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Veröffentlicht: 05.06.2017, 11:00 Uhr

Tätowierung Hin und weg

Im Frühjahr kommt wieder alles zum Vorschein, und viele Tätowierte wollen ihre Tattoos loswerden. Mit Lasertechnik geht das leicht. Aber die gesundheitlichen Risiken sind noch nicht richtig erforscht.

von Kerstin Mitternacht
© dapd Der Amerikaner Bryon Widner war lange Mitglied der rechten Bewegung „White Power“. Als er 2006 Vater wurde, zeigte er ein anderes Gesicht - nach 25 schmerzhaften Laserbehandlungen in 16 Monaten.

Und jetzt, wenn es wieder wärmer ist und die Kleider kürzer werden, fallen sie wieder auf: die Rose auf dem Schulterblatt, Delphine am Knöchel, ein Tribal am Oberarm. Tattoos, mit denen man eine lebenslange Beziehung eingeht, werden wieder sichtbar. Es sind viele: Jeder achte Deutsche hat laut Allensbach-Institut ein Tattoo, bei jungen Leuten von 16 bis 29 Jahren sind es sogar 24 Prozent. Tattoos sind mitten in der Gesellschaft angekommen.

Doch immer öfter sind Tätowierte mit ihrem Tattoo nicht mehr zufrieden. Es passt dann einfach nicht mehr zu den Lebensumständen: Während der Banklehre ist ein sichtbares Tattoo am Hals nicht angebracht; der Name der Freundin auf dem Oberarm ist nicht mehr aktuell; man findet den Stern am Handgelenk mittlerweile albern und das Arschgeweih peinlich.

Wenn es nicht mehr gefällt, weg damit

„Rund zehn Prozent der Tätowierten sind unzufrieden mit ihrem Tattoo“, sagt Matthias Bonczkowitz, Hautarzt aus Kelkheim und Mitglied der Deutschen Dermatologischen Lasergesellschaft. Und weil es immer mehr Tätowierte gibt, wollen auch immer mehr ihr Tattoo loswerden. Manche kommen im Frühjahr, wenn die Temperaturen wieder steigen. Aber die meisten lassen sich im Herbst versorgen, denn die behandelten Stellen müssen vor Licht geschützt werden, das geht in der dunklen Jahreszeit besser.

Lange ließ man unerwünschte Tattoos operativ herausschneiden, mit Milchsäure behandeln oder die Haut abschleifen. „Das ist nicht mehr zu empfehlen, da Narben zurückbleiben. Heute nutzt man die Lasertechnik“, sagt der Hautarzt. Dabei gibt es allerdings große Qualitätsunterschiede. Denn auch einige Tattoo-Studios haben den Trend entdeckt und arbeiten häufig mit einfachen Lasern und ohne Know-how.

Neue Verfahren für die Entfernung

Die modernste Methode ist heute die Pikosekundentechnik. Diese Laser sind seit etwa zwei Jahren auf dem Markt. Auch in der Praxis von Bonczkowitz steht ein solches Gerät. „In Millionstelsekunden wird der Farbstoff in der Haut zu Staub verkleinert. Dabei wird durch den kurzen Impuls das Gewebe geschont, und Nebenwirkungen sind geringer“, sagt der Hautarzt. Als Nebenwirkungen können Rötungen, Schwellungen oder Bläschen auftreten. Selten gebe es allergische Reaktionen.

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„Fresszellen nehmen die Farbteilchen auf und transportieren sie weiter. Ausgeschieden wird von den Substanzen kaum etwas. Die Farbe verbleibt im Körper, meist lagert sie sich in den Lymphknoten ab“, sagt Peter Elsner, Mitglied des Präsidiums der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft und Direktor der Klinik für Hautkrankheiten am Universitätsklinikum Jena.

Je nach Farbe besseres Ergebnis

Die Kosten pro Sitzung liegen zwischen 100 und 250 Euro, je nach Tattoo-Größe. Wie viele Sitzungen benötigt werden, hängt von der Größe und der verwendeten Farbe ab. Im Durchschnitt seien es acht Behandlungen, sagt Bonczkowitz. Zwischen den Sitzungen braucht der Körper etwa vier Wochen Pause, damit die behandelte Stelle wieder abheilen kann. Während des Laserns wird die Stelle mit Luft gekühlt.

Auf Vorher-Nachher-Bildern erscheinen die Ergebnisse des Pikosekundenlasers verblüffend: Die Haut sieht aus, als hätte nie ein Bild sie geschmückt. Das Ergebnis hängt allerdings von vielen Faktoren ab, zum Beispiel von den Farben. Kompliziert zu entfernen seien Gelb, Grün und Mischfarben. Auch tief gestochene Tattoos verschwänden nicht so leicht, sagt Bonczkowitz. Gut zu entfernen sind ganz frisch gestochene und sehr alte Tattoos, bei denen die Farbe schon verblasst ist.

Haut nicht mit Sicherheit wie vorher

„Niemand kann zu 100 Prozent garantieren, dass die Haut wieder wie vorher aussieht“, sagt Elsner. Auch müsse man bedenken, dass es sich bei der Tattoo-Entfernung um eine rein ästhetische Behandlung handele. Die Kosten werden von Krankenkassen nicht übernommen.

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Immer wieder diskutiert wird über die Giftstoffe, die durch das Zerstören der Farben möglicherweise freigesetzt werden. Aber es ist unklar, ob Farbpigmente krebserregend sein können. „Für Pikosekundenlaser gibt es noch keine abgeschlossenen Studien“, so Bonczkowitz. „Ich sage meinen Patienten, für einige Farben sei belegt, dass durchs Lasern toxische Spaltprodukte entstehen.“

Gesundheitsrisiko nicht ausgeschlossen

Auch Elsner sagt, dass es noch keine Daten gebe, die etwa ein erhöhtes Krebsrisiko anzeigten. „Aber aufgrund der verwendeten Tattoo-Farben, die oft schon Schwermetalle wie Quecksilber enthalten, und der Spaltprodukte, die durch das Lasern entstehen, ist ein Krebsrisiko auch nicht auszuschließen.“

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat festgestellt, dass beim Entfernen von blauer Tattoo-Farbe giftige Spaltprodukte entstehen, dazu gehören Benzol und Blausäure. Das mögliche Risiko variiert je nach Größe der Tätowierung, Pigmentkonzentration, Körperstelle, Bestrahlungsdosis sowie der verwendeten Wellenlänge des Lasers.

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Auch wenn es leichter wird, Tattoos zu entfernen - ganz ungefährlich ist es nicht und auch nicht immer erfolgreich. Bevor man also aus dem nächsten Urlaub eine Palme als Souvenir für 150 Euro mitbringt, sollte man sich überlegen, ob die Pflanze bei uns heimisch wird. Oder ob man das Zehnfache für ihre Entfernung zu zahlen bereit ist.

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