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Naturweine aus Georgien : Wein oder nicht Wein

Weinregion: Vorne hängen in Kakheti Saperavi-Trauben, am Horizont liegen die Berge des Kaukasus. Bild: Maria Wiesner

Das ist hier nicht die Frage. Denn Georgien hat eine uralte Weinbau-Tradition. Und auch im Westen, wo es lange eine Frage war, greift man nun zu.

          Als das Flugzeug in Tiflis landet, ist es 4.30 Uhr am Morgen. Rotgeäderte Nachtflugaugen, apathischer Gang durch die Passkontrolle, Gedränge am Gepäckband, das ewig still steht. Dazwischen hämmert die Frage durch den Kopf: Warum tut man sich das gleich nochmal an? Ganz klar: John Steinbeck ist schuld. In der „Russischen Reise“ beschrieb er die Sowjetunion des Jahres 1947 als deprimierendes Trümmerland, mit einer Ausnahme, die ziemlich vielversprechend klingt.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          „Wo wir auch in Russland waren, in Moskau, in der Ukraine, in Stalingrad, stets fiel der magische Name Georgien. Menschen, die niemals dort gewesen waren, sprachen von Georgien mit einer Art Sehnsucht und mit großer Bewunderung. In ihren Erzählungen waren die Georgier Übermenschen, große Trinker, große Tänzer, große Musiker, große Arbeiter und Liebhaber.“

          Die Altstadt von Tiflis

          Gekommen sind wir vor allem wegen des Weins. Besonders unter Liebhabern von Naturweinen hat er eine eigene Kategorie bekommen: die orangefarbene. Georgien ist stolz auf seine Weintradition. Südlich von Tiflis entdeckten Archäologen in Tongefäßen Wein-Überreste aus dem fünften Jahrtausend vor Christus. Noch heute wird in den Qvervi-Tongefäßen nach alter Tradition Wein hergestellt. Aber wie gut ist er? Bevor wir den ersten Schluck bekommen, sollten wir uns die Altstadt von Tiflis ansehen, findet unser Stadtführer. Ob David Nozadze ein großer Tänzer, Musiker oder Trinker ist, gilt es noch herauszufinden. Aber er ist auf jeden Fall gut zu Fuß.

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          Im alten Stadtkern stehen zwei- bis dreistöckige Holzhäuser an einem hoch aufragenden Felsen. Wein rankt sich an ihnen empor und umschlingt die Balkone im ersten Stock. Durch die Weinblätter sieht man geschwungene Holzverzierungen. Zwischen Restaurants in Upcycling- Optik, die so auch in London oder Stockholm stehen könnten, schlängelt sich das Kopfsteinpflaster bergan.

          Einst verlief hier die Seidenstraße

          Einmal weist David auf ein großes Holztor zwischen zwei Bars: „Die letzte noch erhaltene Karawanserei.“ Sie stammt aus der Zeit, als hier die Seidenstraße entlang führte und sich allerlei Volksgruppen von Osten und Westen durch den schmalen Pass ins Tal gen Tiflis drängten. Wer in die Stadt wollte, musste zunächst an den Badestätten Halt machen und sich vom Schmutz der Reise säubern. Dort, wo die natürlichen Sulfurquellen sprudeln, erheben sich noch heute die Kuppeln der öffentlichen Bäder. Darüber zischt eine Seilbahn der Kartlis Deda entgegen.

          Die 20 Meter hohe silbergraue Statue wurde in den siebziger Jahren auf dem Hügel errichtet. An ihrem Sockel sind Einschusslöcher zu sehen. Als sich Georgien 1991 von der Sowjetunion unabhängig erklärte, war sie für einige noch immer ein Zeichen der Sowjetzeit. Sie hält ein Schwert in der einen Hand (gegen die Feinde) und eine Weinschale in der anderen (für die Freunde). Auch uns steht nun der Sinn nach Wein. Dafür geht es rund 60 Kilometer nach Osten, Richtung Armenien. Der Wagen hüpft über die postsowjetische Straße. Weicht der Fahrer einem Schlagloch aus, trifft er zwei weitere. Dann biegt er auf einen kiefergesäumten Sandweg ab, hier und da ist eine Hütte zu sehen, davor ein Esel oder bunte Wäsche. Der Weg steigt an, der Wagen schnauft hinauf.

          „In der Stadt und auf den Hügelkämmen stehen alte Kirchen, denn im vierten Jahrhundert kam das Christentum zu den Georgiern, und manch eine Kirche, die immer noch genutzt wird, wurde damals erbaut. Die Stadt ist voller uralter Geschichten und wahrscheinlich auch voller uralter Geister.“

          Auf der Spitze des Bergs steht das Shavnabada-Kloster aus dem sechsten Jahrhundert. Früher war es ein strategisch wichtiger Punkt bei der Verteidigung des Landes. Der heilige Georg soll in dieser Gegend im schwarzen Mantel der Hirten erschienen sein, um die Perser zu vertreiben. Das Gewand gab dem Kloster seinen Namen. Pater Georgi, der das Kloster leitet, zeigt uns den legendenumwobenen schwarzen Mantel in der Kirche. Er selbst trägt schwarz von Kopf bis Fuß und ein schweres silbernes Kreuz um den Hals. 18 Mönche leben mit ihm hier, das Kloster ist eines der größten des Landes.

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