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F.A.Q.: Der Trip der alten Gräfin

Der Trip der alten Gräfin

Foto: Ana Cuba, Videobearbeitung: F.A.Z.

Amanda Feilding aus dem englischen Hochadel will beweisen, worauf nicht nur Tech-Nerds im Silicon Valley schwören: dass kleine Dosen LSD kreativmachen – und Depressionen vertreiben können.

1.12.2017
Text: BENEDIKT SARREITER Fotos: ANA CUBA

„Wohin?“ – „Beckley Park.“ – „Noch nie gehört.“ – „Bei Beckley, aber nicht in Beckley.“ – „Okay!?“ Der Fahrer ist verwirrt. Der Weg zu Amanda Feilding ist kompliziert. Von Oxford aus auf schmalen Straßen über nebelverhangenes Land, durch liebliche Dörfer mit Häusern aus grauem Stein. Der Fahrer verfährt sich, verpasst Abzweigungen, fährt im Kreis, schließlich biegt er auf eine Schotterpiste ein. Dunkler, dichter Wald, Hecken, weite Wiesen mit Obstbäumen, Schlaglöcher, der Weg scheint nicht zu enden. Er erinnert an die Tour, die psychedelische Substanzen im 20. Jahrhundert gemacht haben, an das holprige Auf und Ab von der Seligsprechung als Wundermittel in den fünfziger Jahren bis zur Verteufelung danach und der zaghaften Wiederentdeckung von LSD, Psilocybin (Magic Mushrooms) oder MDMA (Ecstacy) als Medikament gegen Depression und Sucht seit etwa zehn Jahren. Und er gleicht den Windungen, die das Leben von Amanda Feilding vollzog.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Der Fahrer rollt über Kies in einen kleinen Hof. Dahinter erhebt sich Beckley Park, ein zweistöckiges Herrenhaus aus verblichen-rotem Backstein, erbaut im 16. Jahrhundert. Die Royals nutzten es früher als Jagdhaus, Mario Testino hat hier Modekampagnen fotografiert, die Eröffnungssequenz von „Harry Potter und der Feuerkelch“ wurde im Garten gedreht. Amanda Feilding stammt von den Habsburgern ab, ihr voller Name lautet Gräfin von Wemyss und March. Klassischer englischer Hochadel. Nicht gerade die Abstammung, die man bei jemandem erwartet, der seit Jahrzehnten für ein Ende des Verbots von Cannabis und vor allem LSD kämpft, ihrer großen Liebe, wie sie sagt.

Die 74-Jährige sitzt an einem Schreibtisch in einem Nebenhaus, den Büroräumen ihrer Stiftung, und bespricht mit einem Mitarbeiter eine Funding-Kampagne. Sie drückt sich präzise und gewählt aus, bewegt sich langsam, aber doch agil in langem Kleid und Mantel durch den Raum, und wenn sie lacht, erkennt man in ihrem Gesicht die Unbekümmertheit eines Kindes.

Amanda Feilding, die von den Habsburgern abstammt, in der Parkanlage ihres Anwesens bei Oxford. LSD, sagt sie, sei ihre große Liebe.

Vor fast zwanzig Jahren gründete Feilding die Beckley Foundation, die unzählige Studien zum medizinischen Nutzen von psychedelischen Substanzen finanziert hat. „LSD oder Psilocybin können wirksame Medikamente gegen Depression und Sucht sein, es gibt Anzeichen, dass sie bei Posttraumatischer Belastungsstörung helfen oder gegen Migräne. Diese Mittel haben so viel Potential, und wir lassen es liegen, weil Richard Nixon und andere Verblendete sie Anfang der Siebziger verboten haben. Das wollte und will ich nicht hinnehmen“, sagt sie bei einem schwarzen Tee mit Milch. Es ist ein Kampf gegen festsitzende Vorurteile, die sich kaum geändert haben. „Ich kann insbesondere Politikern noch so oft positive Studienergebnisse zeigen. Sie nehmen sie gar nicht richtig zur Kenntnis, weil wir mit verbotenem Material hantieren. Für das Verbot müsse es ja Gründe geben. Ja, aber die falschen, sage ich dann. Und sie: So what!“

