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Veröffentlicht: 30.03.2017, 21:18 Uhr

Flexible Männer „Shakespeare hat mich zum Yoga gebracht“

Männer haben Yoga nötig, sagt der Theater-Regisseur Luk Perceval. Im Interview erzählt er, wie er selbst dazu kam und warum unsere Gesellschaft gerade etwas mehr Gelassenheit gebrauchen kann.

von Thomas David
© Henning Bode Mit Kollegen: Luk Perceval macht Yoga auf der Bühne.

Herr Perceval, haben Sie heute morgen schon Yoga gemacht?

Nein, aber ich habe meditiert. Die morgendliche Meditationspraxis ist für mich so selbstverständlich wie das Zähneputzen. Vor 25 Jahren habe ich angefangen mit Zen-Meditation, aber inzwischen habe ich mich auf „Mindful Yoga“ spezialisiert, eine Verbindung von Zen-Meditationstechniken und Yoga-Asanas, in der die einzelnen Körperstellungen länger gehalten werden als etwa beim „Hatha Yoga“ und es noch mehr um Achtsamkeit geht. Das habe ich heute morgen gemacht. Zazen oder „Gesessen“ auf Zen-Deutsch.

Was haben Sie dabei erfahren?

Wie beim Zähneputzen eigentlich nichts Besonderes. Es geht eher darum zu gucken, welche Gedanken und Emotionen mich im Augenblick beschäftigen, welche unbewussten Prozesse in mir ablaufen und inwiefern ich damit liebevoll umgehen kann.

Genügt es dafür nicht, eine Zigarette zu rauchen?

Das könnte vielleicht tatsächlich reichen, aber wenn ich eine Zigarette rauche, rauche ich anschließend das ganze Päckchen, und das ist natürlich weniger gesund als Yoga und Meditation. Aber ich kann mir vorstellen, dass es Leute gibt, bei denen das funktioniert. Ich habe sogar mal mit einem Zen-Mönch gesprochen, der eine einzige Zigarette pro Tag rauchte und versuchte, den Genuss dieser Zigarette so stark zu erleben, dass er nicht süchtig wurde. Es wäre schön, wenn man so rauchen könnte, aber wie ich mich kenne, würde ich mich stattdessen bewusstlos rauchen.

Das Beispiel zeigt, dass ich trotz jahrelanger Praxis noch immer am Anfang stehe, wobei man das im Zen-Buddhismus sogar anstrebt. Nur der „Beginner's Mind“ ist noch offen, weiß nichts, ist noch auf der Suche. Er ist sozusagen jungfräulich für jede Erfahrung, und wenn ich in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten etwas gelernt habe, dann, dass es nicht so sehr darum geht, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, sondern um die Erfahrung des Augenblicks und mit dieser Erfahrung seinen Frieden zu finden. Es ist eines der Missverständnisse im Yoga, dass es um eine Wohlfühlerfahrung geht, um Wellness. Es geht vielmehr um die Akzeptanz deiner Grenzen, was manchmal einen wahren Kampf bedeutet.

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Eine Akzeptanz des Unvermeidlichen, die vielleicht nicht nur denen helfen könnte, die sich auf die eine oder andere Weise bewusstlos stimulieren. Wäre Yoga ein idealer „State of Mind“ unserer leistungsorientierten Gesellschaft?

Unbedingt. Eines der großen Mankos unserer Kultur: dass es in ihr an dieser Akzeptanz fehlt. Das sieht man nicht nur daran, dass die Leute einen Mann wie Donald Trump wählen, sondern an dem gesamten Trend zum Rechtspopulismus. Die Menschen wählen eine Art von behaupteter Sicherheit, und das in einer Zeit, in der die Angstfokussierung durch den massiven Medienkonsum noch größer geworden ist. Die Menschen leben heute in einem größeren Bewusstsein für Krisen und Katastrophen denn je. Uns steht dank der Allgegenwart der Medien zwar ein enormes Wissen zur Verfügung, aber der einzelne Mensch ist dabei kleiner geworden und hat das Gefühl, keinen Einfluss mehr zu haben.

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