http://www.faz.net/-hrx-7bvyu

Fitness : Sport auf Knopfdruck

  • -Aktualisiert am

Neue Übungsgeräte in einem Fitnessstudio in Berlin Bild: picture alliance / ZB

Schlank und fit durch Stromimpulse – das verspricht das EMS-Training. Eine halbe Stunde pro Woche soll stundenlanges Rackern am Gerät ersetzen. Doch ganz ohne Schwitzen geht es auch hier nicht.

          Es ist der Traum aller Faulen, Gestressten und Sportmuffel: schlank und fit werden ohne viel Zeitaufwand und ohne Anstrengung. Was hat der Mensch nicht für technische Raffinessen ersonnen, um diesem Ziel ein wenig näher zu kommen: schlafsackähnliche Anzüge, die mit Druckwellen Cellulitedellen wegmassieren; Vibrationsplatten, die den Körper durchrütteln. Speckröllchen sollen verschwinden, wenn sie in Saugnäpfe gepresst und gekühlt, infrarotbestrahlt oder mit Neoprengurten gewärmt werden.

          Auf diesem Markt der Möglichkeiten tummeln sich seit geraumer Zeit auch spezielle Fitnessstudios, die ein effektives und schnelles Ganzkörpermuskeltraining mit Hilfe elektrischer Impulse versprechen. Einmal pro Woche eine knappe halbe Stunde mit Stromweste zu trainieren soll wirkungsvoller sein, als sich stundenlang an Geräten abzurackern, versprechen die Anbieter. Der Markt für Elektromyostimulation, kurz EMS, ist groß, denn nicht nur in den kleinen, sogenannten Mikrostudios wird das Training angeboten. In Kliniken und Wellnessoasen, bei Physiotherapeuten und im heimischen Wohnzimmer werden menschliche Körper mit elektrischen Impulsen mutmaßlich in Form gebracht.

          Die neuen Fitnessmethoden machen Fitnesscentern Konkurrenz

          „Bodystreet“ ist ein Franchiseunternehmen und nur einer von vielen EMS-Anbietern. Nach eigenen Angaben betreibt es derzeit 160 Mikrostudios in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Jeden Monat kommen neue hinzu. Das Wiesbadener „Bodystreet“ zum Beispiel liegt der Hessischen Staatskanzlei schräg gegenüber und damit nah an einer Hauptzielgruppe: Arbeitnehmer mittleren Alters mit gutem Gehalt, die nicht viel Zeit beim Sport verbringen können oder wollen. „Zu uns kommen viele Leute, die vorher in klassischen Fitnessstudios angemeldet und mit den Ergebnissen unzufrieden waren“, sagt Marcus Heuchmer, der das Studio leitet.

          Das Publikum im „Bodystreet“ sei gemischt: Etwa 60 Prozent der Kunden seien Frauen. Junge Mütter fänden den Weg zu „Bodystreet“ ebenso wie ältere Herren mit Rückenleiden oder gestresste Manager. Mit Fitnesstempeln, in denen Dutzende Sportler an Crosstrainern oder Kabelzugmaschinen schwitzen, hat das nicht viel gemein. In dem hellen Raum trainieren maximal zwei Kunden gleichzeitig. In einer Vase duften Orchideen, auf einer Anrichte stehen Wasserkaraffen mit Zitronenscheiben. Diese Exklusivität hat ihren Preis: Eine Zehnerkarte kostet fast 500 Euro, mit einem Jahresabonnement liegt jede Trainingseinheit noch bei knapp 20 Euro.

          Mitten im Raum stehen zwei hüfthohe, blinkende Säulen - die EMS-Trainingsgeräte. Daneben hängen an silbernen Ständern die Elektrowesten und -gurte. Rote und gelbe Kabel quellen aus ihnen hervor. In kurzer schwarzer Baumwollkleidung, die an Skiunterwäsche erinnert, geht es ans Anlegen. Heuchmer besprüht Weste und Gurte mit warmem Wasser, damit der Strom besser fließen kann. Dann hilft er beim Anlegen der Weste, zieht und ruckelt an den Manschetten, bis die Kundin eingeschnürt wie ein Paket vor ihm steht. Er nickt und steckt die Kabel fest. Es kann losgehen.

