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Wolf Wondratschek : „Es kann gar nicht genug Raucher geben“

Nicht nur Pose mit Papierröllchen: Wolf Wondratschek betrachtet die Zigarette als einen Freund. Bild: Julia Zimmermann

Schriftsteller Wolf Wondratschek spricht über Rauchen als Lebenskunst, die Suche nach dem Unerhörten und die angebliche Schädlichkeit des gelungenen Lebens.

          Herr Wondratschek, Sie selbst sind Raucher und haben über das Thema Rauchen auch geschrieben – so liebevoll, dass Sie die Leser eher dazu verführen, anstatt sie davon abzuhalten…

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Das mag so sein. Als ich mit meinem Roman „Mittwoch“, in dem sehr viel geraucht wird, auf Lesereise war, kam ein älterer Mann zu mir und sagte: „Ich habe Ihnen zugehört. Sie machen mir Lust, wieder mit dem Rauchen anzufangen.“ Ein wunderschönes Kompliment.

          Inwiefern?

          Schön war, dass ich offensichtlich das Vergnügen am Rauchen gut genug rübergebracht habe.

          Haben Sie kein schlechtes Gewissen, dass es wegen Ihnen wieder einen Raucher mehr auf der Welt geben könnte?

          Es kann gar nicht genug Raucher geben. Schon deshalb, weil Raucher die besseren Leser sind.

          Ich dachte, die besseren Schreiber – wenn überhaupt.

          Jorge Luis Borges hat sehr zu Recht gesagt, Schriftsteller seien nicht so wichtig. Die Leser sind es.

          Warum sollten Raucher die besseren Leser sein?

          Das ist für mich so überzeugend, dass ich gar nicht nach einer Begründung suchen will.

          In „Mittwoch“ schreiben Sie, Raucher hätten einen anderen Umgang mit der Zeit.

          Rauchen bedeutet: Ich konzentriere mich, ich genieße, ich vergesse, ich tauche ein.

          Therapeuten sagen: Einen anderen Umgang mit der Zeit könne man auch ohne Zigarette haben. Man könne etwa, statt zu rauchen, einmal um den Block laufen.

          Klingt nach Knast. Hofgang. Im übrigen war ich immer auch ein leidenschaftlicher Spaziergänger. Das Gehen hilft, wie das Rauchen auch.

          Sind Raucher anders als andere Menschen?

          Vor ein paar Monaten ist mein älterer Bruder gestorben. Er hat nie geraucht. Ich habe mir vorgestellt, wie unser Verhältnis gewesen wäre, wenn auch er geraucht hätte. Wären unsere Gespräche interessanter gewesen? Hätten sie länger gedauert? In meinem Gedicht über ihn, sein Leben und seinen Tod, steht der Satz: „Wer raucht, kann endlich in Ruhe über das, was er denkt, nachdenken.“ Das haben wir beide im Gespräch nicht geschafft.

          Viele Menschen rauchen in Gesellschaft, da ist es zum Nachdenken meist zu laut.

          Ich rauche, wenn ich arbeite. Es ist wie eine Beruhigung, ein Sich-Ruhigstellen, um Gedanken nicht nur zu produzieren, sondern über das Produzieren der Gedanken nachzudenken. Wenn dazu Zigaretten und Kaffee gehören, dann ist das so.

          Rauchen und Kaffeetrinken gehören für Sie zusammen?

          Unbedingt. Als Schüler saß ich mit Freunden in meinem Vorort von Karlsruhe oft in einem kleinen Café, das wir „Café Beatnik“ nannten. Wir rauchten dort, weil der Konditor ein Auge zudrückte, unsere ersten Zigaretten. Es leuchtet mir bis heute nicht ein, wie jemand einen Kaffee trinken kann, ohne den Wunsch nach einer Zigarette zu verspüren. Statt Kaffeehäuser, in denen geraucht werden darf, abzuschaffen, hätte man sie zum Weltkulturerbe erklären sollen.

          Sie haben mal geschrieben, Sie hätten drei Freunde: „Kaffee, Zigaretten, meine Schreibmaschine.“

          Das ist die Grundausstattung. Drei Dinge, die mich selten enttäuscht haben.

          Das Zitat geht noch weiter: „Ich stelle das Gesetz dieser Freundschaft über jedes andere Gesetz.“ Da müssen Ihre Freunde, Ihre richtigen Freunde, doch aufjaulen und rufen: Wie armselig, dass ein mit Tabak gefülltes Papierröllchen sein Gesetzgeber ist!

          Spielen Sie nicht den Therapeuten. Und bitte nicht den Dummen. Vielleicht hätte ich dieses Interview nur mit einem führen dürfen, der was von Tabak versteht.

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