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Smartphone Die Welt außerhalb des Displays

Eine brasilianische Bar startet eine Kampagne gegen Smartphones und fräst dafür Kanten in ihre Gläser. Auf Youtube diskutieren Millionen über ein Video, in dem das Handy zuhause gelassen wird. Sollten wir unser Kommunikationsverhalten überdenken?

© dpa Vergrößern Vereinsamung trotz Smartphone? Mann in Bar

Die Bar ist voll. Gesprächsfetzen schwirren durch die Luft, nur an einigen Tischen herrscht Stille. Hier sitzen die Menschen mit geneigtem Kopf und schauen auf ihr Handy. Ihre Tischnachbarn sind gelangweilt, geradezu genervt. Diese Szene könnte an jedem Abend in jeder Bar stattfinden. Hier stammt sie aus einem Werbevideo der brasilianischen Bar Salve Jorge. Die Barbesitzer versprechen darin: „Wir retten die Leute aus der Online-Welt und bringen sie zurück an die Bartische.“

Gefräste Glaskante gegen die gesellschaftliche Unart

Die Lösung soll ein Glas sein. Aus seinem unterem Rand wurde eine Ecke ausgefräst. Gerade so groß, dass das Glas auf dem Tisch ins Wanken gerät - es sei denn, man legt sein Smartphone unter. Zieht man es weg, um doch eine Nachricht an die Lieben in der Außenwelt zu schreiben, kippt das Glas um. Mit dem sogenannten „Offline-Glas“ reagiert die brasilianische Bar auf einen Trend, der sich besonders unter jungen Menschen ausbreitet: Sobald das Handydisplay aufblinkt, sind die realen Freunde abgeschrieben.

„Wir haben es mit einer ausgeprägten Unhöflichkeit zu tun“, sagt Joachim R. Höflich, Professor für Medienintegration an der Universität Erfurt. Er beschäftigt sich unter anderem mit mobiler Kommunikation und dem damit einhergehenden Medienwandel. „Durch dieses Verhalten werden grundlegende Anstandsregeln verletzt. Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einer Gruppe zusammen, und plötzlich dreht ihnen jemand den Rücken zu oder geht einfach weg.“ Genau das passiere im übertragenen Sinne.

Nicht nur in Brasilien, auch in Deutschland stört man sich an der neuen gesellschaftlichen Unart - und erfindet Gegenmaßnahmen. In Berlin machte die Bar „Buck and Breck“ Schlagzeilen, weil dort keine Telefone erwünscht sind. Gleich zu Beginn stand das für den Barbesitzer Goncalo de Sousa Monteiro fest. Hauptsächlich, weil das Licht des Displays die Atmosphäre der Bar zerstöre, aber auch, weil Sousa Monteiro seine Prinzipien hat. „Es gehört nicht zum guten Ton, das Handy auf dem Tisch liegen zu haben“, sagt er.   

Keine Telefone in Berliner Bar

Der Barbesitzer und seine Mitarbeiter haben lange überlegt, wie sie ihre Anti-Smartphone-Empfehlung am besten vermitteln. Mit Verbotsschildern wollten sie ihre Gäste nicht empfangen. Eine Zeitlang legten sie dem Gast bei überdurchschnittlich langem Handykonsum ein kleines Kärtchen auf den Tisch. Darauf der Spruch: „Enjoy your drink and hide your phone.“ Mittlerweile sind die Kellner von Buck & Breck dazu übergegangen, die Gäste persönlich anzusprechen. „Wichtig ist, dass wir immer höflich bleiben“, sagt Barbesitzer Sousa Monteiro. Die Reaktionen der Gäste seien ganz unterschiedlich. „Einige fühlen sich bevormundet oder persönlich angegriffen.“ Aber die Mehrheit habe Verständnis und freue sich sogar über die Regelung. „Oft haben wir schon gehört, dass der Begleiter sagte: Gut, dass sie es ihm gesagt haben, dann musste ich es nicht machen.“

Klare Regeln fordert auch Kommunikationswissenschaftler  Höflich. „Zurzeit befinden wir uns in einer Übergangsphase, in der die alten Regeln nicht mehr gelten, es aber noch keine neuen gibt.“  Das ist in der Mediengeschichte nicht neu. Gut erinnert sich Höflich noch an die Zeiten, als sich immer mehr Jugendliche sich Kopfhörer für ihren Walkman in die Ohren stöpselten. „Damals war die Empörung groß“, sagt Höflich. Besorgte Stimmen sprachen von einer Abkapselung der Menschen. Heute stört sich niemand mehr an Ipods oder MP3-Playern. „Wir haben uns offenkundig daran gewöhnt und mit dem Medium arrangiert“, so Höflich. Ein erster Schritt zum Wandel sei das Erkennen des Problems. Derzeit häufen sich im Internet Kampagnen gegen übertriebene Smartphone-Nutzung - „ein Zeichen der moralischen Empörung“, wie Höflich sagt.

Genießen des Augenblicks

Ein solches ist auch das Video „ I forgot my smartphone.“ Seit gut zwei Wochen ist es auf der Videoplattform „Youtube“ zu sehen und hat schon mehr als 18 Millionen Klicks gesammelt. Gezeigt wird darin das Leben einer jungen Frau, die einen Tag lang ohne ihr Smartphone auskommen muss. Dabei entdeckt sie eine Welt außerhalb des Displays und auch, wie alleine man mitunter in ihr ist. Sie trifft sich zum Bowlen, besucht ein Konzert und feiert den Geburtstag eines Freundes. All das  ohne ihr Handy. Wer sehr wohl ein Smartphone hat, sind ihre Mitmenschen. Beim Essen, am Strand, beim Einschlafen – bei jeder Gelegenheit zücken sie ihr Gerät, telefonieren, surfen und machen Fotos. Den Augenblick genießen, das kann hier niemand mehr.

Hinter dem Video stehen Charlene de Guzman und Miles Crawford aus Los Angeles. Der von ihnen produzierte Kurzfilm trifft den Nerv einer Generation. Im Minutentakt laufen Kommentare ein, in denen die Zuschauer ihre Zustimmung aussprechen oder über ähnliche Fälle klagen. Auch die Verschwörungstheoretiker melden sich zu Wort und malen die wildesten Szenarien: Von dem Verfall einer Kultur ist da die Rede, ebenso wie von Vereinsamung und einer drohenden Antisozialisierung.

Kommunikative Insel

Neu ist das Phänomen nicht. „Früher gab es nur andere Möglichkeiten. Denken Sie zum Beispiel an das Buch, das jemand liest“, sagt Kommunikationswissenschaftler Höflich. Das Bedürfnis, sich für einen Moment auszuklinken, sei im Menschen verankert. „Wir sitzen ein wenig mehr auf der kommunikativen Insel als vorher“, räumt er ein. Das Fatale an Smartphones sei aber, dass sie uns gleich über mehrere Kanäle ansprächen.

Wir lesen E-Mails, ersteigern Sachen bei Ebay und informieren uns - alles Aktivitäten, die unsere Aufmerksamkeit extrem fordern und früher nur im privaten Bereich betrieben wurden, sagt Höflich. Durch das Smartphone verlagerten sie sich nun in den öffentlichen Bereich, wo noch Verunsicherung über den Umgang mit diesen Möglichkeiten herrscht. Aber nach der Meinung von Höflich ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir uns auch damit arrangieren werden. „So ist es bisher immer gewesen.“

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Quelle: FAZ.NET

 
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Veröffentlicht: 06.09.2013, 20:37 Uhr