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Veröffentlicht: 02.10.2014, 10:55 Uhr

Gespräch mit einem Traumforscher „Träumen ist natürliche Psychotherapie“

Von Freud haben wir gelernt, uns für nächtlichen Bilder zu schämen, uns vor ihnen zu fürchten. Wissenschaftsautor Stefan Klein hält dagegen: Träume sind wichtig fürs Wohlbefinden; sie können uns sogar nutzen.

© Richard Ross / Anzenberger Wer Träume ignoriert, verpasst ein Drittel seines Lebens.

Herr Klein, haben Sie vergangene Nacht etwas geträumt?

Jeder Mensch träumt jede Nacht, die Frage ist eher: Kann ich mich daran erinnern? Und da man Traumerinnerung trainieren kann und ich mich für mein Buch viel mit Träumen beschäftigt habe, lautet die Antwort: Ja.

Worum ging’s?

Ich schlief auf dem Bauch eines Pferdes. Das Pferd lag auf dem Rücken, es war riesengroß, und ich spürte die Wärme und wie der Bauch sich hebt und senkt. Das war erstaunlich. Wir sehen im Traum normalerweise Bilder, hören manchmal auch Töne. Dass wir dagegen Wärme spüren, ist ganz außergewöhnlich.

Was bedeutet Ihr Traum?

Er verarbeitet eine Erinnerung aus den Sommerferien. Ich nehme mit meiner ältesten Tochter Reitstunden.

Wie banal. Sigmund Freud wäre auf andere Assoziationen gekommen.

Vielleicht hätte er gedeutet, ich wolle meine Mutter beschlafen! Aber ich muss Ihnen widersprechen. Ich finde meine Erklärung nicht banal, sondern viel interessanter als die Phantasien des Herrn Freud. Denn der Traum zeigt, wie meine Erinnerung funktioniert und wie ich Erfahrungen noch Wochen später verarbeite, nämlich wie ein Wiederkäuer, in Etappen. Außerdem finde ich merkwürdig, dass wir Freud noch immer für maßgeblich halten. „Die Traumdeutung“ hat er vor 115 Jahren geschrieben. Ich bin Physiker. Bücher, nach denen ich vor 25 Jahren gelernt habe, können Sie heute vergessen.

Aber auch neuere Traumdeutungsbücher funktionieren so: Ich schlage nach unter „Pferd“ und erfahre, was dieses Symbol bedeutet.

Träume spielen aber nicht mit uns Versteck, und in dieser Erkenntnis sehe ich eine große Befreiung, weil sie es uns ermöglicht, unsere Träume zu verstehen. Der große Irrtum von der Antike bis Freud war, den Traum nicht ernst zu nehmen. Die traditionelle Traumdeutung sagt, der Traum spielt uns eine Scheinrealität vor, die wir entschlüsseln müssen. Damit aber entfernen Sie die Menschen von ihren Träumen. Dabei gibt es keine Evidenz für die Gültigkeit der Traumsymbole.

Das heißt: Traumdeutungsbücher wegschmeißen?

 Ja. Oder Sie betrachten sie als historische Kuriosität.

Sie behaupten in Ihrem Buch, wer seine Träume ignoriert, verpasst ein Drittel seines Lebens.

Das ist so. Man dachte lange, es wird nur in den REM-Phasen des Schlafes geträumt. Heute wissen wir, dass wir fast die ganze Nacht auf unterschiedliche Weise träumen.

 Auch im Tiefschlaf?

 Ja. Je mehr Schlaf wir schon hinter uns haben, umso intensiver und umso ausführlicher träumen wir. Im frühen Tiefschlaf sehen wir Bilder wie Blitzlichter, die gleich wieder verschwinden. Aber auch das sind kurze Träume. Und jetzt überlegen Sie: Sie schlafen ungefähr ein Drittel Ihrer Lebenszeit und träumen fast die ganze Zeit. Ich will nicht wissen, was Sie täten, wenn Ihnen jemand so viel zusätzliche Lebenszeit versprechen würde!

Wobei ich die Zeit nicht frei gestalten kann. Und womöglich muss ich mich auch noch tagsüber mit den Bildern und Gefühlen der Nacht herumschlagen.

Was heißt müssen? Sie dürfen! Träume sind phantastische Erfahrungen. Aber wir gehen mit ihnen so um, als würden wir nach den tollsten Fernreisen sagen: Alles, was wir unterwegs gesehen haben, interessiert uns überhaupt nicht. Wir löschen sämtliche Fotos.

Ich neige dazu, Menschen, die sich mit ihren Träumen beschäftigen, für esoterische Spinner oder ewiggestrige Freudianer zu halten.

