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Pamphlet gegen den Sommer : Freunde der Sonne, wir müssen reden!

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Sie erinnern sich an die „Drinnis“? So nannte man zu Schulzeiten die blassen Jungs, die am Wochenende lieber bei runtergelassenem Rollo Computer spielten und Pizza aus Pappkartons aßen, statt mit an den Badesee zu kommen. (Gut, es hatte sie auch keiner gefragt.) Bild: dpa

Über den Sommer. Nicht darüber, dass er zu spät gekommen ist und zu kurz bleibt. Nein, es geht darum, dass er ruhig mal wegbleiben kann. Also, haben Sie einen Moment, oder müssen Sie gerade Sommerdinge tun?

          Sie sitzen im Garten, Sie baden, Sie grillen? Von mir aus können Sie all das nebenbei machen. Wenn Ihnen die Sonne nicht die Konzentration zum Lesen raubt. Bei der Hitze wäre das ja kein Wunder. Und da haben wir schon einen Teil des Problems.

          Lange habe ich überlegt, ob man das einfach machen kann. Kritik am Sommer, das ist ein wenig wie Kritik an der Demokratie, der Existenzberechtigung Israels oder an Angela Merkel. Darf ich den Sommer als konzeptionell verfehlt verurteilen? Dr. Sommer aus der „Bravo“ sagte immer: „Wenn du das in dem Moment so empfunden hast, dann ist das in Ordnung.“ Nun gut, ich empfinde den Sommer als strukturell überbewertet. Und warum das nicht nur in Ordnung, sondern angebracht ist, werde ich argumentativ knallhart durchexerzieren. Nicht luftig-leicht. Nicht so, wie der Sommer ist.

          Womit wir bei der wohl schlimmsten Eigenschaft des Sommers wären. In seiner Seichtigkeit produziert er eine omnipräsent oberflächliche Freundlich- und Fröhlichkeit, mit der wir beim Besserverdiener-Barbecue an der amerikanischen Ostküste eine hervorragende Figur machen würden: „Was, ihr wart am Wochenende in Wo-auch-immer, und ihr hattet immer Sonne? Wonderful!“ Saßen Sie schon einmal an einem warmen Tag morgens miesepetrig in der U-Bahn? Pardon, natürlich nicht. Jedenfalls weiß ich aus der Betroffenenperspektive zu berichten: Morgendlicher Missmut ist im Sommer die Inkarnation sozialer Unerwünschtheit. Im Winter ist Miesepetrigkeit Konsens, voll akzeptiert, mit geradezu integrativer Wirkung. Gemeinsames Mosern über das Novembergrau: Das schweißt zusammen.

          Wer nicht raus geht, bleibt ein „Drinni“

          Doch kaum kommt die Sonne raus, ist kollektive Unternehmungslustigkeit angesagt. „Unternehmungslustig“ ist ein echtes Sommerwort, ein Kontaktanzeigenwort so wie „humorvoll“. Kommen Sie einmal montags ins Büro, ohne darüber berichten zu können, am Wochenende zum Klettern gewesen zu sein oder wenigstens am See, besser mit dem Rad. Wer all das nicht macht, der ist ein „Drinni“. Sie erinnern sich, so nannte man zu Schulzeiten die blassen Jungs, die am Wochenende lieber bei runtergelassenem Rollo Computer spielten und Pizza aus Pappkartons aßen, statt mit an den Badesee zu kommen. (Gut, es hatte sie auch keiner gefragt.)

          Der soziale Druck, im Sommer permanent Dinge in Gesellschaft tun zu müssen, treibt sonderbare Blüten. Frauen schauen dann in tailliertem Trikot auf öffentlichen Plätzen Fußball. Ein Spiel, dem sie bis zum, Vorsicht, „Sommermärchen“ 2006 mit der nonchalanten Gleichgültigkeit eines Elefanten begegneten. (Kassetten-Folge 19, Benjamin Blümchen als Fußballstar: „Warum kriegen die denn nicht zweiundzwanzig Bälle? Dann wäre endlich Ruhe und jeder könnte heimgehen.“) Nun schminken sich ehemalige Fußballmuffelinnen schwarz rot gülden, tragen Hawaiiketten. Die Sonne ist das Zentrum der Eventkultur.

          Zum Arbeiten bleibt da natürlich weniger Zeit. Man macht „heute mal“ früher Schluss, so gegen 16.30 Uhr: „Ist ja wieder so heiß.“ Klar. Alle wollen Sie den Sommer, und wenn er dann da ist, ist Ihnen … – heiß. Nicht, dass ich dafür kein Verständnis hätte. Im Gegenteil, bei Hitze kann sich kein Mensch konzentrieren, deswegen bekommen die Südeuropäer im Sommer auch den halben Tag über nichts hin. (Lesen Sie noch, oder schwitzen Sie schon?) Aber so ist er nun mal, Ihr Sommer.

          Zum Glück geht es bald in den Urlaub an die überfüllten Strände zu den überteuerten Preisen, mal so richtig abschalten. Gut, viel anderes geht ja auch gar nicht. Eine Stadt anschauen, Sport treiben? Viel zu anstrengend bei den Temperaturen. So viel zum Thema „Sommeraktivitäten“. Sehen Sie bloß zu, dass Sie den Wecker nicht zu Hause vergessen, damit Sie morgens noch eine Liege unter dem Schirm ergattern, der Sie den Tag über vor Ihrer Sonne schützt.

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