Feildings Forschungen sind nicht neu. In den fünfziger und sechziger Jahren gab es breit angelegte Studien, wie etwa LSD den Alkoholentzug unterstützen kann, was ziemlich gut funktionierte. Die Rückfallquote war viel geringer als bei anderen Therapieformen. In Großbritannien und Deutschland, vor allem bei Hanscarl Leuner in Göttingen, wurden zahlreiche, als unheilbar geltende Depressionspatienten erfolgreich mit LSD therapiert. In Los Angeles unterzogen sich Superstars wie Cary Grant einer psychedelischen Therapie, um ihre Neurosen und Traumata zu heilen. Sie bekamen von Psychiatern LSD in hohen Dosen und wurden in ihren Trips mit dem Ursprung ihrer Probleme konfrontiert. „Ich musste mich mit mir selbst auseinandersetzen, mit Dingen, die ich nie erkannt habe, ja, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existierten“, sagte Grant einmal, der hundert LSD-Sitzungen besucht haben soll. Nach jeder folgten Gesprächsrunden mit dem Arzt, um das Erlebte zu verarbeiten. In heutigen Studien ist der Ablauf ähnlich. Nur sind die Methoden der Beobachtung genauer, und es geht nicht nur darum, ob die Substanzen helfen, sondern auch, warum.

Die 74 Jahre alte Gräfin kämpft seit Jahrzehnten gegen Vorurteile und für den therapeutischen Einsatz von LSD gegen Depression, Traumata und Neurosen. Doch die Politiker ignorieren ihre positiven Studienergebnisse meistens.

So wird es bei der nächsten Studie sein, die Feilding mit ihrem engen Vertrauten, dem Professor für Psychiatrie, David Nutt, am Londoner Imperial College durchführen möchte. Es könnte die bisher populärste der Stiftung werden: Es soll um die Wirkung von Microdosing gehen. Der Konsum von kleinsten Dosen psychedelischer Substanzen, bei LSD etwa zehn Mikrogramm, boomt gerade unter Kreativen und Techies des Silicon Valley. Zahlreiche Magazine berichteten bereits über Programmierer oder Künstler, die ihr Frühstücksmüsli mit einer Prise Psychedelikum garnieren. Die üblichen Effekte eines Trips, Halluzinationen und Egoauflösung, fehlen bei dieser Art der Einnahme. Es soll sich eher eine Stimmung der fröhlichen Fokussierung einstellen. Aufgaben gehen leichter von der Hand, die Konzentration steigt, die Ideen fließen, negative Verstimmungen verschwinden. Die amerikanische Bestsellerautorin Ayelet Waldman beschrieb 2016 in einem Buch, wie sie mit LSD-Kleinstdosen ihre depressiven Verstimmungen in den Griff bekam. Ähnliche Erfahrungen sammelt der Professor für Psychiatrie in Santa Cruz, James Fadiman, seit den siebziger Jahren von Leuten, die mikrodosieren. Viele seiner Probanden würden die Substanzen im Abstand von drei Tagen einnehmen, ein Rhythmus, den er auch empfiehlt, und sie als Antidepressiva nutzen. Sie würden in einem Zustand leben, in dem die Dinge ein wenig mehr glühen als sonst, sich aber nicht in phantastische Gebilde verwandeln. „Ob diese Erfahrungen und die Hypothesen von James eine reale Grundlage haben, wollen wir wissenschaftlich überprüfen“, sagt Amanda Feilding, die Fadiman wie jede wichtige Person der Szene kennt. Mit Albert Hofmann, dem Erfinder von LSD, war sie befreundet, mit dem Star- Pharmakologen Sasha Shulgin, der als Wiederentdecker des vom Pharmakonzern Merck 1912 entworfenen MDMA gilt, hat sie auf dem Burning Man Festival gezeltet.

Die Gräfin von Wemyss und March vor Beckley Park, ihrem Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert. Ihr Vater war ein Hippie, der die Buchsbäume seltsam beschnitt.

