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Afrofuturismus : Modische Visionen von der kulturellen Zukunft Afrikas

  • -Aktualisiert am

Der Afrofuturismus nimmt an Fahrt auf: Afrika beginnt sich in kultureller Hinsicht zu behaupten. Bild: Grace Wales Bonner

Wie kann man in die Zukunft schauen, wenn die Vorfahren der kulturellen Wurzeln beraubt wurden? Mit Afrofuturismus suchen Künstler Antworten. Darunter sind auch Modedesigner, die fernab vom Afrika-Klischee entwerfen.

          Noch ist Afrika der ländlichste Kontinent der Welt, doch das könnte sich bald ändern. Bis 2030, so prophezeien es die Vereinten Nationen, wird die Urbanisierung dort rasant voranschreiten, die boomende Bevölkerung wird immer jünger und ist zugleich besser ausgebildet. Städte wie Lagos, Nairobi, Addis Abeba und Abidjan wachsen zu internationalen Tech-Metropolen heran. Wie werden die afrikanischen Städte der Zukunft aussehen? Revolutionäre Smart Citys sollen dort entstehen, Satellitenstädte, oft privat finanziert, die aussehen wie Dubai auf Steroiden. Ist das Zukunftsmusik? Wohl vielmehr Afrofuturismus. Der Begriff kursiert seit den neunziger Jahren und beschreibt eine literarische und kulturelle Ästhetik, in der Sci-Fi-Elemente und afrikanische Motive kombiniert werden und so ein neues, oft bewusst nichtwestliches Narrativ erzeugen.

          Jetzt, da Afrika sich auch in kultureller Hinsicht zu behaupten beginnt, nimmt Afrofuturismus an Fahrt auf. Diese popkulturelle Strömung bietet eine Antwort auf die Frage, wie man eigentlich eine Zukunft gestalten kann, wenn man seiner Vergangenheit beraubt wurde. Wenn etwa die Vorfahren heutiger Afroamerikaner von ihrem Kontinent verschleppt und versklavt wurden. Wenn Familien zerrissen und Erinnerungen ausgelöscht wurden. Man sieht es zum Beispiel in dem fast einstündigen Video zu Janelle Monáes Ende April erschienenem Album „Dirty Computer“. Oder in dem großen Erfolgsfilm des vergangenen Winters, „Black Panther“.

          Darin geht es um die Utopie eines fiktiven afrikanischen Landes, Wakanda, das nicht vom Dreieckshandel betroffen war, das keine koloniale Geschichte trägt. Ein Königreich, das sich, dank einer außerirdischen Energiequelle, zu einem reichen, hochtechnologisierten Land entwickeln konnte.

          Drei Modemacher im Portrait

          Und man sieht Afrofuturismus jetzt auch in der Mode, diesem identitätsstiftenden und eindeutig zukunftsgerichtetem Teil der Popkultur. Diese drei Modemacher skizzieren schon heute eine Welt von morgen:

          Walé Oyéjidé war früher Rechtsanwalt.

          Am Ende von „Black Panther“ tritt der Protagonist und König von Wakanda vor die Versammlung der Vereinten Nationen und bietet der Welt seine Entwicklungshilfe an. Dabei trägt er westliche Kleidung – eine Anzughose und ein schwarzes Hemd. Auffällig über seine linke Schulter drapiert jedoch liegt ein Seidentuch, auf dem sich ein schwarzes Paar in Stammeskleidung vor dem Hintergrund eines Renaissancegemäldes in den Armen hält. Der Blick ist zum Himmel gerichtet. Der Designer dieses Tuchs heißt Walé Oyéjidé. Mit seinem Label Ikiré Jones will der ehemalige Rechtsanwalt „Repräsentation für Menschen schaffen, die im Allgemeinen nicht repräsentiert werden“. Als Mensch afrikanischer Abstammung werde man noch immer hauptsächlich negativ porträtiert, sagt der Amerikaner. Die Mode sei, so meint er, „harmlos und schön“ und eigne sich deshalb besonders gut, um sie „mit Ideen und progressiven Gedanken aufzuladen“. Konkret gelingt ihm das, indem er klassische Kunstwerke, etwa Madonnen- und Heiligenbildnisse der Renaissance, teilweise durch schwarze Charaktere ersetzt und diese postmodernen Kunstwerke dann auf Stoffe druckt. Seidenschals, aber auch maßgefertigte Hemden und Mäntel für Herren gibt es bislang von Ikiré Jones. Wichtig ist ihm dabei zu betonen, dass er die Kunstgeschichte nicht aus Respektlosigkeit umschreibt, sondern, im Gegenteil, aufgrund seiner Liebe zur klassischen Kunst.

          Im Afrofuturismus werden Sci-Fi und afrikanische Motive kombiniert

          „Uns im Film in Raumschiffen zu sehen oder in einem fortschrittlichen afrikanischen Königreich – das kann Menschen einen Schubs in die richtige Richtung geben. Ob ich nun also die Vergangenheit umschreibe, um Menschen in der Gegenwart zu inspirieren, oder ob es futuristische Abbildungen Schwarzer sind, die es ihnen ermöglichen, aktiv die Zukunft mitzugestalten, uns geht es um dieselbe Problematik: Sehen heißt glauben.“

          Rym Beydoun lebt und arbeitet in Beirut, aber ihre Heimat ist die Elfenbeinküste. Geboren in Abidjan als Tochter einer dort in der vierten Generation lebenden libanesischstämmigen Familie, sieht sie sich selbst als moderne Westafrikanerin, obwohl sie das Land 1999 mit ihrer Familie nach einem Staatsstreich verlassen musste.

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