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Im Gespräch: Psychotherapeut Johannes Vennen : „Mancher Patient braucht den Kick“

  • Aktualisiert am

Alles nur Gedöns? Mit ihrem Innenleben wollen viele Männer nichts zu tun haben. Bild: dpa

Unter Psychotherapeuten gelten Männer als schwierige Klientel. Gefühle gelten als Gedöns. Johannes Vennnen über Handy-Apps, Väter-Coaching und „schamauslösende Übungen“.

          Herr Vennen, Sie haben in Ihrer psychotherapeutischen Praxis eine Männerquote. Warum?

          Studien belegen, dass Männer genauso häufig psychische Probleme haben wie Frauen. Trotzdem ist nur jeder dritte Patient in den Praxen männlich. Das sagt etwas über Männer aus, aber auch über uns Psychotherapeuten. Wir müssen uns fragen, was wir ändern sollten, damit es für Männer einfacher wird, in die Praxis zu kommen.

          Und da sind Sie auf die Männerquote gekommen. Wie muss man sich das vorstellen?

          Ganz praktisch, ich achte darauf, dass von meinen Patienten fünfzig Prozent weiblich und fünfzig Prozent männlich sind.

          Und wie reagieren die Patienten auf die Quote?

          Die Nachfrage nach Psychotherapie von Männern hat deutlich zugenommen. Ich erlebe vor allem einen Run junger Männer Anfang 20 auf meine Praxis, für die ist es genauso selbstverständlich, zum Psychotherapeuten zu gehen, wie für Frauen. Ich glaube, da hat sich etwas getan, was das Rollenbild betrifft. Ich könnte inzwischen auch mit 100 Prozent Männern arbeiten, das möchte ich aber nicht. Und ich dürfte es auch nicht, weil ich einen Versorgungsauftrag für beide Geschlechter habe.

          Johannes Vennen ist Psychotherapeut, Experte für Männer und betreibt Praxen in Rendsburg und Kiel
          Johannes Vennen ist Psychotherapeut, Experte für Männer und betreibt Praxen in Rendsburg und Kiel : Bild: privat

          Ist damit das Klischee überholt, dass Männer sich eher zusammenreißen, als sich Hilfe zu suchen?

          Auf keinen Fall. Das merke ich schon an den Fragebögen, die meine Patienten am Anfang ausfüllen. Aus Studien ist bekannt, dass Männer bei Fragen zur Symptombelastung einen geringeren Wert angeben als Frauen. Ich habe viele Männer, die von den Fragebögen her nur eine leichte depressive Reaktion zeigen, aber wenn ich erlebe, wie niedergeschlagen die Stimmung ist, die Körpersprache, Gestik und Mimik, dann komme ich zu dem Ergebnis, das ist mindestens eine mittelgradige Depression. Sich zusammenzureißen, sich nicht schwach zu zeigen, spielt immer noch eine Rolle. Bei den Jüngeren allerdings wie gesagt weniger. Bei den Männern meiner Altersklasse, ich bin Jahrgang ’64, oder älter ist das Thema aber noch schambesetzt, so nach dem Motto: „Ich bin doch nicht verrückt“.

          Ihre Quote allein therapiert Männer aber noch nicht. Sie arbeiten mit Ihren männlichen Patienten auch anders als mit den weiblichen. Wie sieht das aus?

          Männer wollen weniger reden, Männer wollen Macher sein. Ich arbeite deshalb mit ihnen mehr mit handlungs- und bewältigungsorientierten Strategien oder Rollenspielen. Das kommt gut an. Männern fällt es leichter, beim gemeinsamen Machen über sich zu erzählen. Wenn sie an ihrem Auto herumschrauben, ist es einfacher, über die „Innereien“ zu sprechen, als bei einem Face-to-Face wie in der Praxis. Die müssen was in der Hand haben.

          Auf welche typischen Eigenschaften von Männern greifen Sie bei der Therapie noch zurück?

          Männer sind sehr technikaffin. Ich binde beispielsweise Smartphones und Tablets in die Therapie ein, etwa mit der Aufnahmefunktion. Es gibt Sitzungen, in denen ich viel erkläre. Dann empfehle ich, die Stunde aufzunehmen, dann können die Männer sich das hinterher noch mal anhören. Es gibt mittlerweile Männer, die das jedes Mal tun. Die Tablets nutze ich für Schaubilder, etwa über den Zusammenhang von Leistung und Stress. Männer brauchen mehr das Visuelle.

          Psychotherapeuten behandeln insgesamt weniger Männer. Woran liegt das?