Feilding wandelt jetzt durch eine schmale Allee niedriger Bäume in der Parkanlage, die das Herrschaftshaus umgibt. Zwei Schwäne fauchen, „Tut nicht so blöd!“, entfährt es ihr. Der Park ist eine traumverlorene Version des englischen Landschaftsgartens – gezielt beschnitten hier, verwachsen und sich selbst überlassen dort. Drei Burggräben durchziehen ihn, Hecken bilden ein Labyrinth mit über zwei Meter hohen weichen, dunkelgrünen Mauern. Hinter einer sind zwölf Buchsbäume zu seltsamen Formen rasiert, einer gleicht einem überdimensionalen Teddybären. „Die hat mein Vater gestaltet, er war eine Art Hippie, bevor es Hippies gab“, sagt Feilding, während sie auf ins Wasser eingelassenen Steinen zu einer Insel in einem Teich wandert. „Als Kind war der Park mein Reich. Meine drei älteren Geschwister waren auf dem Internat, ich hatte keine Freunde.“ Was sagten ihre Eltern, als sie in den sechziger Jahren anfing, LSD zu nehmen? „Sie hatten nichts dagegen, weil sie sahen, dass es mir guttat.“ Und die feine Gesellschaft? „Wir waren trotz unserer Abstammung nie Teil von ihr. Wir lebten hier sehr abgeschieden, ohne Heizung, ohne Benzin, ohne viel Kontakt zur Außenwelt.“ Feilding besuchte in Oxford eine Klosterschule. Sie langweilte sich, wollte weniger über den Katholizismus und mehr über Buddhismus und Mystizismus erfahren, den Lehren ihres Patenonkels Osbert „Bertie“ Moore. Der hatte im Zweiten Weltkrieg beim englischen Militärgeheimdienst gearbeitet, wurde danach BBC-Korrespondent in Italien und schließlich buddhistischer Mönch in Sri Lanka, wo er Klassiker der buddhistischen Lehre wie das „Visuddhimagga“ („Weg der Reinheit“) ins Englische übersetzte. Die Nonnen in Oxford erlaubten ihr nicht, die Bücher zu lesen. „Also verließ ich die Schule mit sechzehn, wollte nach Sri Lanka, zu meinem Patenonkel. Ich bin aber nie angekommen. In irgendeiner Wüste ging mir das Geld aus.“ Der Buddhismus, der Mystizismus, das Interesse an veränderten Bewusstseinszuständen ließen sie nicht mehr los. Sie studierte beim Oxford- Professor Robert Charles Zaehner, Experte für den Propheten Zarathustra und Kenner der mystischen Lehren der meisten Religionen. Zaehner probierte, angeregt durch Aldous Huxleys Buch „Pforten der Wahrnehmung“, Meskalin aus, fand es ganz lustig, aber bestritt, dass die psychedelische Erfahrung auch eine spirituelle Komponente haben könnte. „Das sehe ich natürlich ganz anders, und ich habe es auch anders erlebt“, sagt Amanda Feilding, „und ich bin ja nicht die Einzige. Die spirituellen Erfahrungen von Leuten auf Acid sind gut dokumentiert, auch welche heilende Wirkung die damit einhergehende Auflösung des Egos, die Ruhe vor dem Selbst, haben kann.“


„Die Menschen sind so in ihren Ansichten gefangen, es ist zum Verzweifeln.“
AMANDA FEILDING

