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Veröffentlicht: 13.04.2016, 13:43 Uhr

Tätowier-Künstler „Tattoos muss man sich verdienen“

Tätowierungen sind ein Massenphänomen geworden. Wie es dazu kam, was das aus erotischer Sicht bedeutet und warum auch das „Arschgeweih“ seine Berechtigung hat, erklärt der Münchner Tattoo-Künstler Besen.

von
© Andreas Müller Stich-Tag: Der Schmerz gehört beim Tätowieren dazu.

Besen, was kam bei Ihnen zuerst: Tätowieren oder Tätowiertwerden?

Timo Frasch Folgen:

Beides gleichzeitig: Mein erstes Tattoo habe ich mir selbst gestochen, mit 14. Ich hab' eine Nadel genommen und einen Faden drum herum gewickelt. Der war in Farbe getränkt. Damit hab' ich mir ein Stacheldrahtglied auf den Unterarm tätowiert.

Wieso Tätowieren, wieso Stacheldraht?

Das war so ein Revoluzzerding. Ich war Punk, hatte einen Irokesenschnitt, der anscheinend aussah wie ein Besen. Daher auch mein Künstlername.

Wie war das erste Mal?

Ich war überrascht, dass die Nadel so schwer in die Haut geht. Die Farbe muss ja in die zweite Hautschicht.

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Woher wussten Sie das?

Wusste ich wahrscheinlich gar nicht. Ich hab' unterschiedlich tief gestochen, deswegen ist die Tätowierung auch nicht gleichmäßig abgeheilt.

Wie kam das Tattoo bei den Eltern an?

Es war so klein, dass sie es nicht wirklich realisiert haben. Das kam dann beim zweiten mit 15, 16. Damals war es ein Bekannter mit einer selbstgebauten Tätowiermaschine, die ursprünglich mal ein Rasierapparat war. Das Tattoo, diesmal auf dem rechten Oberarm, sollte ein Porträt von Sid Vicious sein, war aber nicht wirklich zu erkennen. Da haben meine eher unspießigen Eltern dann doch gesagt, dass ich es später bereuen würde.

Und: Haben Sie?

Nein. Aber ich würde trotzdem keinem empfehlen, einfach drauflos zu tätowieren, schon wegen der Hygiene. Das kann auf die Gesundheit gehen.

Es gibt Mediziner, die generell vor Tattoos warnen.

Die langfristigen Folgen kennt tatsächlich niemand. Es gibt meines Wissens keine wissenschaftlichen Studien, die Unbedenklichkeit oder Bedenklichkeit attestieren. Das Einzige, was man sicher weiß: Menschen lassen sich seit Ewigkeiten tätowieren, offenbar ohne größere Schäden. Trotzdem sollte jedem klar sein, dass mit der Farbe ein Fremdkörper in den eigenen Körper kommt.

Besen - Der Tätowierer mit dem hierzulande ungewöhnlichen Vornamen spricht im Münchner Studio "Wild at Heart" über die Kunst des Einbringens von Farbe in die Haut. © Andreas Müller Vergrößern Kunst und Kundendienst: Besen macht nicht jeden Wunsch seiner Auftraggeber mit. Grundsätzlich aber gilt: „Die Tätowierung gehört den Tätowierten, sie sollen damit glücklich sein.“

Wie wurden Sie zum Tätowierprofi?

Schon in der Schule war mir klar: Ein Nine-to-Five-Job ist nicht mein Ding. Mir fehlte aber die Idee, womit ich sonst Geld verdienen könnte. Der Aha-Effekt kam auf einer Indien-Reise. Ich hab' dort einen wahnsinnig guten Tätowierer aus Europa kennengelernt, der mit Fotomappe und Tätowiermaschine unterwegs war. Zu der Zeit bin ich viel gereist und habe dann eben gemerkt: Reisen und Tätowieren geht zusammen. Also hab' ich mir eine Maschine gekauft. Da war ich 23.

Und dann?

Hab' ich an mir selber und im Freundeskreis rumprobiert. Das würde ich auch nicht mehr machen, aber so hatte ich immerhin erste Arbeitsproben. Mit denen und meinen Zeichnungen hab' ich dann auf einer Tattoo-Convention die Tätowierer abgeklappert. Ich wusste: Um weiterzukommen, brauche ich professionelle Hilfe. Wenig später habe ich in München meine Ausbildung begonnen, zweieinhalb Jahre.

Was macht einen guten Tätowierer aus?

Er berücksichtigt zum Beispiel, dass die Haut ein lebendiges Gewebe ist und dass die Tätowierfarbe altert. Eine frisch tätowierte Linie ist satt und scharf. Nach ein paar Jahren wird sie heller, läuft leicht aus. Deswegen ist nicht unbedingt derjenige der Beste, der besonders filigran arbeitet. Frisch gestochen mag das beeindruckend sein, aber wenn ich nicht im Hinterkopf habe, dass in zehn Jahren dort, wo vorher zwei feine Linien nah beieinander waren, nur noch eine dicke zu erkennen ist, dann ist es schlecht.

Können Tätowierungen mit dem Alter gewinnen?

Ich finde sie am schönsten, wenn sie ungefähr ein Jahr alt sind und eine gewisse Weichheit entwickelt haben. Dann sehen sie nicht mehr aus wie ein Bild auf der Haut, sondern wie ein Teil von ihr.

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Gibt es Hauttypen, bei denen Tätowierungen besser wirken als bei anderen?

Es klingt widersinnig, aber je heller die Haut ist, desto besser funktionieren helle Farben. Die erste Hautschicht ist wie das Glas bei der Hinterglasmalerei. Wenn es dunkel ist, sehe ich nicht mehr viel von dem dahinterliegenden Bild.

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