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Designerwettbewerb in Hyères : Wo Luxusfirmen sich die Talente von morgen sichern

  • -Aktualisiert am

Models präsentieren die Kreationen von Annelie Schubert bei der Schau in Hyères. Bild: AFP

An Deutschland ist der Auftritt von Annelie Schubert am Sonntagabend beinahe lautlos vorübergezogen. In Frankreich stand ihr Name in allen Zeitungen: Die Deutschfranzösin hat beim Modefestival im südfranzösischen Hyères den mit 15.000 Euro dotierten Preis der großen Jury gewonnen.

          Jedes Jahr im April erwacht der verschlafene Luftkurort Hyères an der französischen Mittelmeerküste zum Leben. Beim gleichnamigen Festival bewerben sich Hunderte Fotografen und Modedesigner aus aller Welt. Jean-Pierre Blanc hatte das Festival 1985 ins Leben gerufen, um junge Talente der Mode zu fördern; damals war er selbst gerade einmal 20 Jahre alt. Seither wächst die Bedeutung von Hyères. In der Villa Noailles, einem Bauhauswerk über den Dächern der Stadt, zeigten die Designer ihre Entwürfe. Es geht nicht darum, dass sie ihr eigenes Unternehmen gründen – viele Luxusfirmen sichern sich hier das Talent von morgen. Manche Teilnehmer gingen als Designer zu großen Marken, andere kamen selbst groß heraus: Das Festival hat unter anderem Viktor und Rolf und Henrik Vibskov hervorgebracht. Ein Platz unter den Finalisten in Hyères öffnet viele Türen, nicht nur in Paris.

          Seit das Modehaus Chanel im letzten Jahr in die Organisation des Festivals eingestiegen ist, hat sich einiges verändert. Und als zum 30. Geburtstag des Festivals in diesem Jahr Karl Lagerfeld die künstlerische Leitung übernahm, sprachen manche schon von einem „Festival de Chanel“: Unzählige schwarze Limousinen fuhren durch den unscheinbaren Küstenort, Für die Jury gewann er nicht nur Modemenschen wie die ehemalige „Vogue“-Chefin Carine Roitfeld, Sänger Sebastian Tellier und Model-Musikproduzentin Caroline de Maigret. Selbst Caroline von Hannover saß in der Jury. Lagerfeld selbst überließ die Entscheidung übrigens seiner Studioleiterin Virginie Viard, ergriff aber trotzdem das Wort: „Jungdesigner ist eines der gefährlichsten Label, die man einem Menschen geben kann“, sagte er. „Es gibt keine Jungdesigner. Es gibt nur gute und schlechte Designer.“

          Drei von zehn sind Deutsche

          Dabei sind die Deutschen hier offenbar wohlgelitten: Aus 400 Bewerbungen suchte die Jury zehn Finalisten aus, darunter drei Designerinnen aus Deutschland, auch das ein Rekord. Gewinnerin Annelie Schubert, die nach ihrem Bachelor in Hamburg zu Haider Ackermann ging und dann ihren Master an der Kunsthochschule Weißensee abschloss, überzeugte die Jury mit einer skulpturalen Neuinterpretation der Schürze aus voluminösen Drapierungen mit dicker Wolle und Organza in Erdtönen.

          Auf dem Weg in eine Festanstellung in Paris: Siegerin Annelie Schubert Bilderstrecke
          Auf dem Weg in eine Festanstellung in Paris: Siegerin Annelie Schubert :

          „Wir haben ihre Arbeit von Anbeginn gemocht“, sagte Virginie Viard. „Annelie nutzt Material wie Neopren und Tweed, eine wunderschöne Farbpalette, ihre Kollektion ist sehr elegant.“ Annelie Schubert hat jetzt die Möglichkeit, mit den handwerklichen Ateliers der Chanel-Zulieferer zusammenzuarbeiten, die das Unternehmen in den letzten Jahren aufgekauft hat. Auf lange Sicht zieht es die Deutsche ohnehin nach Paris in eine feste Anstellung. „Jetzt ist noch nicht der richtige Zeitpunkt, um mich selbstständig zu machen.“

          Das Modehaus Chloé, das einen Preis für die beste Interpretation seiner Markenphilosophie vergab, entschied sich für Anna Bornholds blauen und cremefarbenen Jumpsuit, der aus Nähgarn besteht, das sonst für Stickereien genutzt wird. Sie bekam für ihre Kreation ebenfalls 15.000 Euro. „Ich schneide das Garn klein und nähe es über und über, das ist wie Yoga“, sagt die deutsche Designerin, die zuerst ein Kunststudium abbrach, sich schließlich der Mode zuwandte und jetzt in Bremen studiert. Auch ihre drei Professoren waren zur Verleihung nach Frankreich gereist. „Das beste ist aber, dass ich dem Kleidungsstück beim Wachsen zusehen kann.“ Fast zwei Wochen lang saß sie am Jumpsuit. Je nachdem, wie lange sie die Garne übernäht, fließt der Stoff, oder er wird zäh wie Leder.

          Einstieg in die Branche

          Aber auch die dritte Deutsche im Bunde, Christina Braun, ist eine Gewinnerin. Die Designerin, die in den Niederlanden studiert und sich an mit ihrer dekonstruktivistischen Kollektion an ihrem Vorbild Yohji Yamamoto orientiert, hat viele neue Kontakte geknüpft. „Das war immer so weit weg, und jetzt bin ich hier, in Hyères. Mehr kann ich mir nicht wünschen.“ Aber auch sie will sich keinesfalls selbstständig machen. „Ich bin kein Marketingmensch, das wäre zu gefährlich.“

          Und was verspricht sich Chanel vom Wettbewerb? „So viel ist klar: Wir suchen hier nicht unseren neuen Kreativdirektor, wir haben schließlich den besten in der Welt“, scherzt Chanel-Modechef Bruno Pavlovsky. „Aber wir möchten ein Zeichen setzen und den jungen Designern einen Einstieg in die Branche ermöglichen. Wir wollen ihnen Kontakte geben, die Ihnen auf ihrem Weg behilflich sind.“ Und gibt’s noch einen Karrieretipp vom Modepapst? Nein, sagt Lagerfeld: „Es kommt nur darauf an, was man will, was man kann, und was man könnte, wenn man will.“ Da sieht man’s mal: Die Deutschen können, wenn sie denn wollen.

          Quelle: FAZ.NET

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