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Veröffentlicht: 10.08.2017, 13:22 Uhr

Zu viel Lärm Wir brauchen mehr Stille

Urlaubszeit ist auch die Zeit der Stille. Und der menschliche Körper braucht sie, um funktionsfähig zu bleiben. Wir gönnen ihm die absolute Ruhe heute aber viel zu selten. Das ist schade.

von Michael Graupner und Vinzent Leitgeb
© plainpicture/Ingrid Michel Auf dem Land findet man mehr Stille als in der Stadt. (Symbolfoto)

Babygeschrei. Lautes, grelles Babygeschrei. Es hallt durch die St.-Michael-Kirche in München. Mitten in der Innenstadt, Mittagszeit. Kameraklickende Touristen drängen sich durch die Bankreihen. Draußen trommelt ein Musiker den Radetzky-Marsch, Einkaufslustige schlendern die Fußgängerzone entlang.

Drinnen, in der Kirche, versammeln sich Menschen, sie setzen sich. Orgelmusik setzt ein. Eine Frau tritt an ein Rednerpult. Sie spricht. Darüber, dass wir wieder zur Ruhe kommen, dass wir stressfrei im Augenblick leben, dass wir im Hier und Jetzt leben sollen. Durchatmen. Wieder Orgelmusik. Ein Gebet. Nach 15 Minuten ist die Mittagsmeditation beendet.

Einfach nur kurz innehalten

Die Frau am Pult heißt Gabriela Grunden und arbeitet im Ordinariat der Münchner St.-Michael-Kirche, Abteilung Spiritualität. Vor vier Jahren hat sie mit ihren Kollegen die „Atempause“ getaufte Meditation ins Leben gerufen. Jeden Tag um 12.30 Uhr gibt es Orgelmusik und eine Ansprache. Es kämen über fünfzig Personen im Schnitt, einige stolperten zufällig hinein, die meisten nicht. „Es gibt in der Gesellschaft ein Bedürfnis, wieder zu sich selbst zurückzukommen“, sagt Gabriela Grunden. Mit ihrer Atempause wolle sie ein Angebot schaffen, um diesem Bedürfnis gerecht zu werden. Um einfach nur kurz innezuhalten. Um Hektik, Stress und Produktionsdruck zu entfliehen. „Wir müssen wieder häufiger zu Atem kommen, mehr bei Sinnen sein.“ Und vor allem: auf unsere Sinne achten.

Hören – der einzige unserer fünf Sinne, den wir nicht abschalten können. Wir können uns die Ohren zuhalten. Aber es wird nie so still, wie es dunkel wird, wenn wir die Augen zumachen. Freiwillig, meist unfreiwillig sind wir Geräuschen ausgesetzt. Bei einer Online-Umfrage des Umweltbundesamts zur Lärmbelästigung 2011 gaben 87,5 Prozent der Teilnehmer an, von Lärm gestört zu werden. Vermutlich sind es heute mehr als weniger geworden. Autos, Züge, Flugzeuge, Baustellen, Nachbarn. Alles Lärmquellen, die zu unserem Alltag gehören und denen wir ohnmächtig gegenüberstehen. Noch dazu beschallen wir uns mit Musik, besuchen öffentliche, mit Geräuschen erfüllte Orte. Den Umgang mit Stille müssen wir neu lernen.

Lärm und Hektik sind eine tägliche Herausforderung

Die Kreuzung Dachauer Straße/Lothstraße in München. Drei Straßenbahnlinien, ein Bus, Autos. Aus einem Supermarkt, den Cafés und Häusern strömen Menschen. Die Hochschule München hat hier ihren größten Standort. Von den rund 20.000 Mitarbeitern und Studenten kommt weit mehr als die Hälfte hier hin. So auch Judith Bub, die am Lernzentrum arbeitet. Dass es rund um sie, ihre Kollegen und die Studenten so hektisch ist, hält Judith Bub für eine tägliche Herausforderung: „Die meisten von uns verbringen ja nicht nur ein oder zwei Stunden hier, sondern den ganzen Tag. Um lange konzentriert arbeiten und studieren zu können, sind Ruhepausen und entsprechende Rückzugsorte wichtig.“

47945683 © dpa Vergrößern Eine Studentin sitzt im Raum der Stille in der Georg-August-Universität in Göttingen.

Viele Studien bestätigen das: Zu viel Lärm am Arbeitsplatz führt zu mehr Stress. Egal wie der individuell erlebt wird, immer ist der Körper in Alarmbereitschaft, es werden Stresshormone ausgeschüttet, die Leistungsfähigkeit nimmt ab. Für Büros und Arbeitsplätze gelten deshalb strenge Vorschriften. Aber gerade an Orten, an denen ein ständiges Kommen und Gehen herrscht, an denen es keine festen Arbeitsplätze gibt, ist das schwer zu kontrollieren. Lärmschutz oft nur Theorie.

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