kaum zu glauben, welche Schätze in deutschen Familien manchmal unbeachtet herumliegen. Das zeigt zum Beispiel ein Seidenkleid aus der Zeit um 1760, das Herzstück der Ausstellung „Luxus in Seide“ im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, die gerade begonnen hat. Im vergangenen Jahr konnte das Museum das Kleid zusammen mit einem etwa gleichzeitig entstandenen Reifrock mit Fischbeinaussteifung von einer Familie aus Kiel erwerben. Das Kleid hatte jahrzehntelang in einem alten Koffer gelegen, der noch mit Zeitungspapier aus den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts ausgelegt war. Nur gelegentlich nahmen es Familienmitglieder einmal für ein paar Stunden heraus. Der zwölf Meter lange Stoff lag also mehr als 100 Jahre in dem Koffer.

          Die Farben des Seidengewebes sind außergewöhnlich gut erhalten. Der hellblaue Grund mit dem farbigen Blumendekor ist kaum verblichen. Das Seidenkleid zeigt die seltene Schnittform einer Taillen-Andrienne, eines bodenlangen einteiligen Kleids mit betonter Taille und weiter Rückenfalte. Das war eine damals hochmodische Sonderform der „Robe à la française“.

          Adelheid Rasche, die Sammlungsleiterin des Museums und Kuratorin der Ausstellung, ist von dem Textil begeistert. „Dass es ein besonderes Kleid ist, sieht man sofort.“ Nicht nur, weil es selten ist, sondern auch wegen der Familiengeschichte, die hinter dem Stoff steckt. Rasche bekam das Kleid von der Kieler Familie, ließ sich den Stammbaum der Erben schicken und fand heraus: Die Andrienne gehörte einer Pfarrerstochter aus dem Raum Magdeburg-Wittenberg. Es war das Brautkleid der damals Achtzehnjährigen – in Weiß wurde erst später geheiratet. „Ein absolutes Festkleid“, sagt Rasche. Und sicherlich sehr teuer zur damaligen Zeit. Die Frage ist also: Wie konnte sich eine Pfarrerstochter das leisten?

          Schon im 18. Jahrhundert war Mode schnelllebig

          In der Sonderausstellung geht es auch darum, was Frauen damals zum Kleid trugen. Schmuck, Fächer, Garnituren, Handschuhe, Seidenstrümpfe, Schuhe und ein Sonnenschirm aus den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts ergänzen das Bild der modischen Dame. Zeitgenössische Darstellungen und Auszüge aus der historischen Literatur sollen ein Bild des handwerklichen Könnens vermitteln, das zur Herstellung solch aufwendiger Kleidung und solcher Accessoires notwendig war.

          Ausgestellt ist zum Beispiel dieses unter anderem mit Seide hergestelltes Paar Schuhe aus dem 18. Jahrhundert.

          Zu dem Kleid, dem Mittelpunkt der Ausstellung, sagt Rasche, es sei überraschend, dass es so lange überlebt hat. Zumal Stoffe früher gerne wiederverwendet wurden. Dieses Kleid aber wurde wohl nur einmal getragen. Die Pfarrerstochter bekam nach ihrer Hochzeit sechs Kinder, und das maßgeschneiderte Kleid wird ihr bald nicht mehr gepasst haben. Außerdem war Mode schon damals schnelllebig. Bereits nach wenigen Jahren, sagt Rasche, war das Kleid nicht mehr up to date.

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