          Männer gelten als die schwierigere Klientel.

          Wie kommt das?

          Sie haben einen schlechteren Zugang als Frauen zum eigenen, inneren Erleben, was wir Therapeuten ja für die Arbeit benötigen. Ich erklär den Männern immer: „Sie sind mehr in der Welt da draußen zu Hause, das ist auch okay. Aber wenn Sie an Ihren Gefühlen etwas verändern wollen, müssen Sie lernen, mehr in sich hineinzuhorchen.“ Um die Männer bei diesem Umdenken zu unterstützen, setze ich zum Beispiel Achtsamkeitsübungen ein. Ich bringe Männern als einfachste Übung bei, zehn Minuten auf die eigene Atmung zu achten. Und ich nutze eine Achtsamkeits-App mit unterschiedlich langen, geführten Meditationen und einer Stille-Übung mit Klangschalen.

          Meditieren ist normalerweise aber nicht unbedingt etwas für Männer?

          Die App aber schon. Ich integriere mit dieser App zwei Ressourcen vieler Männer: Begeisterung für Smartphones und Handlungsorientierung. Männer lieben Zahlen, Daten, Fakten. Die Statistik in der App erfasst unter anderem, wie oft man meditiert hat und mit welcher Variante. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Funktion viele Frauen nutzen, aber ich könnte Ihnen einige meiner männlichen Patienten nennen.

          Und wenn man Männern das Thema so näherbringt, dann können sie sich gut auf Achtsamkeitsübungen einlassen?

          Die Männer haben Leidensdruck, sie wollen was verändern. Ich sage ihnen immer, dass sich Achtsamkeit trainieren lässt wie Fitness. Trotzdem gilt zunächst auch für sie, dass Männer Gefühle an sich meist als negativ bewerten. Um es mit den Worten Gerhard Schröders zu sagen: Das ist Gedöns. Er meinte etwas anderes, aber das könnten auch viele Männer zu ihrem Innenleben sagen. Gefühle sind Gedöns, hab’ ich nicht, will ich nichts mit zu tun haben. Das aber erst mal überhaupt wahrzunehmen, ist ein wichtiger Entwicklungsschritt. Der nächste ist zuzulassen, was in mir ist. Es nicht zu bewerten, es nicht sofort verändern oder kontrollieren zu wollen. Wenn ich als Psychotherapeut mein Konzept ändere, ist es mit Männern genauso gut und genauso schnell möglich, Psychotherapie zu machen, wie mit Frauen.

          Welche Störungen behandeln Sie bei Männern?

          Anpassungsstörungen beispielsweise. Ich denke da an einen Achtzehnjährigen, der grade Vater geworden ist, und es ist kein Wunschkind. Da geht es darum, mit dieser neuen Rolle klarzukommen. Klassisch aber auch Depressionen: Diese Männer leiden unter schulischen oder beruflichen Anforderungen. Prüfungsängste sind ein großes Thema, auch andere Angsterkrankungen, außerdem Zwangsstörungen. Ich hatte einmal einen Rentner mit Depressionen. Es zeigte sich, dass er ein ganz starkes, altruistisches Motiv hat, das er aber nie ausgelebt hat. Es ging in der Therapie darum, wie er dieses Bedürfnis umsetzen und sein Leben zufriedener gestalten kann. Er hat dann mit Ende sechzig ein Ehrenamt übernommen.

          Das heißt, man kann auch in einem höheren Alter noch Dinge verändern?

          Ja, der Älteste, von dem je eine Abfrage kam, war 80. Derzeit ist mein ältester Patient 75, und er überlegt gerade, sich von seiner Frau zu trennen. Es passt nicht mehr zwischen den beiden.

          Sie bieten neben der klassischen Psychotherapie auch Coaching für Väter an. Begünstigt dieses Angebot die Entscheidung der Männer, sich überhaupt psychisch helfen zu lassen?

          Durchaus, mit Coaching traut sich mancher Mann eher, zu mir zu kommen. Coaching ist ja doch heute in. Bei vielen Vätern zeigt sich dann aber, dass eine Beratung nicht ausreicht. Sie sind unglaublich angeschlagen, wirken erschöpft und kraftlos. Manche fangen im dritten Satz an zu weinen. Oft geht das dann schon einige Wochen so, sie haben Schlafstörungen und einen erhöhten Alkoholkonsum. Damit versuchen viele Männer seelische Probleme zu bewältigen.

          Mit was für Themen kommen die Väter?

          Zu den Hauptthemen gehört: Wie gehe ich mit meinen Kindern nach der Trennung von meiner Frau um? Meine Frau arbeitet gegen mich, sie macht mich schlecht vor den Kindern, was kann ich tun?