Die Beckley Foundation und das Imperial College lieferten 2016 Anhaltspunkte, warum das so ist, indem sie erstmals Bilder des Gehirns auf LSD zeigten. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) veröffentlicht, was die Seriosität der Forschung bestätigte. Sie wurde als „groundbreaking“ bezeichnet. Die Wissenschaftler des Imperial College hatten zwanzig Probanden 75 Mikrogramm LSD, eine mittlere Dosis, oder ein Placebo verabreicht. Danach wurden sie in einen Gehirn-Scanner gesteckt. Die Bilder sind beeindruckend. Die Gehirne „under the influence“ leuchten orange auf, wie ein Wolkenmeer von oben, in dem ein schweres Gewitter tobt. Viele Regionen scheinen aktiv zu sein. Beim Placebo sind es nur ein paar. So konnte nachgewiesen werden, dass der visuelle Cortex auf LSD mit weit mehr Regionen verbunden ist als im Normalzustand. Am Prozess des Sehens ist also nicht nur er beteiligt, sondern auch Teile des Gehirns, die mit ihm sonst nichts zu tun haben. „Die Probanden ‚sahen mit geschlossenen Augen‘, das heißt, sie erblickten eher Dinge, die ihrer Vorstellung entsprangen, als die, die sie mit ihren Augen aufnahmen“, sagt der Neurowissenschaftler Robin Carhart-Harris, der die Studie leitete. Damit würden sich auch Halluzinationen erklären lassen, die Leute während eines Trips haben können. Eine andere Erkenntnis ist aber noch wichtiger. „Es war beeindruckend, wie sehr die Substanz den Einfluss des Default Mode Network veränderte“, sagt Amanda Feilding. Der Begriff Default Mode Network (DMN, zu Deutsch Ruhezustandsnetzwerk) geht auf den Neurologen Marcus Raichle zurück. Er und andere Neurowissenschaftler entdeckten, welche Gehirnregionen verbunden sind, wenn man scheinbar nichts tut. „Das DMN springt immer dann an, wenn man die Augen schließt und an die schönen Dinge denkt, die letztens so passiert sind, oder an die schlimmen. Wenn man reflektiert. Man nimmt sich selbst wahr, man denkt über sich nach, man bildet sein Ego“, sagt David Nutt, der einer der bekanntesten Drogenexperten Großbritanniens ist. Weltberühmt ist seine Studie zu den schädlichsten Drogen (auf Platz eins: Alkohol), die 2010 im Magazin „Lancet“ veröffentlicht wurde: „Das Erstaunliche war nun, wie LSD das DMN, den Dirigenten des Ruhezustands, unterdrückte und sich andere Regionen zusammenschlossen. Das Ego verschwand zugunsten eines Gefühls der Einheit und des Aufgehobenseins.“

Placebo

Die Reihe zeigt die Hirn-Scans von Probanden, die nur ein Placebo bekommen hatten. Foto: beckley / imperial research programme

LSD

Wie ein orangenes Wolkenmeer von oben, in dem ein Gewitter tobt: Kleine Dosen LSD aktivieren und verbinden ungeahnt große Teile des Gehirns. Foto: beckley / imperial research programme

Warum dieses Ergebnis so wichtig für ihre weitere Arbeit ist, erklärt Amanda Feilding auf dem Weg ins Innere ihres Anwesens. „Depressive Menschen können sich nicht mehr aus den Schleifen negativer Gedanken befreien. Sie hängen fest. Das DMN ist bei ihnen zu dominant. LSD oder Psilocybin haben die Fähigkeit, dieses Netz zu durchbrechen und sie zumindest für eine Weile aus ihrer Düsternis zu befreien.“ Die Beckley Foundation konnte das in einer Studie zeigen. Zwölf Probanden bekamen im Abstand von sieben Tagen zweimal Psilocybin. Alle litten unter mittelschweren bis schweren Depressionen und hatten mindestens zwei andere Therapieformen erfolglos ausprobiert. Sie wurden während der Trips von Psychologen begleitet, wie auch vor und nach der Sitzung. Eine Woche nach der Behandlung waren bei siebenundsechzig Prozent die Krankheitssymptome verschwunden, nach drei Wochen immerhin noch bei zweiundvierzig Prozent. „Ist das nicht absolut erstaunlich“, sagt Amanda Feilding, „einer der Probanden war schon seit Jahrzehnten depressiv. Das Psilocybin verschaffte ihm das erste Mal seit einer Ewigkeit Erleichterung. Das Schlimme ist, dass er auf das Medikament nun nicht mehr zurückgreifen kann, weil es verboten ist. Das ist so traurig.“

