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F.A.Q.: Die zugetackerte Republik

Die zugetackerte Republik

Foto: Reuters

Tattoos werden immer beliebter und größer. Aber was machen sie mit dem Körper?

30.08.2017
Text: SONJA KASTILAN

In erster Linie schlicht, so könnte man die 61 Ornamente beschreiben, mit denen Ötzi einst seinen Körper verzierte: zwei Kreuze und zig parallel gesetzte Striche. Was vor 5300 Jahren vielleicht therapeutische Zwecke haben sollte, könnte heute noch als grafisches Element gefallen. Schließlich liegen einfache geometrische Formen im Trend, der verwaschene Aquarellstil ist nicht jedermanns Ding; aber auch realistische Darstellungen, Comicfiguren und Schriftzüge sind nach wie vor beliebt: Was an die 100 Millionen Europäer, die laut Hochrechnungen mittlerweile tätowiert sind, auf ihrer Haut tragen, ist so bunt wie vielfältig. Und längst nicht so unproblematisch, wie es den Anschein hat, wenn erfolgreiche Torjäger ihre Trikots lüften und imposante Bildstrecken zur Schau stellen. Oder wer denkt schon an Schwermetalle, Hepatitis und Hautausschlag, wenn umwerfend schöne Models ewige Freundschaftsbeweise via Instagram verbreiten?

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Heute muss sich niemand auf eine Eismumie aus den Ötztaler Alpen berufen, um seinen Gefallen an den Körperzeichnungen zu rechtfertigen. Fragt man Tätowierte nach ihren Beweggründen, wie es Konstantin Schlecht für seine Bachelor-Arbeit an der Kölner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft getan hat, sind es vor allem Individualität, Memoration, Anerkennung und Glaube, es geht ihnen weniger um Schutz und Nonkonformität. Von Subkultur kann sowieso keine Rede mehr sein, wenn etwa in den Vereinigten Staaten schon knapp 30 Prozent der Bevölkerung tätowiert sind, in Europa etwa zwölf Prozent: Es wird schwieriger, sich von den anderen abzuheben. So finden fluoreszierende Farben ihre Anhänger oder das in Italien initiierte „Brutal Black Project“, das nicht Schönheit, sondern Schmerzen verspricht – Events sind auch in Berlin, Kapstadt und Melbourne geplant.

  • Noch irgendjemand ohne? Subkultur war vorgestern. Foto: dpa
  • Beliebt und auch bei Stars oft zu sehen: Der ganz eingefärbte Arm, wie hier bei David Beckham. Foto: Reuters
  • ... und bei Arturo Vidal Foto: afp
  • Auch auf dem roten Teppich sind Tattoos allgegenwärtig. Julia Michaels bei den MTV Video Music Awards 2017 in Los Angeles. Foto: dpa

„Der Tattoo-Trend ist überall ungebrochen. Und wie ein Tsunami treibt die Welle alle Beteiligten vor sich her: Tätowierer, Ärzte, Behörden, Hersteller. Es herrscht eine gewisse Ratlosigkeit, wie mit den Verbraucherwünschen verfahren werden soll“, sagt Wolfgang Bäumler von der Universität Regensburg. Und Fatalismus, denn die Leute lassen sich solche Körperbilder ja stechen, ob nun sicher oder nicht. Bäumler hat Ende März den dritten europäischen Kongress zur Tattoo- und Pigment-Forschung in Regensburg ausgerichtet – mit 150 Teilnehmern, darunter Tätowierer, Ärzte und Vertreter von EU-Behörden.

Tatoos sind Mainstream, jeder scheint eins zu haben, am liebsten über ganze Körperpartien gezogen und künstlerisch besonders wertvoll.

Bäumler ist Laserphysiker und kümmert sich in der Abteilung für Dermatologie unter anderen um diejenigen, die ihr Tattoo wieder loswerden wollen. „Selbst wenn die Farbe durch unsere Laserbehandlungen verschwinden sollte, was noch am ehesten von Schwarz zu erwarten ist – irgendwas wird immer zu sehen sein. Und seien es feine Narben dort, wo zuvor eine Nadel die Pigmente tausendmal in die Haut rammte.“ Bäumler verweist auf das amerikanische Motto: „Think before you ink.“ Eine spätere Entfernung ist nicht nur sehr mühsam, jedes Tattoo stellt ein Risiko dar.