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Sie sind vielleicht infiziert von einer gestrigen Sicht auf unsere Träume. Durch die Neurowissenschaft haben wir einen unbefangeneren, spielerischeren Zugang gewonnen, der überhaupt nichts mehr mit Irrationalität, Nabelschau oder Kaffeesatzleserei zu tun hat. Für mich sind Träume auch eine ästhetische Erfahrung, wahnsinnig schön und ausdrucksstark. Voller Einfälle. Und häufig sehr komisch. Mein Sohn hat im Alter von drei Jahren gesagt, er würde nachts im Bett Filme gucken. Gehen Sie nicht gerne ins Kino? Träume sind Filme über Ihr eigenes Leben, und dabei viel phantastischer als alles, was Hollywood sich ausdenken könnte!

Was erfahre ich über mich, wenn ich mich mit meinen Träumen beschäftige?

Träume sind so etwas wie ein Schlüssel zu unserem Bewusstsein. In ihnen erfahren Sie, wie Ihr Geist arbeitet, wenn er nicht von der Außenwelt abgelenkt ist: Wie erzeugen Sie das, was Sie als Wirklichkeit empfinden? Wie kommt es, dass Sie überhaupt Bilder sehen können? Wie entsteht Ihre Erinnerung? Diese Ebene hat noch gar nicht viel mit Ihrer Lebensgeschichte zu tun. Auf der anderen Ebene erfahren Sie durchaus, was Sie beschäftigt. Sie erleben etwas, das ich in meinem Buch „die Unterströmungen der Seele“ genannt habe.

Da wäre Freud jetzt gleicher Meinung.

Er dachte allerdings, dass in diesen Unterströmungen etwas Verbotenes, Verdrängtes ist.

Haben wir deshalb ein bisschen Angst vor unseren Träumen?

Da können wir uns wirklich bei Sigmund Freud bedanken. Wenn ich den Glauben daran verinnerlicht habe, dass meine Träume in Wirklichkeit ausdrücken, dass ich mit der besten Freundin meiner Frau ins Bett gehen und meinen Vater umbringen will, dann fürchte ich sie natürlich. Da hat Freud kurioserweise Tabus geschaffen, wo keine sein müssten. Ich meine mit Unterströmungen einfach, dass wir für gewisse Dinge tagsüber viel zu beschäftigt sind. Wir rennen den ganzen Tag herum und nehmen eine gewisse Traurigkeit, Angst oder Euphorie gar nicht wahr, weil die äußeren Reize zu stark sind. Im Traum hingegen begegnen Ihnen so etwas wie Leitmotive Ihres Lebens.

Zum Beispiel?

Mein ältester Freund ist vor zwanzig Jahren auf dramatische Weise gestorben. Ich denke heute nicht mehr viel darüber nach. Aber ich sehe ihn alle zwei Wochen in Träumen. Und das zeigt mir, wie eng die emotionale Verbindung nach wie vor ist. Oft begegnen uns ungelöste Konflikte in Träumen wieder - Ihnen erscheinen Menschen, bei denen es irgendeine Trübung der Beziehung gab, was Sie aber tagsüber schon lange nicht mehr beschäftigt. Ich bin diesen Träumen häufig gefolgt und habe mich bei diesen Menschen gemeldet. Das war oft beglückend.

Es gibt universale Träume: Verfolgung. Fallen. Scheitern.

Von solchen Träumen berichten wirklich achtzig Prozent der Menschen in allen Kulturen. Die meisten von ihnen sagen etwas darüber aus, wie unser Gehirn funktioniert. Träume vom Fallen erklären sich wohl daraus, dass wir nachts den Gleichgewichtssinn trainieren. Auch viele Träume vom Scheitern sehe ich nicht psychologisch. Unser Verstand funktioniert im Traum wie bei jemandem, der eine kleine Aufmerksamkeitsstörung hat. Wir denken sprunghaft und sind nicht in der Lage, Vorstellung und Wirklichkeit zu unterscheiden. Dann fällt es schwer, einen Handlungsfaden zu verfolgen. Ich versäume im Traum immer irgendwelche Flüge. Klar: Da taucht meine Frau auf, und dann fällt mir ein, dass mein Auto noch mit Winterreifen fährt, und schon bin ich in der Autowerkstatt und nicht am Flughafen. Tja.

Warum haben wir so viel Angst in Träumen?