Feilding steht jetzt in ihrem Wohnzimmer, ein nicht allzu großer, aber vier bis fünf Meter hoher Raum. Ein gewaltiger, offener Kamin bestimmt ihn, davor zwei Sofas, überall stapeln sich Bücher zu kleinen und höheren Türmen. Früher feierten die Royals in diesem Haus ausgelassene Partys, hatte sie vorher erzählt. Jetzt sucht sie ein Buch ihres Patenonkels Bertie, von dem ein gemaltes Porträt als junger Mann an einer Wand lehnt. Feilding findet es nicht und schimpft auf die Regierung, dass man den Leuten Antidepressiva gebe, vor allem sogenannte Selektive Serotonin-Aufnahmehemmer (SSRI), deren Wirkung schlecht sei und die die Patienten nicht selten dick und dumpf machen würden. „Und über gute Alternativen wird gar nicht nachgedacht, weil sie mit einem Tabu behaftet sind. Die Menschen sind so in ihren Ansichten gefangen, es ist zum Verzweifeln.“

Kritiker haben bemängelt, dass ihre Psilocybin-Studie, die gerade einmal zwölf Probanden hatte und keine Placebo-Kontrollgruppe, nur wenig Aussagekraft besäße. Aber ähnliche Untersuchungen mit Depressiven und Psilocybin an der New York University und an der Johns Hopkins University in Baltimore, die ebenfalls 2016 veröffentlicht wurden, führten zu vergleichbaren Ergebnissen – und in einem Fall sogar zu einer vor übergehenden Heilungsquote von achtzig Prozent.

Unter Microdosing versteht man den Konsum kleinster Mengen von psychedelischen Substanzen wie LSD oder Psilocybin. Die Dosis ist so klein, dass die bekannten Effekte der Substanzen wie „Trips“ oder Halluzinationen ausbleiben. Trotzdem behaupten Nutzer, die Konzentration und die Kreativität würden dadurch gesteigert.

„Mehr Probanden können wir uns meistens nicht leisten. Wir machen Basisarbeit und hoffen, dass andere mit mehr Geld unsere Arbeit fortführen“, sagt Feilding, während einer ihrer Assistenten das Abendessen auf einem langen Holztisch im schmalen Esszimmer serviert. Fisch mit grünen Bohnen und Salat. Die Haushälterin hat am Abend vorher gekündigt. „Sie hat einen neuen Freund in London, was soll man da machen?“ Feilding ist ihrem als Ersatzkoch eingesprungenen Assistenten so überschwenglich dankbar, dass er errötet. Dann erzählt sie, wie sie sich am Vortag mit einem Politiker und einem Pharmakonzernvertreter getroffen habe, um auszuloten, was nötig wäre, um Psilocybin als Medikament zur Marktreife zu bringen. „Sie waren interessiert, was nichts heißt. Aber das ist der Weg, den wir gehen müssen. Um eine Substanz als Medikament zu etablieren, braucht man Millionen. Nur sie können uns helfen.“ Mit Cosmo, einem ihrer zwei Söhne, der bisher Filmemacher war und jetzt mit ihr arbeitet, will sie sich vermehrt darum kümmern, große Investoren aufzutreiben. Die anstehende Microdosing-Studie ist noch nicht komplett finanziert. David Nutt, der Feilding „a very fine lady“ nennt und sie für ihren Enthusiasmus, ihre Erfahrung und Ideen schätzt, sagt, dass ein Gehirn-Scan um die 1000 Euro kostet. „Man braucht etliche Scans, man kann sich vorstellen, wie sich das dann summiert“, bestätigt Feilding. Die Probanden der Studie sollen auf Acid auch das Strategiespiel Go spielen. „Das war meine Idee. Ich war früher eine hemmungslose Go-Spielerin und habe Tausende Partien gegen den gleichen Gegner geführt. Er kannte alle Muster und Varianten meines Spiels. Wenn ich aber auf Acid spielte, konnte er mich nicht mehr berechnen, und ich schlug ihn leicht.“ Psychedelika stehen ja nicht nur im Verdacht, die engen Schleifen des DMN zu durchbrechen, sondern auch die üblichen Denkmuster und Perspektiven seiner User zumindest zu erweitern, wenn nicht sogar zu verändern. „Ob dafür auch schon kleine Dosen genügen, wollen wir herausfinden“, sagt Feilding, die auch im Silicon Valley gerne Geldgeber finden würde. „Da soll es ja einige Microdoser geben, nicht wahr?“ Sean Parker, Napster-Gründer, Facebook-Investor und Milliardär, hatte ihr für eine andere Studie einmal Geld gegeben, sich aber wieder zurückgezogen. „Ich bettle äußerst ungern um Geld, aber es muss ja sein“, sagt sie, während sie Weißwein in Kristallgläser schenkt. Amanda Feilding hat ihren starken Willen nicht verloren, den sie schon als 16-Jährige besaß, als sie die Schule verließ, um ihren Patenonkel zu besuchen. Sie umarmt das Unbekannte. Ohne Angst, ohne Ressentiment, mit unerbittlicher Neugierde. Und sie war schon immer gut darin, Prominente für ihre Sache zu gewinnen.


