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Schönheits-OPs in Kolumbien: Neue Brüste zum 15. Geburtstag

© Manuela Henao

Neue Brüste zum 15. Geburtstag

Text von ANDREAS KNOBLOCH und Fotos von MANUELA HENAO

22.11.2016 · In Kolumbien legen sich so viele Frauen für die Schönheit unters Messer wie nirgends sonst auf der Welt. Schon Mädchen wünschen sich schlank mit ausladenden Kurven. Über das erschreckende Erbe der Narcokultur.

Maria Cristina Ortiz muss nicht lange überlegen. „14 von 15 Mitschülerinnen aus der Oberstufe und 38 von 40 Frauen aus meinem Uni-Jahrgang haben sich Schönheitsoperationen unterzogen“, sagt die Dreißigjährige, die Kommunikationsdesign studiert hat und als Künstlerin arbeitet. Mit dem Schönheitsideal sei das eben so eine Sache, zum Beispiel in Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens. Hier sind schlanke, kurvenreiche Frauen das Maß der Dinge. Und dafür nehmen die Frauen einiges in Kauf.

Kolumbien gehört zu den sieben Ländern der Welt mit den meisten Schönheitsoperationen. Laut Statistiken der Internationalen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie gab es in dem südamerikanischen Land im Jahr 2015 mehr als eine halbe Million chirurgische und nichtchirurgische Eingriffe. Im Land der Telenovelas und Miss-Wahlen ist das Aussehen der Frauen eine Obsession. Nicht selten bekommen Mädchen zum 15. Geburtstag, der in Lateinamerika besondere Bedeutung hat, „neue Brüste“ geschenkt.

Auch Natalia Patino hat sich bereits als junge Frau operieren lassen. Die Vierunddreißigjährige mit Abschluss in klinischer Psychologie arbeitet als Beraterin der Stadtverwaltung mit Bürgerkriegsopfern. Gäbe man Männern einen Stift, damit sie ihre Traumfrau malten - sie würde in einigen Fällen wohl Natalia ähnlich sehen: blonde Haare und ein hübsches, offenes Gesicht. Dass sie bei den Brüsten nachgeholfen hat, sieht man ihr nicht an. Warum in aller Welt lässt sich eine Frau wie sie operieren?

Los ging es in der Schule. „Als ich 15, 16 Jahre alt war, habe ich angefangen, Druck zu spüren“, erzählt sie. „Meine Freundinnen begannen sich operieren zu lassen.“ Damals, in den Neunzigern, wollten alle aussehen wie Natalia Paris, eines der bekanntesten kolumbianischen Models, die Verkörperung der sprichwörtlichen Schönheit der modelos paisas, der Frauen aus Medellín.

© Manuela Henao Mit 15 Jahren Fett abgesaugt, mit 18 Jahren Brüste operiert: Elena und Tita, heute 18 und 19 Jahre alt, fühlen sich wohl in ihrer Haut.

So ging es auch Natalia Patino. „Ich war 17, als ich mir das erste Mal die Brüste habe vergrößern lassen. Meine Eltern waren dagegen, aber ich lag ihnen so lange in den Ohren, bis sie irgendwann zugestimmt haben.“ Ihre Mutter nahm sie damals mit in ein Centro Estetico, eine Art Schönheitssalon, keine richtige Klinik. Um Geld zu sparen, wie Patino sagt. Zwei Millionen Pesos, 700 amerikanische Dollar, kostete der Eingriff damals. „Ein Fehler“, sagt Patino heute. Sie habe sich schlecht gefühlt danach. In den ersten Wochen hatte sie große Schmerzen. Geblieben sind zwei hässliche Narben.

„Als Jugendliche legt man viel Wert darauf, was andere sagen. Es geht oft ums Äußere. Der soziale Druck ist enorm. Ich habe mich mit mir selbst nicht wohlgefühlt.“ Das Schlimme aber war, dass sich das nach der Operation nicht änderte. „Ich dachte, ich würde mich schön fühlen, den anderen gefallen.“ Aber dem war nicht so. Erst nach der Uni sei es besser geworden, sagt Patino, als sie anfing, an ihrer Karriere zu arbeiten und zu reisen. „Frauen haben den Druck, gut auszusehen. Wenn du hübsch bist, öffnet dir das viele Türen und ermöglicht den beruflichen Aufstieg. Die Operationen sind in gewisser Weise Ausdruck des herrschenden Machismo.“ Man müsse nur fragen: Wer bezahlt die Operationen?, so Maria Cristina Ortiz. Sie seien eine Form, Territorium oder Besitz zu markieren. „Deine Brüste gehören mir, also gehörst du mir.“

Als die in London lebende kolumbianische Fotografin Manuela Henao im April vergangenen Jahres ihre Foto-Serie „Beauties“ erstmals veröffentlichte, versehen mit dem Kommentar „In Kolumbien wachsen die Mädchen in einer Welt auf, in der sie als dekorative Objekte betrachtet werden und in der die plastische Chirurgie regiert“, rief sie in ihrem Heimatland polemische Reaktionen hervor. Henaos Bilder zeigen einen Markt weiblicher Schönheit, der sich um Appetitzügler, Puppen mit enormer Oberweite und ästhetische Eingriffe dreht.