          Neu ist die Idee, Muskeln mit Reizstrom zu trainieren, nicht. Schon seit Jahrzehnten werden elektrische Impulse etwa zur Schmerzlinderung eingesetzt oder um nach Verletzungen die Muskelatrophie zu verlangsamen. Über den Nutzen der Elektromyostimulation in Medizin und Physiotherapie ist sich die Forschung einig.

          Über den Einsatz von EMS bei gesunden Menschen und insbesondere bei Sportlern gibt es unterschiedliche Meinungen. In seiner 2010 eingereichten Dissertation über Elektromyostimulation im Sport moniert etwa der Bayreuther Sportwissenschaftler Uli Fehr, dass es in vielen Untersuchungen keine Vergleichsgruppe gebe, die ohne Strom trainierte. In einem Forschungsüberblick verweist er auch auf Studien, die einen geringeren Effekt von EMS-Training gegenüber herkömmlichem Krafttraining belegten oder keinerlei Unterschiede festgestellt hätten.

          Das Fazit von Heinz Kleinöder fällt anders aus. Er ist Leiter der Abteilung Kraftdiagnostik und Bewegungsforschung an der Deutschen Sporthochschule in Köln und hat Studien mit Leistungssportlern und mit Sportstudenten durchgeführt: Wenn bei dynamischen Übungen wie Kniebeugen oder Sit-ups zusätzlich Elektrostimulation angewendet wird, werden die Muskeln stärker gekräftigt als bei einem klassischen Training. „Der Vorteil ist, dass sehr viele unterschiedliche Muskelgruppen gleichzeitig angesteuert werden - auch solche, die normalerweise schwer zu trainieren sind“, sagt der Sportwissenschaftler. Die Belastungen für Bänder, Sehnen und Knochen seien anders als beim Training mit höheren Gewichten gering. Gerade weil die Übungen unter Strom so intensiv seien, rät Kleinöder, nicht länger als 20 bis 30 Minuten zu trainieren.

          Weitere Themen

          Mexiko-Stadt in Trümmern Video-Seite öffnen

          Nach Erdbeben : Mexiko-Stadt in Trümmern

          Ein Erdbeben der Stärke 7,1 hat Mexiko erschüttert. Es starben mindestens 220 Menschen. Millionen Haushalte waren ohne Strom, dutzende Gebäude wurden beschädigt oder zerstört.

          IAA soll Weg aus der Diesel-Sackgasse weisen Video-Seite öffnen

          Automesse : IAA soll Weg aus der Diesel-Sackgasse weisen

          Nach den Schummeleien beim Diesel und den Kartellvorwürfen gegen die großen Autoersteller sei es wichtig, das verlorene Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen, heißt es in der Branche. Die Autoindustrie wird aber nach Einschätzung ihres Branchenverbandes VDA trotz Dieselskandals und drohenden Fahrverboten in Großstädten an der Technologie festhalten.

          Topmeldungen

          AfD triumphiert im Osten : Frauke Petry gewinnt Direktmandat

          Die AfD hat besonders bei Männern im Osten punkten können. In den neuen Bundesländern ist die rechte Partei zweitstärkste Kraft. In Sachsen ist sie sogar die Nummer eins und gewinnt mehrere Direktmandate.

          Das Comeback der FDP : Triumphale Rückkehr ins Ungewisse

          Nach dem triumphalen Wiedereinzug der Liberalen in den Bundestag muss sich Christian Lindner die Frage stellen: Werden die Freien Demokraten wieder mit Angela Merkel regieren? Die Signale des FDP-Retters sind deutlich.

          SPD-Wahldebakel : Der schlimmste Tag

          Für die SPD ist es das schlechteste Ergebnis seit 1949. Die Partei will sich nun nach der vierten Wahlniederlage seit 2005 rundum erneuern. Eine Konsequenz aus dem Desaster nehmen die Genossen jedoch fast erleichtert auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.