Einfache geometrische Formen liegen im Trend. Foto: dpa

Zwar existiert in Deutschland eine Verordnung für Tätowiermittel, die einige Zusätze in den Tinten verbietet, aber sonst wird kaum etwas reguliert. Und selbst daran halten sich nicht alle Produzenten; in Stichproben fallen immer wieder verbotene Konservierungs- und Lösungsmittel oder unzulässige Pigmente auf, trotz vermeintlich genauer Deklarierung, zudem sind Fälschungen auf dem Markt. Schwermetalle sind hier bedeutend, Farben mit Titan, Aluminium, Barium und Kupfer sind durchaus üblich, es finden sich mitunter ungesunde Zusätze wie Antimon, Arsen, Cadmium, Chrom, Kobalt und Blei. Auch sind Verunreinigungen mit dem als Allergen bekannten Nickel offenbar nur schwer zu vermeiden, Grenzwerte variieren je nach Bundesland und EU-Staat. Die seit Jahren geplante Vereinheitlichung und Regulierung ist ins Stocken geraten, die komplexe Materie scheint die zuständigen Behörden zu überfordern: Chemie, Hygiene, Medizin und Epidemiologie bilden mit skurrilen Vorlieben eine Art Dschungel, für den wohl niemand die Verantwortung übernehmen will.

Was aber genau mit den Farbpigmenten in der Haut passiert, ist den meisten unklar – und der Wissenschaft teilweise auch. Die Folgen sind noch nicht richtig erforscht.

Dass sogar grundlegende Hygienevorschriften noch immer nicht Standard sind, überrascht selbst Wolfgang Bäumler, der sich seit mehr als zwanzig Jahren mit Tattoos beschäftigt. „Seriöse Tätowierer bemühen sich allerdings und sind oft über ihre naiven Kunden erstaunt, die nicht einmal nachfragen, bevor sie sich auf die Liege legen.“ Steriles Arbeiten erfordert Erfahrung und Disziplin, denn Krankheitserreger lauern überall, sowohl auf den Werkzeugen, Flächen, in den Tinten als auch auf der Haut des Kunden. Und im Gegensatz zu Make-up gehen Tattoos tief, es sind Wunden, die entsprechend behandelt werden müssen. „Also keinesfalls in dünne Plastikfolie einwickeln, wie man es immer wieder sieht. Das fördert nur das Bakterienwachstum“, sagt Bäumler, der mit dem dänischen Mediziner Jørgen Serup ein aktuelles Fachbuch zur Diagnose und Therapie von Tattoo-Komplikationen herausgegeben hat. Sie geben darin Ratschläge, was im Vorfeld zu beachten ist, wenn man sich ein Tattoo wünscht. Ihr Atlas der Fallbeispiele motiviert nicht gerade: Die Fotos von nässenden Wunden und allergischen Reaktionen illustrieren drastisch, was schiefgehen kann.

Das mögen Männer lieber als Frauen: Bilder am Bein Foto: Reuters

Warzenerreger können Schwierigkeiten machen; resistente Streptokokken und Staphylokokken sind nicht die einzigen Probleme, die Frischtätowierte in die Notaufnahme treiben. „Die akuten medizinischen Risiken kennen wir inzwischen ganz gut, also Infektionen und Allergien“, sagt Wolfgang Bäumler. Über die jeweiligen Mechanismen sei aber noch wenig bekannt: Weder warum rote Farben häufiger allergische Reaktionen auslösen, noch warum ausgerechnet Schwarz eine Sarkoidose auslösen kann, eine noch immer rätselhafte Immunerkrankung. Und praktisch nichts ist über die Langzeitfolgen bekannt: „Dazu fehlen uns leider die Daten“, kritisiert Bäumler, der sich dazu schon seit Jahren Studien wünscht. Denn bereits nach kurzer Zeit sind 30 bis 40 Prozent der Farben aus der Haut verschwunden, das Tattoo verblasst. Wo die Pigmente landen, weiß noch niemand genau. Ein Teil sammelt sich in nahen Lymphknoten, ein anderer Teil wird über Lymphe und Blut im Körper verteilt, vielleicht abgebaut und aus dem Körper geschleust. Vielleicht. „Es gibt keine völlig sicheren Farben“, sagt Wolfgang Bäumler. Oder ganz einfach formuliert: Think before you ink.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 30.08.2017 10:55 Uhr