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Seltene Krankheit : Für manche Menschen klingen alle Stimmen gleich

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Hingehört: Phonagnosiker lernen mit der Zeit, an anderen Parametern zu erkennen, wer gerade spricht. Bild: Colourbox.com

Es gibt Menschen, die andere nicht an ihrer Stimme erkennen können. Vielen fällt es anfangs gar nicht auf. Für Wissenschaftler sind Phonagnosiker interessante Probanden – weil das Defizit kaum erforscht ist.

          Als Anke Engelke am 21. Januar 2007 erstmals als Synchronstimme von Marge Simpson im Fernsehen zu hören ist, geht ein Ruck durch die deutsche Fangemeinde. Simpsons-Liebhabern klang noch die krächzende Stimme von Elisabeth Volkmann in den Ohren, die der Ehefrau von Homer 15 Jahre lang, seit der deutschen Erstausstrahlung der Serie im Jahr 1991 bis zu ihrem plötzlichen Tod im Juli 2006, ihre Stimme lieh.

          Wie viele der heute Dreißigjährigen ist auch Stefan Peters mit dem Humor der gelben Wesen aus der amerikanischen Zeichentrickserie aufgewachsen. Aber anders als für die Mehrheit der Fans klang Engelkes Marge-Stimme für Stefan Peters nicht befremdlich, nicht einmal ungewohnt. Peters ist der Wechsel der beiden Sprecherinnen damals nicht einmal aufgefallen. Erst als das Thema beim Fernsehschauen mit Freunden zur Sprache kam, erfuhr er davon. Gehört hat er den stimmlichen Unterschied danach trotzdem nicht.

          Wenn Peters, der eigentlich anders heißt, in einem kleinen Bahnhofscafé von dem Moment erzählt, an dem ihm bewusst wurde, dass er nicht hören kann, was alle anderen hören, wirkt er abgeklärt, als wäre es das Normalste von der Welt, Stimmen nicht erkennen zu können. Nicht die seiner Eltern, nicht die seiner Schwester und erst recht nicht die von Marge Simpson. Wenn seine Freundin anruft und ihre Nummer nicht auf dem Display seines Smartphones erscheinen würde, er wüsste im ersten Moment nicht, wer da so vertraut mit ihm redet.

          Lange, sagt Peters, sei er dem nicht weiter nachgegangen, „auch weil ich mich im Alltag nicht eingeschränkt fühle“. Für einen kurzen Moment wird Peters’ junges Gesicht nachdenklich, und er rührt still den Milchschaum seines Cappuccino um. „Ich habe gedacht, dass ich einfach schlecht darin bin, Stimmen zu erkennen. Ich höre eine Stimme, aber sie hat für mich keine Relevanz. Ich denke noch nicht einmal darüber nach, ob das für mich eine bekannte oder unbekannte Stimme ist.“

          Wer ruft an?

          Die Stimme eines Freundes am Telefon nicht sofort zu erkennen, das ist vermutlich jedem schon einmal passiert. Das merkwürdige Gefühl vergeht, sobald man darauf kommt, wer spricht. Bei Peters kommt dieser Moment nicht von alleine, er hat andere Strategien, um Anrufer zu identifizieren. Auch wenn er in Zeiten der Rufnummernanzeige kaum noch auf sie angewiesen ist, passiert es Peters hin und wieder, dass er mehrere Personen unter demselben Namen in seinem Telefon speichert. „Einmal war ich felsenfest davon überzeugt, mit einer ganz bestimmten Stefanie zu sprechen. Erst nachdem ich eine Weile mit ihr geredet hatte, gab es plötzlich einen Moment, in dem der Inhalt des Gesprächs nicht mehr zu der Person in meiner Vorstellung gepasst hat. Dann musste ich wirklich nachfragen, welche Stefanie mich anruft.“

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          Nicht nur am Gesprächsinhalt, auch an der Sprechweise erkennt Peters andere Personen. So wie man den jungen Mann selbst auch ohne Hinweise auf seine Statur, die blauen Augen und das verschmitzte Lächeln nur an seinem leichten Sächseln wiedererkennen würde, kommt Peters beispielsweise schnell darauf, dass es sich bei einem von vielen „Ähms“ unterbrochenen Gebrabbel um die Stimme von Boris Becker handelt. Auf den Unterhaltungswert von Stimmimitatoren oder Navigationssystemen mit Promi-Stimmen muss Peters allerdings sein Leben lang verzichten.

          Während Peters erzählt, erklingt in dem italienischen Café - wo, wenn nicht hier - die weiche Stimme von Eros Ramazzotti. Obwohl Peters den Charterfolg „Cose Della Vita“ wahrscheinlich schon viele Male im Radio gehört hat, dass es Ramazzotti ist, der da „Se Bastasse Una Canzone“ säuselt, darauf würde Peters nie kommen. „Tatsächlich ist die Stimme eines Musikers für mich am wenigsten von Interesse.“ Für Gesang kann er sich trotzdem begeistern, auch ohne Besonderheiten in der Stimme zu erkennen. Bei Musik gehe es ihm um das Ganze, sagt er.

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