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Veröffentlicht: 05.05.2017, 17:34 Uhr

Wein aus Neuseeland New Wine Land

Neuseeland ist faszinierend. Das gilt erst recht für den Wein, der auf den beiden Inseln gekeltert wird und dessen Most bei manchen Betrieben sogar direkt im Weinberg gärt. Unterwegs zu erstaunlichen Entdeckungen.

von , Queenstown
© © Bildagentur Huber Am anderen Ende der Welt leuchtet der Wein: In wenigen Jahrzehnten hat sich Neuseeland - hier ein Weingut auf der Insel Waiheke bei Auckland - zu einer Nation großer Tropfen entwickelt.

Der Anflug ist ein bisschen rustikal. Man könnte auch sagen: beängstigend holprig. Das Flugzeug sackt plötzlich ab, die Berge sind zum Greifen nah, alles ruckelt, wackelt und klappert, das ganze Flugzeug beginnt zu vibrieren. Aber was soll's - Neuseeländer lassen sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Und so sind es nur die Touristen, die sich auf den letzten Metern vor der Landung des Airbus an ihre Sitzlehnen klammern. Gut, dass der Kapitän erst hinterher mit gelassener Stimme berichtet, die drei Flugzeuge vor uns hätten wegen des schlechten Wetters umdrehen und in Christchurch landen müssen, das knapp 500 Kilometer weiter nördlich liegt.

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Auf dem Rollfeld peitscht der Regen, und die tiefhängenden Wolken lassen kaum einen Blick auf die schneebedeckten Gipfel in der Umgebung zu. „Welcome to Queenstown - the Adventure Capital of the World“. Der kleine Provinzflughafen ist voller Leute: deutsche Urlauber in Funktionskleidung, amerikanische Backpacker mit riesigen Rucksäcken, chinesische Pauschaltouristen in Sandalen. Überall im Terminalgebäude stehen Touren-Anbieter in kurzen Hosen und coolen T-Shirts. Sie haben alles im Programm, was die Abenteuerindustrie zu bieten hat: Fallschirmspringen, Bungee-Jumping, Jetboat-Fahren, Wild-Water-Rafting, Kanu-Touren, Mountain-Bike-Rundfahrten, Wildnis-Wanderungen. Die Neuankömmlinge haben die Wahl. Nur von Pinot Noir ist keine Rede.

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Ausgerechnet! Denn den Rotwein hat dieser abgelegene Landstrich auf Neuseelands Südinsel, der auch im Sommer manchmal unwirtlich ist, überhaupt erst bekannt gemacht. Das rote Gold aus Central Otago hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Welt im Sturm erobert. Auf dem kleinen Flughafen in Queenstown ist davon nichts zu erahnen. Dafür müssen sich die Gäste schon auf den Weg Richtung Norden und Osten machen. Bei den Winzern in Gibbston, Bannockburn, Lowburn, Bendigo und Wanaka muss man selbst sehen und schmecken, was es mit dem Spätburgunder vom anderen Ende der Erde auf sich hat.

Erst kamen die Goldgräber, jetzt ist das Gold rot

Gold hat in Central Otago schon einmal eine wichtige Rolle gespielt. Kein rotes oder schwarzes, nein, ganz goldenes Gold lockte Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Siedler an die östlichen Ausläufer der neuseeländischen Alpen. Zehntausende aus Europa und Australien strömten von 1861 bis 1863 in das unzugängliche Land. Noch heute zeugen Orte wie Arrowtown und Lawrence von dem Rausch. Hysterisch buddelten sich die Glückssucher durch die Erde – und zogen nach ein paar Jahren frustriert wieder ab. Die wenigsten waren reich geworden, nur wenige blieben.

Es dauerte knapp 130 Jahre, bis ein Österreicher einen zweiten Boom hervorrief – mit Pinot Noir. Rudi Bauer ist ein bescheidener Mann, aber selten hat ein einzelner Winzer ein Anbaugebiet so beeinflusst wie er Central Otago. Im weißen Hemd und in Jeans steht er bei inzwischen wieder strahlendem Sonnenschein in seinem Weinberg in Bendigo oberhalb von Lake Dunstan und erzählt mit unverkennbar alpenländischem Akzent („Meine Frau und meine Kinder sind klassische Kiwis, aber ich bin und bleibe Österreicher“), wie er 1985 mit einer Arbeitsgenehmigung für sechs Monate nach Neuseeland kam – und blieb. Central Otago mit den Bergen und hügeligen Ebenen, den großen Temperaturschwankungen und dem trockenen, kontinentalen Klima hat ihn von Anfang an fasziniert. Und er hat gleich daran geglaubt, dass sich in dieser Gegend, die wie eine Mischung aus schottischem Hochland und südafrikanischem Westkap wirkt, sehr komplexe und reintönige Spätburgunder keltern lassen.

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