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Verkaufsschlager: Einfamilienhaus : Ein Typ wie jedermann

Im Trend: Flair 113-Variante mit bodentiefen Fenstern und Flachdachgaube. Bild: Town & Country

Kein Einfamilienhaus verkauft sich in Deutschland so gut wie „Flair 113“. Das liegt am Preis und am Geschmack der Massen. Und daran, dass der Anbieter seine Kunden mit einem großen Versprechen ködert.

          „Haus Bodensee“ mit seinem großzügigen Dachgeschoss wäre schon toll gewesen. Oder auch „Flair 125“ mit immerhin 125 Quadratmeter Wohnfläche. Wenn sie an die beiden Musterhäuser denkt, gerät Gabriele Jöckel für einen Moment ins Schwärmen. „Die waren aber zu teuer“, sagt sie dann. „Und zu groß“, winkt ihr Mann Andreas ab. Jöckels, beide Anfang vierzig, Angestellte eines Paketversands, sportlich und braungebrannt, sitzen am Esstisch ihres Eigenheims in der rheinhessischen Provinz. Sie hat die noch blitzneue Küche samt Kochinsel im Rücken. Er das 30 Quadratmeter große Wohnzimmer. Dort feuert die Spätvormittagssonne eine Lichtbreitseite nach der anderen durch die bodentiefen Fenster und lässt die rote Sofalandschaft erglühen. „Am Ende muss das alles ja realisierbar sein“, schickt Andreas Jöckel zur Erklärung noch hinterher. „Wir wollten uns auf keinen Fall übernehmen.“ Ein Traumtänzer ist er nicht.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So haben Jöckels den Rahmen des für sie Möglichen ziemlich genau abgesteckt. Und der sieht so aus: ein Mauerwerk aus Porenbetonziegeln, das 113 Quadratmeter Wohnfläche umfasst, auf denen drei Zimmer, Küche, Bad, Gästetoilette und Hauswirtschaftsraum untergebracht sind; dazu ein Dach mit Giebel und Gaube. Das Ganze heißt „Flair 113“ und ist angeblich Deutschlands meistverkauftes Einfamilienhaus. 6700 Mal hat der Massivhausanbieter Town & Country aus Thüringen diesen Haustyp bisher für seine Kunden gebaut. Zu einem grob überschlagenen Durchschnittskaufpreis von 150 000 Euro. Jöckels wohnen seit August in „Flair“.

          Wiederkehr des ewig Gleichen

          Überall im Land taucht dieses Haus in den Neubaugebieten auf. In Mecklenburg-Vorpommern wie in Niedersachsen, im Berliner Umland genauso wie in Nordrhein-Westfalen. Auch in den Hochburgen des anspruchsvollen Wohnungsbaus, in Bayern und Baden-Württemberg, findet man es und im weiteren Rhein-Main-Gebiet. Manchmal hat es einen Erker oder eine Klinkerfassade. Mal ist das Gaubendach spitz, mal flach. Die älteren Modelle erkennt man an den Fenstern mit Plastiksprossen und einer Fassade in Apricot, die jüngeren am Anstrich im trendigen Grau.

          „Flair 113“ - das ist, wie im seriellen Bauen üblich, die Wiederkehr des ewig Gleichen in unzähligen Varianten. Alle am Computer nur einen Mausklick voneinander entfernt. Während die einen „Flair“ als späten Triumph der Bauhaus-Idee feiern, schmähen es andere als Billigkiste, als architektonische Bankrotterklärung. Entsprechend hat das „Deutsche Architektenblatt“ das Modell seinen Lesern einmal als „Haus ohne Eigenschaften“ vorgestellt.

          „Quatsch.“ Jürgen Dawo wurmt das noch heute. Dabei gibt er lieber den gutgelaunt-selbstbewussten Unternehmer. „Architekten versuchen halt immer, unser Angebot kleinzureden.“ Dawo, Jahrgang 1960, gebürtiger Schwabe, hat Town & Country Ende der neunziger Jahre als Franchiseunternehmen gemeinsam mit seiner Frau Gabriele gegründet. Mit Fragen nach der Architektur halten die beiden sich nicht lange auf. Wozu gibt es die Regeln der Technik und DIN-Normen? „Was wir machen, kann jeder Planer, hier geht es nicht um High-End-Architektur“, sagt Dawo. Wieso aber ist ausgerechnet sein Allerweltsprodukt dann ein solcher Verkaufsschlager?

          Am Preis allein kann es nicht liegen

          Am Preis allein kann es nicht liegen, auch wenn der sehr niedrig ist. „Um bei uns 250 000 Euro zu verbauen, müssen Sie sich schon anstrengen“, tönt Dawo. Von Anfang an ist das Unternehmerehepaar mit dem Ziel angetreten, sein Angebot im unteren Preissegment des Massivbaus zu etablieren - und das durch den günstigen Masseneinkauf der Baustoffe und eine ausgefeilte Vorplanung zu erreichen. Mit dem Versprechen, günstig zu bauen, steht Town & Country aber keineswegs allein. Und eine starke Marke wie Ikea hat vor nicht allzu langer Zeit mit dem als Preiskracher lancierten Hausprogramm Boklok ein Debakel erlebt, das der Holzfertighausbauer Bien-Zenker umsetzen und womit er Deutschlands Häusermarkt aufmischen sollte.

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