          Was raten Sie in dieser Situation?

          Ich empfehle, fair mit der Mutter umzugehen und sie nicht selbst schlechtzumachen - auch wenn sie das am liebsten täten. Sie müssen mittelfristig denken. Irgendwann sind die Kinder alt genug zu reflektieren: Was hat Mama mit mir gemacht, wie hat sich mein Vater verhalten? Und dann kann man manche Dinge vielleicht noch zurechtrücken. Aktuell geht es darum, den Draht zu den Kindern nicht zu verlieren.

          Und wie schafft es ein Vater, ruhig zu bleiben, wenn ihm fast der Kragen platzt?

          Darum geht’s dann natürlich auch: Wie bleib ich entspannt? Wie kann ich mich in einer solchen Situation herunterfahren? Manchmal ist dem ein oder anderen Patienten auch schon der Kragen geplatzt, und dann geht es in der Therapie darum, wie verhalte ich mich nach einem Wutausbruch meinen Kindern gegenüber. Wer in der Therapie wieder stabiler wird, kann sich dann als Vater auch wieder anders zeigen.

          Welche Möglichkeit haben Sie, den Selbstwert Ihrer Patienten männergerecht zu stärken?

          Wie gesagt, wir reden hier nicht nur über Probleme, sondern die Patienten lernen auch, was sie tun können, um sich besser zu fühlen. Dazu vermittle ich auch das Modell der Kognitiven Verhaltenstherapie: Unser Denken, das Bewerten einer Situation, bestimmt unser Fühlen und Verhalten. Das gucken wir uns gemeinsam an, und wenn der Selbstwert der Patienten gering ist, stehen auch sogenannte schamauslösende Übungen an: Dazu müssen sie Situationen, die sie bisher vermieden haben, gezielt aufsuchen und negative Reaktionen ihres Umfeldes auslösen, ohne sich dafür selbst zu entwerten.

          Welche Aufgaben stellen Sie Ihren Patienten?

          Eine leichte Übung, mit der aber einige Patienten und auch Patientinnen schon Probleme haben: unter einer Kirchturmuhr nach der Uhrzeit fragen. Also zerstreut wirken. Eine schon bisschen herausforderndere Übung ist: in der Fußgängerzone nach 50 Cent oder einem Euro fragen, ohne zu erklären, um was es geht. Auch lästig für andere zu sein, verbieten sich viele psychisch kranke Patienten. Als Übung hier: im Schuhladen zig Paare probieren, sich intensiv beraten lassen und dann rausgehen, ohne etwas zu kaufen. Oder womit sich viele auch schwertun: mit nur einem Produkt an die Kasse im Supermarkt gehen und darum bitten, dass man vorgelassen wird. Die alte Überzeugung des Patienten ist: Dem anderen Kunden bin ich lästig, der denkt jetzt bestimmt, ich bin blöd, ich bin frech, und das darf ich nicht, und dafür entwerte ich mich. Und wenn ich nicht anerkannt werde, negativ bewertet werde, bewerte ich mich auch selbst negativ. Diese Verknüpfung lösen wir durch solche Übungen auf.

          Entwickeln gerade Männer bei solchen Übungen eigentlich einen sportlichen Ehrgeiz, die Sache zu meistern?

          Ich erstelle mit meinen Patienten, auch den Frauen, eine Übungsleiter mit zehn Stufen. Stufe eins bedeutet: leicht. Stufe zehn bedeutet: schwer. Die Patienten entscheiden, bis zu welcher Stufe sie bei den Übungen gehen wollen. Die meisten hören bei 4 bis 6 auf. Sie fühlen sich dann sicher in ihrer eigenen Wertschätzung. Aber es gibt Patienten, die ziehen das durch bis Stufe 10, und das sind fast ausschließlich Männer. Ich nenne sie die „Bergsteiger-Patienten“. Die brauchen den Kick, das auch noch zu schaffen. Da kommt dann Angstlust dazu.

          Thematisieren Ihre männlichen Patienten eigentlich die Tatsache, dass Sie selbst ein Mann sind?

          Die meisten. Vor allem wenn es um sexuelle Funktionsstörungen geht, fällt es ihnen leichter, sich einem Mann gegenüber zu offenbaren. Ein Mann tut sich vielleicht auch schwerer, über seine Probleme mit einer Therapeutin zu sprechen, die er womöglich attraktiv findet.

          Die Fragen stellte Andrea Freund.

          Quelle: F.A.S.

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