31224327 © Foto Andreas Labes Vergrößern Wissenschaftsautor Stefan Klein studierte Physik und analytische Philosophie in Berlin

Angst ist eine Emotion, die uns schützen soll, und darum eines der stärksten unserer Gefühle. In weiten Teilen funktioniert unser Gehirn noch so archaisch wie das unserer Vorfahren, die beim leisesten Anzeichen einer Bedrohung davonrannten, weil ja der Säbelzahntiger im Gebüsch lauern konnte. Diese Art von einprogrammiertem Verhalten erleben wir in Verfolgungsträumen. Dazu kommt, dass wir negative Emotionen generell stärker erinnern. Es gibt genauso viele positive Träume, aber die prägen sich weniger ein. Wird die Stressreaktion zu stark, wachen Sie auf, und zack, ist die Erinnerung da.

Wie trösten Sie als Vater ein Kind, das nach einem Albtraum hochschreckt?

Ich weiß gar nicht, ob ich tröste. Ich versuche vor allem, den Bezug zur Wachrealität herzustellen: Wenn mein Sohn nachts bei uns im Schlafzimmer steht, weil er geträumt hat, dass Einbrecher Mama und Papa umbringen, sage ich: „Guck mal. Wir sind da. Fass uns an.“ Ich sage nie: „Es ist nur ein Traum.“

Ich habe immer gedacht: Wenn ich wach bin, kann ich einigermaßen klar denken und fühlen und nehme meine Außenwelt objektiv wahr. Nachts hingegen ist alles abgeschaltet, das Hirn ruht sich aus.

Wir wissen heute ziemlich genau, dass das falsch ist. Wir denken auch tagsüber viel weniger klar, als wir glauben. Und auch im Wachzustand geraten wir, oft unbemerkt, immer wieder in traumähnliche Phasen. Offensichtlich brauchen wir regelmäßig einen Rückzug von der Außenwelt, um unsere Erfahrungen zu ordnen. Ihr Gehirn ist im Schlaf praktisch genauso aktiv wie tagsüber - nur anders.

Was passiert denn im Gehirn, wenn wir träumen?

Die Bahnen, die Reize von der Außenwelt ins Gehirn vermitteln, werden nach und nach gekappt. Auch ein Teil des Großhirns, der präfrontale Cortex, der für so etwas wie kritisches Denken und willentliche Steuerung der Aufmerksamkeit zuständig ist, wird heruntergefahren. Dafür werden andere Zentren aktiviert, die sich eher mit der Betrachtung des eigenen inneren Zustands befassen. Zudem fährt in der REM-Phase, in der wir besonders intensiv träumen, das limbische System hoch. Dadurch werden Sie emotionaler.

Über wichtigen Entscheidungen soll man schlafen.

Das ist gut. Im REM-Schlaf wird der faktische Gehalt vom emotionalen Gehalt einer Erinnerung getrennt, weil beides im Gehirn an unterschiedlichen Stellen gespeichert wird. Dadurch sehen Sie am nächsten Morgen die Dinge in klarerem Licht. Vor schwierigen Entscheidungen haben wir verständlicherweise Angst, und mit diesen Ängsten wird ein Stück aufgeräumt. Längerfristig ist die Verarbeitung von Emotionen im Traum eine Art natürlicher Psychotherapie.

Kann man im Schlaf lernen?

Sie können ja mal ausprobieren, wie lernfähig Sie sind, wenn Sie zwei Nächte durchmachen.

Aber das liegt dann doch an mangelnder Erholung.

Stimmt nicht. Lernen bedeutet, dass bestimmte Verknüpfungen im Gehirn gebildet oder geändert werden. Vieles davon kann nur im Schlaf passieren, weil Sie am Tag nicht die geistigen Kapazitäten haben. Da sind Sie nämlich ständig damit beschäftigt, aktuelle Reize zu verarbeiten. Sie müssen den Informationsfluss von außen abkoppeln, um zu sortieren, was wichtig und was unwichtig ist, und um sich das Wichtige einzuprägen. Das passiert, während wir träumen - und hat nichts mit Regeneration zu tun. Robert Stickgold, ein berühmter Traumforscher an der Harvard-Universität, sagte einmal, die Prüfungsleistungen seiner Studenten hätten weniger mit ihrer Intelligenz und ihrem Fleiß zu tun als vielmehr mit ihrem Schlaf.

Deshalb nutzt es mir, mich mit meinen Träumen zu beschäftigen?

Träume können uns inspirieren und uns bei Entscheidungen helfen. Aber es stört mich, dass Träume einem nur nutzen sollen. Meine Träume, das bin ich selbst. Und warum mache ich eine Reise? Warum gehe ich ins Museum? In die Oper? Weil es mich interessiert, fasziniert und bereichert. Mit Träumen ist es genauso.

Die Fragen stellte Julia Schaaf.

Stefan Klein: „Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit“, 19,99 Euro, ist gerade bei S. Fischer erschienen.

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