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Gespräch mit einem Traumforscher : „Träumen ist natürliche Psychotherapie“

  • Aktualisiert am

Wer Träume ignoriert, verpasst ein Drittel seines Lebens. Bild: Richard Ross / Anzenberger

Von Freud haben wir gelernt, uns für nächtlichen Bilder zu schämen, uns vor ihnen zu fürchten. Wissenschaftsautor Stefan Klein hält dagegen: Träume sind wichtig fürs Wohlbefinden; sie können uns sogar nutzen.

          Herr Klein, haben Sie vergangene Nacht etwas geträumt?

          Jeder Mensch träumt jede Nacht, die Frage ist eher: Kann ich mich daran erinnern? Und da man Traumerinnerung trainieren kann und ich mich für mein Buch viel mit Träumen beschäftigt habe, lautet die Antwort: Ja.

          Worum ging’s?

          Ich schlief auf dem Bauch eines Pferdes. Das Pferd lag auf dem Rücken, es war riesengroß, und ich spürte die Wärme und wie der Bauch sich hebt und senkt. Das war erstaunlich. Wir sehen im Traum normalerweise Bilder, hören manchmal auch Töne. Dass wir dagegen Wärme spüren, ist ganz außergewöhnlich.

          Was bedeutet Ihr Traum?

          Er verarbeitet eine Erinnerung aus den Sommerferien. Ich nehme mit meiner ältesten Tochter Reitstunden.

          Wie banal. Sigmund Freud wäre auf andere Assoziationen gekommen.

          Vielleicht hätte er gedeutet, ich wolle meine Mutter beschlafen! Aber ich muss Ihnen widersprechen. Ich finde meine Erklärung nicht banal, sondern viel interessanter als die Phantasien des Herrn Freud. Denn der Traum zeigt, wie meine Erinnerung funktioniert und wie ich Erfahrungen noch Wochen später verarbeite, nämlich wie ein Wiederkäuer, in Etappen. Außerdem finde ich merkwürdig, dass wir Freud noch immer für maßgeblich halten. „Die Traumdeutung“ hat er vor 115 Jahren geschrieben. Ich bin Physiker. Bücher, nach denen ich vor 25 Jahren gelernt habe, können Sie heute vergessen.

          Aber auch neuere Traumdeutungsbücher funktionieren so: Ich schlage nach unter „Pferd“ und erfahre, was dieses Symbol bedeutet.

          Träume spielen aber nicht mit uns Versteck, und in dieser Erkenntnis sehe ich eine große Befreiung, weil sie es uns ermöglicht, unsere Träume zu verstehen. Der große Irrtum von der Antike bis Freud war, den Traum nicht ernst zu nehmen. Die traditionelle Traumdeutung sagt, der Traum spielt uns eine Scheinrealität vor, die wir entschlüsseln müssen. Damit aber entfernen Sie die Menschen von ihren Träumen. Dabei gibt es keine Evidenz für die Gültigkeit der Traumsymbole.

          Das heißt: Traumdeutungsbücher wegschmeißen?

           Ja. Oder Sie betrachten sie als historische Kuriosität.

          Sie behaupten in Ihrem Buch, wer seine Träume ignoriert, verpasst ein Drittel seines Lebens.

          Das ist so. Man dachte lange, es wird nur in den REM-Phasen des Schlafes geträumt. Heute wissen wir, dass wir fast die ganze Nacht auf unterschiedliche Weise träumen.

           Auch im Tiefschlaf?

           Ja. Je mehr Schlaf wir schon hinter uns haben, umso intensiver und umso ausführlicher träumen wir. Im frühen Tiefschlaf sehen wir Bilder wie Blitzlichter, die gleich wieder verschwinden. Aber auch das sind kurze Träume. Und jetzt überlegen Sie: Sie schlafen ungefähr ein Drittel Ihrer Lebenszeit und träumen fast die ganze Zeit. Ich will nicht wissen, was Sie täten, wenn Ihnen jemand so viel zusätzliche Lebenszeit versprechen würde!

          Wobei ich die Zeit nicht frei gestalten kann. Und womöglich muss ich mich auch noch tagsüber mit den Bildern und Gefühlen der Nacht herumschlagen.

          Was heißt müssen? Sie dürfen! Träume sind phantastische Erfahrungen. Aber wir gehen mit ihnen so um, als würden wir nach den tollsten Fernreisen sagen: Alles, was wir unterwegs gesehen haben, interessiert uns überhaupt nicht. Wir löschen sämtliche Fotos.

          Ich neige dazu, Menschen, die sich mit ihren Träumen beschäftigen, für esoterische Spinner oder ewiggestrige Freudianer zu halten.

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