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Alter, was geht? (1) : Als ich einmal Arjen Robben war

Bild: Illustration Jan-Hendrik Holst

Unter 120 Kindern der einzige Erwachsene - und der Schlechteste von allen: Von einem, der auszog, das Kicken zu lernen. Mit 42. Der Auftakt zu einer neuen Serie in lockerer Folge: Alter, was geht?

          Albtraum-Klassiker, allerseits gefürchtet: Man muss noch mal zum Mathe-Abi ran und hat keinen Schimmer. Man erkennt, dass die Kollegen im Büro einen deshalb so anstarren, weil man nackt ist. Man soll auf einer Bühne etwas singen, aber hat den Text vergessen. Oder, ganz besonders fies: Man steht auf einer Bühne, soll Mathe-Aufgaben rechnen und ist nackt. Kennt fast jeder, so was, kommt immer wieder vor, ist aber gottlob nur ein Albtraum. Jedenfalls meistens. Das hier aber ist auch nicht schlecht: Es ist morgens um halb zehn, und ich stehe auf dem Fußballplatz.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Um mich herum 120 Kinder, sechs bis 14 Jahre alt. Hinter der Bande stehen ihre Väter, ein paar Mütter auch, und sie alle hören, wie der Mann mit der Schirmmütze sagt: „Wir haben einen ganz besonderen Gast hier.“ 240 Kinderaugen und ebenso viele erwachsene blicken mich an. Es ist der Auftakt zu einem Camp der gemeinsamen Fußballschule vom FSV Frankfurt und dem Radiosender FFH, und wir alle werden hier mehrere Tage lang trainieren und spielen. Die 120 Kinder - und ich. Ich bin 42 Jahre alt. Und ich kann nicht Fußball spielen.

          Kann doch eigentlich jeder

          Fußball spielen, hört man oft, kann doch eigentlich jeder, zumindest jeder Junge. Damals aber, als die andern Jungs alle kicken gingen, hat mich das irgendwie nicht interessiert; ich habe lieber was gemalt, Comics gelesen oder ferngesehen. Erst mit 14 fing ich an mit Sport, mit Leichtathletik. Das Schlimmste an meiner Zeit im Verein war, dass wir zum Aufwärmen stets Fußball spielten. Meine Versuche, dem Ball auszuweichen, glückten nicht immer, einmal schoss man mir aus Nahdistanz die Brille vom Kopf. Später, mit 18, 19, bolzte ich eine Zeitlang freiwillig, mit ein paar Kumpels auf dem Ascheplatz, doch „Spielen“ traf es in meinem Fall nicht wirklich.

          Dass mich Miguel, weil ich jedem noch so fernen Ball hinterherhetzte, „Die Lunge“ taufte, war sehr freundlich; so nutzbringend, wie ich für mein Team war, hätte es gut auch „Der Blinddarm“ sein dürfen. Ballannahme, Ballabgabe, Flanke, Schuss - all diese Sachen habe ich nie erlernt. Und möchte es nun, mit 42, doch noch versuchen. Aber wie? Anruf bei Eintracht Frankfurt. In meinem Alter, erkennt man dort ganz richtig, sei es „unwahrscheinlich, noch leistungsbezogen zu spielen“. Heißt: Fürs Bundesliga-Team komme ich nicht mehr in Frage. Doch auch bei der Zweiten Mannschaft, ja sogar bei den Jugendmannschaften sollte ich besser nicht anfragen, weil sie dort „keine Rücksicht nehmen“.

          Bilderstrecke

          Ob ich’s mal im Ostpark versuchen möchte, bei all den Hobby-Mannschaften? Doch noch sind meine Ambitionen höher. Ich klingele durch beim Deutschen Fußball-Bund. „Das ist für Senioren, ja?“, fragt die Frau von der Zentrale. Ich fühle mich minütlich älter. Die DFB-Dame verweist mich an den Hessischen Fußball-Verband, an die Pass-Stelle, was zum ersten Mal nach Fußballplatz klingt; sie heißt aber so, weil man hier einen Spielerpass kriegen kann. Davon bin ich weit entfernt. Selbst von Seniorenmannschaften rät der Abteilungsleiter mir ab: Was sollte ich auch bei Leuten, die alle seit Jahrzehnten Fußball spielen? Ich sei, diagnostiziert er, „ein nie dagewesener Sonderfall“. Mit 42, so scheint es, will und kann in diesem Land niemand mehr Fußball lernen.

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