„Ich bin alt, und ich wünsche mir, dass ich die Rehabilitierung von LSD noch erlebe. In vier Jahren wird es so weit sein!“
AMANDA FEILDING

In den siebziger Jahren stellte sie im New Yorker MoMA PS1 als Künstlerin aus. Sie hatte ein Video gedreht, in dem sie sich mit einem Zahnarztbohrer ein Loch in den Kopf drillt. Sie vollführte an sich selbst einen der ältesten chirurgischen Eingriff der Menschheit, die Trepanation. Manche Besucher, die das Video sahen, fielen in Ohnmacht. Feilding ging es aber nicht nur um Kunst und Schock, sondern das Video war auch ein politischer Protest. Sie wollte darauf aufmerksam machen, dass es sinnvoll wäre, die Wirkung der Trepanation genauer zu untersuchen. Ihr dritter Mann James Charteris, ein schottischer Adliger, der die meiste Zeit auf einem anderen Anwesen der Familie in Gloucestershire wohnt, ließ sich sehr viel später, in den neunziger Jahren, von einem Arzt in Ägypten trepanieren. Er litt unter schwerer Migräne, die danach verschwand. „So verrückt es klingt, ein Loch im Kopf kann die Vitalität steigern, es ist ein bisschen wie bei einer Mikrodosis. Ich habe es gespürt und wollte einfach wissen, ob es wirklich so ist oder ob ich mir etwas einbilde.“

Nach der Ausstellung im PS1 startete sie eine Kampagne, die von Andy Warhol und anderen Stars der New Yorker Kunstszene unterstützt wurde. Sie veränderte nichts. Feilding ist bewusst, dass der Eingriff zu drastisch, zu grausam, zu abwegig erscheint, um vom Mainstream ernsthaft als Heilmittel wieder anerkannt zu werden. Aber das ist ihr egal. „Mein Vater gab mir einmal den Rat, immer genau das Gegenteil von dem zu tun, was die Autoritäten sagen.“ Diesem Motto ist sie bis heute treu geblieben. Ihr Atem ist lang. Die politische Landschaft in Großbritannien macht die Forschung mit psychedelischen Substanzen gerade so schwierig wie nie zuvor. Die Regierung May vertritt eine harsche Drogenpolitik der strengen Strafen und ausnahmslosen Verbote. David Nutt stellt sein Land in dieser Frage in eine Reihe mit Russland und China. Doch Amanda Feilding mag sich von ihrem Weg nicht abbringen lassen. „Ich bin alt, und ich wünsche mir sehr, dass ich die Rehabilitierung von LSD noch erlebe.“ Sie hebt ihr Glas. „In vier Jahren wird es so weit sein.“ Das ist sehr unwahrscheinlich. Aber in den Kategorien des Unmöglichen denkt Amanda Feilding nicht. Dafür hat sie zu viel gesehen.

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Quelle: F.A.Q.

Veröffentlicht: 01.12.2017 12:51 Uhr