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Eine Theorie des Cabrios : Nach oben offen

  • -Aktualisiert am

Lieber unter sich: Cabrios fahren wie Solitäre und vermeiden das Rudel. Bild: Daimler AG

Cabrio-Fahren ist mehr als das bloße Zurückklappen des Fahrzeugdaches. Es verspricht viel mehr Freiheit, Lässigkeit und Unbekümmertheit – bis man im Stau landet.

          Himmel - so nennen die Autobauer die Deckenbespannung im Inneren des Fahrzeugs. Diese Semantik erschließt den Zugang zum symbolischen Raum des offenen Himmels: Wer Cabrio fährt, verzichtet auf das Dach über dem Kopf, genießt einen einzigartigen Raumkontakt, eine technologisch ermöglichte Obdachlosigkeit, die gegenüber allen blechern verkleideten Autofahrern privilegiert.

          Das Auto unterliegt einem starken Anpassungsdruck. Neben den üblichen Parametern der Rationalisierung tritt mit der Idee der autonomen Steuerung eine weitere Dimension hinzu. So wird das Auto zum Wohn- und Arbeitszimmer. Den Straßenverkehr zu kontrollieren und um Raum zu konkurrieren wird zunehmend automatisiert. Im Lichte derartiger Entwicklungen war das Cabrio stets schon Avantgarde. Es transzendiert das Fahren zum Reisen. Mit dem Dach überm Kopf will man sein Ziel erst noch erreichen - im Cabrio ist man beinahe schon da: Die Picknickdecke ist schon ausgebreitet.

          Cabrio-Fahrer sind schon in der Gegenwärtigkeit, in der die anderen Fahrenden erst ankommen wollen. Das Cabrio revidiert den Eigenwert des Unterwegsseins und unterläuft die Funktionalität des Automobils - gestaltete Dialektik.

          Cabrio-Fahren – Ein Spaziergang durch den Straßenverkehr

          Man kann das Cabrio als Fahrzeugtypus einer raffinierten Teilhabe am Straßenverkehr all jenen empfehlen, die im eigenen Lebensvollzug mit der Entschleunigung beginnen wollen, dem normativen Gebot der Lebensführung des modernen Menschen. Hier geht es nicht um rigorose Asphaltkritik, antitechnische Verweigerung oder gar Rebellion gegen die Moderne, sondern um die demonstrative Artikulation einer Nutzungsalternative: Cabrio-Fahrer schlendern motorisiert, mitten im Gewühl derer, die von A nach B wollen.

          Das Auto war schon lange vor den jüngsten Skandalen um Abgaswerte und Kartellabsprachen auf dem Weg, seinen Status als "Beweisstück der Selbsteinstufung" (David Riesman) einzubüßen. In Gestalt des Cabrios dagegen genießt es eine gleichsam ewige Reputation, die in ihren affektiven Dimensionen komplexer ist als der billige Verweis auf Leute mit unstillbarem Sonnenhunger. Für dieses Fahrgefühl greifen Cabrio-Besitzer gern tief in die Tasche. Schließlich muss auch dieser Fahrzeugtypus für den schlimmsten aller Fälle, den sich niemand vorstellen mag, minimal gerüstet sein: Überrollschutz ist seit langem obligatorisch, ein naiv entworfenes "Oben ohne" wie beim legendären Karmann Ghia oder den großen Schlitten aus den Anfängen des amerikanischen Automobilbaus wäre heute undenkbar.

          Das Cabrio ist seinem Fahrer oft mehr als ein bloßes Fortbewegungsmittel.

          Die Autohersteller reagieren auf die Wünsche der Cabrio-Liebhaber mit einer Differenzierung von Modelloptionen. Das Cabrio wird in die Periodizität der Natur eingerückt, die sich für den Normalfahrer mit dem Wechsel der Reifen erledigt hat. Mit dem Cabrio wechselt man in die Sommerklamotten. So kann man dem kulturellen Wandel der Fahrzeugnutzung auf die Spur kommen. Zu den Gestaltungsideen des Cabrios zählt das Versprechen, Perspektivbeschränkung und Erlebnisschrumpfung der geschlossenen Karosserie aufzulösen. Das Cabrio erschließt das ganze Panorama, eröffnet die Möglichkeit sensorischer Teilhabe an Lichtverhältnissen, Luftstrom und Gerüchen der Umgebung. Man ist in diesem Auto vom Pathos der Bewegungsfreiheit umgeben.

          Beim Autofahren begegnen sich die Menschen in einer vereinbarten Fremdheit. Ihre Kommunikationsbeziehungen, die unvermeidbar von Konkurrenz unterlegt sind und deshalb bei aller Funktionalität der Verkehrsregeln das Gebot der Fairness zum wichtigsten Moderator des gelingenden Austauschs namens Verkehrsfluss werden lassen, sind gefährdet durch deviante Exzentrizität im Auftritt. Vagabunden, Abenteurer und Provokateure als typische Verfallserscheinungen sind im Straßenverkehr vertraut. Cabrio-Fahrer demonstrieren selbstbewusste Selbstgenügsamkeit, demonstrative Unbekümmertheit, harmlose Angeberei - mit seltenen Extremformen der Fahrnutzung wie gefährlichen Manövern, die von dem Gefühl herrühren, sich schon an Orten jenseits des Verkehrs zu wähnen.

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