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Veröffentlicht: 25.12.2014, 18:41 Uhr

Single Bells (1) Manchmal haben es jüngere Frauen schwerer

New York ist die Hauptstadt der Einsamen. Online-Dating hat daran nicht viel geändert. Vier Singles erzählen davon, wie schwer es ist, in der Großstadt einen Partner zu finden. Den Anfang macht Melani Robinson.

© Nedden, Kai Melani wird öfter von Jungspunden angeschrieben – schließlich ist ihr Name Robinson, wie bei Mrs. Robinson aus der „Reifeprüfung“.

Mit 50, denken manche, ist die Zeit der Umbrüche vorbei. Für Melani Robinson fing sie erst an. Sie zog von Las Vegas, wo sie als Trainerin für Casino-Personal arbeitete, nach New York. Neue Stadt, neues Leben, neue Liebe? Melanis Ehemann war vor fünf Jahren gestorben, und langsam fühlte sie sich bereit für eine neue Beziehung. Viele Chancen rechnete sie sich zuerst aber nicht aus. „Ich dachte“, erzählt sie in einem Café an der Upper East Side, „wie soll ich einen Mann in einer Stadt finden, in der wunderschöne Mittzwanzigerinnen mit Harvard-Abschlüssen am Samstagabend allein zu Hause sitzen?“

Aber als Melani sich bei Dating-Seiten im Internet anmeldete, stellte sie schnell fest, dass es in New York mehr als genug Männer gab, die sich für sie interessierten: In einem Jahr ging sie auf etwa 100 Dates. „Inzwischen weiß ich: Es stimmt nicht, dass ältere Männer junge Frauen suchen.“

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Ältere Männer suchten Frauen, die ihr Leben nachvollziehen können, die ihr Lieblingslied nicht nur aus dem Club-Remix kennen und vor denen sie sich nackt nicht schämen müssen. „Und seien wir mal ehrlich: Ein Durchschnittsmann jenseits der 50 kriegt nicht einfach so eine heiße Zwanzigjährige“, sagt sie. „Es sei denn, er ist Donald Trump.“ Melani lacht - sie lacht gern und viel, so stark, dass ihre blonden Haare fliegen. Viele würden sagen: Sie sieht jünger aus als fünfzig. Melani sagt: „Ich sehe aus wie 50, und viele finden mich attraktiv. Muss das ein Gegensatz sein?“

„In einer schlechten Beziehung ist es noch viel einsamer“

Melanis Liebesleben war nicht weniger geschäftig als das ihrer 29 Jahre alten Tochter. Und bestimmt nicht weniger turbulent: „Mit 50 Single zu sein ist nicht viel anders als in den Zwanzigern“, sagt sie. „Der Wunsch, zu lieben und geliebt zu werden, ist gleich stark - und die Partnersuche nicht weniger verwirrend.“

Online-Dating - Vier Singles erzählen davon, wie schwer es ist, in der Großstadt einen Partner zu finden, trotz entsprechender Internet-Portale © Nedden, Kai Vergrößern Melani in ihrer Wohnung an der Upper West Side.

Es gab den höflichen Antiquitätenhändler, der nach einem netten Abendessen anbot, sie vor die Haustür zu bringen und sie dann an die Hauswand presste und ihr die Zunge in den Rachen steckte; den götterschönen Kerl, der zum Verzweifeln roch; und einen Polizisten, der so viel hustete, dass sie im Gespräch kaum über ein Hallo hinauskamen.

Melani schrieb diese Geschichten auf, in einem Blog namens „One Year Of Onlinedating With 50“. Doch viele ihrer Leserinnen waren 30 Jahre jünger als sie. Sie schrieben, dass sie ihnen aus dem Herzen spreche: Sie hatten alle dieselben Probleme. „Manchmal finde ich, dass jüngere Frauen es sogar schwerer haben“, sagt Melani. „In meiner Altersgruppe ist der Kandidatenpool zwar dünner, andererseits ist man weniger wählerisch. Ich suche ja nicht den Vater meiner zukünftigen Kinder, sondern einfach jemanden, mit dem ich eine gute Zeit habe.“ Es gebe keinen Druck, einen Partner zu finden, es ticke keine biologische Uhr. Sie sei weniger bereit, Kompromisse einzugehen. „Wie einsam es auch ist, allein zu sein - in einer schlechten Beziehung ist es noch viel einsamer.“

„Mädels, friert eure Eizellen ein“

Ihren Traummann hat Melani bisher nicht gefunden. Zur Zeit hat sie erst mal eine Pause vom Online-Dating eingelegt. „Das Internet kann ein sehr trauriger Ort sein“, sagt sie. „Aber andererseits: Mir fällt keine bessere Möglichkeit ein.“ Einmal ist sie auf eine Ü50-Party gegangen, aber die Kandidaten sahen aus, als müssten sie das romantische Abendessen beim ersten Date intravenös einnehmen.

Online-Dating - Vier Singles erzählen davon, wie schwer es ist, in der Großstadt einen Partner zu finden, trotz entsprechender Internet-Portale © Nedden, Kai Vergrößern „Das Internet kann ein sehr trauriger Ort sein.“

Da würde sie noch eher auf die Angebote von Jungspunden eingehen, die sie öfter anschreiben, sagt Melani. „Schließlich ist mein Nachname Robinson“ - wie bei Mrs. Robinson, die, von Simon and Garfunkel besungen, den jungen Benjamin in „Die Reifeprüfung“ verführt.

Aber auch das möchte sie nicht. „Alter ist nicht nur eine Zahl - das ist ein Platz in deinem Leben“, sagt sie. „Es bestimmt viele Dinge: Was du schon durchgemacht hast, was du noch durchmachen musst, wie deine Zukunft sein wird.“

Zum Schluss noch ein Tipp für die junge Generation? „Mädels, friert eure Eizellen ein. Aber gebt euch nicht mit weniger zufrieden, als ihr verdient.“

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