„Es herrscht ein enormer Druck auf Frauen“, sagt Henao. "Wohin man auch schaut, gibt es übersexualisierte Anspielungen auf den weiblichen Körper. Ich habe viele Frauen getroffen, die sich über Schönheit den Kopf zerbrechen. Gleichzeitig herrscht eine große Normalisierung plastischer Chirurgie.“ Kulturelle Faktoren seien dafür entscheidend. „Mit der Narco-Kultur der achtziger Jahre, der Hochzeit der kolumbianischen Kartelle, hat sich eine ,Narco-Ästhetik' herausgebildet, in der Frauen dekorative Objekte der Drogenbarone sind.“ Diese Narco-Ästhetik mit ihrem Schönheitsideal - schlank und ausladende Kurven - hat die gesamte Gesellschaft durchdrungen, bis in höchste Kreise. „Lange herrschte ein Schönheitsmodell, in dem die Körper der Frauen zum Spiegelbild einer Lebensweise wurden, die Macht und Reichtum zur Schau stellte. Das wirkt sich zwangsläufig auf eine ganze Generation von Frauen aus, die diese kulturellen Codes verinnerlicht hat.“ Das Geld für Operationen komme heute nicht mehr von den Narcos. Die kulturelle, sozioökonomische und ästhetische Infrastruktur bestehe aber teils bis heute fort.

© Manuela Henao Dafür musste Aleida, 23, lange sparen: Sie hat zwei Nasenoperationen, einen Eingriff an den Brüsten, eine Fettabsaugung und eine Po-Vergrößerung hinter sich.

Viele Menschen in Medellín fühlten ihre Stadt von Henao aber zu Unrecht an den Pranger gestellt. Zeitungen kritisierten die ewige Gleichsetzung mit Drogenkultur und „künstlicher Schönheit“. Bereits vor zehn Jahren hat die Stadtverwaltung aufgehört, Schönheitswettbewerbe zu organisieren und veranstaltet stattdessen Talentwettbewerbe, bei denen nicht Statur und Körpermaße prämiert werden, sondern akademisches Wissen und soziale Kompetenz. Im Juli unterzeichnete der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos ein Gesetz, das Schönheitsoperationen bei Minderjährigen unter Strafe stellt. Die Schönheitsindustrie floriert dennoch.

Eingezwängt zwischen Autobahn und Schnellstraßen, unweit der Metrostation Aguacatala im Süden der Millionenstadt, liegt ein ganzes Viertel mit Schönheitskliniken. Hohe Betonmauern sorgen für Lärmschutz. An einem weißen Flachbau mit akkurat geschnittenen Sträuchern davor, verglastem Eingangsbereich und Milchglasfenstern im oberen Stockwerk, prangt in geschwungenen Lettern: „Clinica Arte y Cuerpo“, Kunst- und Körper-Klinik. Der Name ist hier Programm.

Geschäftsführerin Sandra Milena Sanchez, eine Frau Ende Zwanzig in engem rosa Poloshirt und mit enormer Oberweite, ist ausgesprochen freundlich. Wie ein teurer Zahnarzt, der einen ablenken will. Wenn sie lächelt, zeigt sie ihre gepflegten Zähne. Und das tut sie ziemlich oft.

Sie selbst hat sich die Brüste vergrößern lassen. Es sei doch toll, seinen Körper nach seinen Vorstellungen verändern zu können. Was soll sie auch sonst sagen? Darauf gründet ja das Geschäftsmodell der Klinik. Sanchez gibt aber zu, dass gesellschaftlicher Druck die Frauen in ihre Klinik bringe. Der sei in den vergangenen Jahren eher noch gestiegen. „Die Männer sind sehr auf das Äußere fixiert“, sagt sie. Die Klinik gibt es schon länger, allerdings wurde vor fünf Jahren der Name geändert. Probleme wegen des schlechten Rufs? Nachfragen lächelt die Gastgeberin weg. Man betreibe sowohl ästhetische als auch plastische Chirurgie. „Alles ist zertifiziert“, versichert sie.

