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Dänischer Lebensstil : Bist du schon hygge?

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„Hygge“ - das ist Atmosphäre, Gegenwart, Vergnügen, Gleichheit, Dankbarkeit, Harmonie, Bequemlichkeit, Frieden, Zusammensein und Schutz. Bild: Colourbox.com

Die Dänen gelten als glücklichste Nation der Welt. Das Geheimnis dahinter soll „Hygge“ lauten. Das Lifestyle-Phänomen erobert gerade die Welt. Kann man das lernen? Eine Spurensuche in Kopenhagen.

          Dieses komische, kaputte Jahr 2016 habe ich noch immer nicht richtig verdaut. Die Demokratie ist bedroht, und die Welt scheint auch weiterhin, im Jahr 2017, aus den Fugen. Meine Facebook-Timeline quillt vor immer absurderen Trump-News über. Passenderweise ist der Himmel grau und wolkenverhangen, der Wind pfeift eisig von der Ostsee, als ich Anfang des Jahres in Kopenhagen am Flughafen lande. Mir ist nach heißer Schokolade, Sofa und Nichtstun zumute. In den vier anderen Städten, die ich in diesem Monat besucht habe, München, Frankfurt, Berlin, Düsseldorf, ging es mir zwar genauso, aber hier in Kopenhagen habe ich die Hoffnung, dass ich endliche lerne, wie man es sich „hyggelig“ macht, also so richtig kuschelig, wenn es draußen ungemütlich wird.

          Laut „World Happiness Report“ der Vereinten Nationen gilt Dänemark nämlich als das glücklichste Land der Welt, zum vierten Mal in Folge. Zum Vergleich: Deutschland rangiert auf Platz 16. Auf dem Weg zum Gepäckband werde ich von einer Dame in Funktionsjacke von Jack Wolfskin angerempelt. Ich bin übermüdet, erkältet und wehleidig. Sie entschuldigt sich nicht, und ich denke: Na, in der großen Freundlichkeit scheint das Glück nicht zu liegen. Nicht unwesentlich für die Zufriedenheit ist sicherlich das dänische Sozialsystem.

          Die knapp 5,7 Millionen Einwohner zahlen zwar den höchsten Steuersatz, verfügen im EU-Vergleich aber auch über das sechsthöchste Brutto-Einkommen pro Kopf. Ausbildung, Krankenversicherung und Rente sind weitestgehend gesichert, für Arbeitnehmer gibt es bezahlte Elternzeit und überwiegend rund einen Monat Urlaub pro Jahr. Aber das wahre Glück soll nicht im Wohlfahrtsstaat, sondern in „Hygge“ (sprich: hügge) liegen. Dahinter stecke eine Lebensphilosophie, und die boomt.

          „Hygge“ : Darum sind die Dänen so glücklich!

          Das Wort hat seinen Ursprung im Norwegen des 16. Jahrhunderts, wird heute laut Langenscheidt-Wörterbuch mit „Gemütlichkeit“ übersetzt und erinnert in seinem wohligen Klang an das schöne, aber leicht in die Jahre gekommene deutsche Wort „heimelig“. Hygge wurde kürzlich in den offiziellen Kulturkanon des Landes gewählt, gemeinsam mit Werten wie Freiheit, Gleichheit und der dänischen Sprache. Der „New Yorker“ nannte 2016 „The Year of Hygge“.

          Der höchste Pro-Kopf-Verbrauch an Kerzen in Europa

          Dass man auf die skandinavischen Länder schaut, um sich in Sachen Lebensstil zu orientieren, ist kein neues Phänomen. Nachdem wir alle also ikeaisiert sind, eingerichtet im Skandi-Style mit hellen Möbeln, Industriedesignerlampen sowie Accessoires von Hay, und unsere Kinder Finn und Greta heißen, schauen wir jetzt auch in Sachen Lebensgefühl in den hohen Norden. In Mainz gibt es seit knapp zwei Jahren ein „Hygge Café“, in L.A. schon seit 2009 eine „Hygge Bakery“ mit Zimtschnecken.

          Es sind zahlreiche Bücher darüber erschienen, darunter der Amazon-Bestseller „Hygge – ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht“, mit Bastelanleitungen für Weihnachtsherzen. Der Autor Meik Wiking leitet das Kopenhagener Institut für Glücksforschung (ja, das gibt es) und fasst die Idee in zehn Punkten zusammen: Atmosphäre, Gegenwart, Vergnügen, Gleichheit, Dankbarkeit, Harmonie, Bequemlichkeit, Frieden, Zusammensein und Schutz. In Lifestyle-Journalen wird Hygge mal als Haartrend angepriesen (natürliche Farbe, weiche Schnitte), mal als schicke Produktseite präsentiert, auf der Kaschmirsöckchen, Kaminfeuer und Duftkerzen im Wert eines Jahrgangschampagners für das ultimative Hygge-Erlebnis empfohlen werden. Zwar haben die Dänen mit rund sechs Kilo den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Kerzen in Europa, aber so wie eine Schwalbe keinen Sommer macht, sorgt eine Pinterest-taugliche Wohnung noch lange nicht für Seelenheil.

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