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Filmemacher Andrew Morgan : „Meine Kinder sind gerade ein ökologischer Albtraum“

  • -Aktualisiert am

Von der Sprachlosigkeit der Textilindustrie überrascht: Regisseur Andrew Morgan Bild: True Cost Movie

Verschwiegene Konzerne, großer Umsatz und unmenschliche Arbeit: Regisseur Andrew Morgan hat einen Film über den wahren Preis von Mode gedreht. In „The True Cost“ werden die Folgen der Billig-Mode-Industrie gezeigt.

          Eigentlich will sich Regisseur Andrew Morgan nur einen Kaffee holen. Doch auf dem Weg zum Café sieht er an einem Zeitungsstand in der „New York Times“ ein Bild, das sein Leben verändern wird. Darauf sind zwei Jungen vor einer Wand zu sehen, auf der nach dem Einsturz einer völlig baufälligen Textilfabrik in Bangladesch 2013 die Fotos von vermissten Arbeiterinnen hängen. Bei der Tragödie in Dhaka kommen mehr als tausend Menschen ums Leben. Die Arbeiterinnen hatten den Besitzer des „Sweatshops“, in dem unter erbärmlichsten Bedingungen Billigmode für westliche Textilkonzerne produziert wird, seit Wochen auf Risse in den Wänden hingewiesen.

          Das Thema lässt Morgan nicht wieder los, und so wird daraus ein ganzer Film. In „The True Cost“ erzählt Morgan die Geschichte des wahren Preises, den wir für die billige Mode bezahlen. Dafür reist er einmal um die ganze Welt, besucht Arbeiterinnen in Kambodscha und Bangladesch, Baumwoll-Farmer in Texas und Modewochen. Auf den 68. Filmfestspielen in Cannes hat Morgan seine Dokumentation vorgestellt. Zum Interview am „Majestic Beach“ erscheint der Kalifornier mit der Lockenmähne in kariertem Hemd und dunkelblauen Chinos.

          Was tragen Sie heute?

          Mein Hemd und meine Hose sind Secondhandstücke. Als ich mit den Dreharbeiten zu diesem Film angefangen habe, stand für mich fest, Secondhandsachen auszuprobieren. Das war eine interessante Erfahrung. Denn es ist cool, mal insgesamt etwas langsamer zu werden und darüber nachzudenken, was ich da eigentlich kaufe, bevor ich konsumiere. Und bevor ich die richtigen Produkte gefunden hatte, habe ich mich erst einmal für gebrauchte Kleidung entschieden.

          Sie sagen, Mode sei die größte Lüge unserer Gesellschaft. Was ist das für eine Lüge?

          Man hat uns immer diese Geschichte über Kleidung erzählt, die dieses Produkt sehr unschuldig wirken lässt. Und die Industrie hat alles dafür getan, um die aus ihrer Sicht perfekten Konsumenten aus uns zu machen. Das bedeutet, dass wir in unseren Überlegungen überhaupt keine Verbindung mehr zu irgendeiner der Konsequenzen herstellen, die mit der Herstellung von Mode verbunden sind. Während der Dreharbeiten wurde mir plötzlich klar, dass ich selbst nie darüber nachgedacht hatte. Das hat mich komplett erschüttert. Wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich die Vorstellung, diese Kleidung wird von irgendwelchen Maschinen hergestellt oder wächst auf Bäumen. Als ich anfing zu erkennen, dass alles, was ich trage, durch menschliche Hände gegangen ist, welchen Einfluss das auf das Leben und die Familien hat, da hat sich in meinem Kopf ein Schalter umgelegt.

          Ist das System der Billigmode so eine Art globale Gehirnwäsche?

          Ich finde es interessant, dass sich die Zentren unserer Städte weltweit immer ähnlicher sehen, weil dort die gleichen Shops mit denselben Marken eröffnen. Und es ist unglaublich, welche Massen an Kleidung überall verfügbar sind. Den Gewinn machen die Konzerne ja, indem sie uns überzeugen, immer mehr Mode in immer kürzeren Abständen zu konsumieren und die Produkte sehr schnell wieder zu entsorgen, um sie durch neue zu ersetzen. Und es funktioniert: In den vergangenen beiden Jahrzehnten ist unser Verbrauch an Kleidung um 400 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sinken die Preise für Billigmode kontinuierlich, aber damit verbunden auch die Qualität. So ein Teil tauscht man immer schneller wieder aus. Damit wächst eine ungeheure Menge an Müll. Denn Kleidung ist schwer abbaubarer Abfall. Da Material und Transport nicht billiger werden, ist das einzige Glied in dieser Kette, bei dem man die Kosten auf ein Minimum drücken kann, der Arbeitsfaktor. Und da wird es dann zutiefst beunruhigend.

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