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Veröffentlicht: 18.06.2017, 19:09 Uhr

Fotografien mit Schlafbrille Bekannt aus Film und Fernsehen

Was bleibt, wenn die Augen von einem Foto verschwinden? Das wollten wir herausfinden – und fotografierten kurzerhand Prominente an verschiedensten Orten mit einer Schlafbrille.

von
© Freddy Langer Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der haischwärzeste Regisseur im ganzen Land? Klaus Lemke!

Ach, sagte Sunnyi Melles in einer Mischung aus Enttäuschung und Unverständnis. Vor einer Wand? Das müsse doch nun wirklich nicht sein. Die Schlafbrille ziehe sie für ein Foto gern über den Kopf, aber an eine Hausfassade lehne sie sich auf keinen Fall. Nicht einmal an die des Hotels Sacher. Dann zeigte sie auf den Wiener Feierabendverkehr, der schubweise von der Kärntner Straße in die Philharmonikerstraße bog oder geradeaus fuhr in die Walfischgasse.

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Dort, sagte sie und deutete zwischen die fahrenden Autos und den Linienbus: Dort stelle ich mich hin! Mit Schwung zog sie den Reißverschluss ihres rosafarbenen Anoraks hoch fast bis ans Kinn, ihr rosa Täschchen ließ sie am Arm baumeln, und so verharrte sie für eine halbe Ewigkeit mitten auf der Straße wie eine Skulptur, ignorierte das Hupen der abbiegenden Wagen, die sich um sie herum schlängeln mussten, und sah nicht die fragenden Blicke der Passanten.

46944438 Kommen und stehen: Sunnyi Melles in Wien © Freddy Langer/Deutsche Filminsti Bilderstrecke 

Das war am 11. November 2015. Seither ist die Schlafbrille befreit. Mit verbundenen Augen an der Wand, wenn jemand zielt und schießt, wenn auch nur ein Bild - das kommt einer Exekution schon sehr nahe. Und es war ja auch nie als Gag gedacht, Prominenten das totfotografierte Gesicht abzudecken, sondern als Frage, was bleibt, wenn die Augen verschwinden, und ob ein Stück Stoff schützt, so wie manche Kulturen und Religionen es behaupten, oder ob man sich nicht umso mehr ausliefert, also dem Fotografen blind vertrauen muss. 100 dieser Aufnahmen sind nun in einer Ausstellung zu sehen, allesamt von Schauspielern und Regisseuren.

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Was lag näher, als mit ihnen Szenen zu entwerfen, die wirken wie Momente eines Films. Nach Dreharbeiten in den Kulissen eines "Tatorts". In Paris zwischen Besuchern des Louvre. Oder vor dem Spiegel der Herrentoilette im Deutschen Filmmuseum, das diese Bilderschau ausrichtet. Die Liste der Namen reicht von Hannelore Elsner, Nina Hoss und Claudia Cardinale über John Malkovich, Ulrich Tukur und Jeremy Irons bis Wim Wenders, Volker Schlöndorff und Edgar Reitz. Mit Ulrich Noethen traf ich mich in einem Schnellimbiss auf einen Kaffee. Wie wär's mit Slapstick, fragte er. Und versuchte mit verbundenen Augen, Zucker in die Tasse zu schütten. Getroffen hat er nie.

Die Ausstellung

„Freddy Langer: Schlafbrillen“: Deutsches Filmmuseum Frankfurt, Schaumainkai 41. Bis zum 30. Juli

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