Pro Tag würden zehn bis elf chirurgische Eingriffe vorgenommen, Brustvergrößerungen, Fettabsaugen, Bauchdeckenstraffungen und Nasenkorrekturen. Die Preise bewegen sich von um die 1500 amerikanische Dollar für Brustimplantate bis knapp 4000 Dollar für eine Bauchdeckenstraffung. Die im Vergleich zu anderen Ländern günstigen Tarife haben dazu geführt, dass Kundinnen extra aus Puerto Rico, Argentinien, Spanien oder den Vereinigten Staaten anreisten, sagt sie. Hier kümmerten sie sich um alles, Verpflegung, Begleitung, Übernachtung, Transport. „Natürlich kann man die Schönheitskliniken wegen des ganzen Rummels um die Schönheitsideale ablehnen“, sagt Claudia Medina in einem Cafe in Medellín. „Auf der anderen Seite haben sie Qualifizierung und Innovation gebracht, und es ist eine Gesundheitsindustrie entstanden, die über ästhetische Chirurgie hinausgeht.“ So entwickelt sich Medellín zunehmend zu einem internationalen Zentrum für medizinische Dienstleistungen, einschließlich Transplantationen, orthopädischer oder zahnärztlicher Behandlung. Heute kämen Patienten aus Europa oder den Vereinigten Staaten, um sich in Medellín operieren zu lassen. „Der Gesundheitstourismus ist zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden.“

Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil sind illegale Schönheitskliniken, Dutzende, wenn nicht Hunderte, allein in Medellín. „Es gibt viele Scharlatane“, sagt Medina. „Ästhetische Chirurgen, die plastische Eingriffe vornehmen, oder Ärzte, die in Wohnungen operieren.“ Nicht selten geben sich ästhetische Mediziner als plastische Chirurgen aus, obwohl sie für chirurgische Eingriffe gar nicht ausgebildet sind. Jeden Monat meldeten sich drei bis fünf Frauen in der Universitätsklinik von Medellín mit bedenklichem Gesundheitszustand wegen schlecht ausgeführter Operationen, schreibt die Zeitung „El Heraldo“. Immer wieder liest man auch von Toten.

Doch die Probleme reichen noch weiter und betreffen die Implantate selbst. Im Jahr 2012 wurde ein weltweiter Gesundheitsskandal öffentlich. Implantate des französischen Unternehmens Poly Implant Prothese (PIP) standen im Verdacht zu reißen und durch austretendes SilikonGel Krebserkrankungen zu verursachen. Allein in Kolumbien sind rund 35.000 Frauen betroffen, sagt Gladys Arcila, Vorsitzende der Stiftung H2O, die diese Frauen juristisch berät und psychologisch betreut.

Arcila gehört selbst dazu. Sie ließ sich mit 35 Jahren, nach der Schwangerschaft, Implantate einsetzen. Nach drei Jahren begannen die Beschwerden, die Ärzte hätten sie aber immer nur beruhigt. 2011 wurden die Gesundheitsprobleme dann unerträglich. „Wir haben ab 2012 angefangen uns zusammenzutun, als bekannt wurde, dass viele Frauen betroffen sind und daraus ein weltweiter Skandal wurde“, erzählt Arcila. Um Kosten zu sparen, verwendete das Unternehmen statt medizinischem Silikon Industrie-Silikon. Für Arcila sind sie aber nicht allein schuldig. Auch die kolumbianische Regierung, Mediziner und Kliniken hätten ihre Sorgfaltspflicht verletzt. „Studien haben gezeigt, dass mit dem Silikon-Gel zum Teil giftige Stoffe in den Körper gelangen. Wir verbrennen von innen“, sagt sie mit ruhiger Stimme. „Es ist für Ärzte und Kliniken ein großes Geschäft, bei dem die medizinische Ethik auf der Strecke geblieben ist.“ Niemand habe die Verantwortung übernommen, nie hätten sie eine Entschädigung erhalten.

Kein Implantat in Kolumbien sei heute sicher, sagt Arcila. „Es gibt einen Film mit dem Titel ,Ohne Titten kein Paradies'. Ich kann nur sagen: Mit Titten ist es die Hölle.“ Sie will Jugendliche aufklären. In einigen Fällen führe ästhetische Chirurgie zum Tod oder hinterlasse Narben, die nur schwer wieder zu entfernen sind. „Wir sind Opfer der Ästhetik.“

© Manuela Henao Medellín hat nicht nur den Ruf als Hauptstadt des Verbrechens: Luisa posiert für die Fotografin in der zweitgrößten kolumbianischen Stadt.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 22.11.2016 13:38 Uhr