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Essen an Bord : Warum schmeckt Tomatensaft im Flieger besser?

Tomatensaft: In großer Höhe treten angenehm fruchtige Gerüche und süße, kühlende Geschmackseindrücke in den Vordergrund. Bild: dpa

Wie wirkt sich der niedrige Luftdruck in einem Flugzeug auf den Geschmack aus? Und wie überwindet man einen Jetlag am besten? Antworten auf Fragen, die sich vor allem Vielflieger stellen.

          Im Flugzeug zu essen verdirbt oft die schönste Ferienlaune. Für Heimreisende, die in der Ferne phantastisch getafelt haben, sind die in Aluschalen servierten Gerichte, denen man nicht unbedingt sofort ansieht, worum es sich bei ihnen genau handelt, ein kulinarischer Schock. Zumindest in der Economy Class – jedenfalls meistens. In der Business Class herrschen andere Gesetze. Nehmen wir zum Beispiel die Fluglinie Turkish Airlines, die in diesem Jahr mit etlichen Auszeichnungen bedacht worden ist: „Best Airline in Southern Europe“, „Best Business Class Onboard Catering“, „World's Best Business Class Lounge“ und „Best Business Class Dining Lounge“. Serviert werden – auf Porzellangeschirr – neben internationalen Gerichten unter anderem beliebte türkische Gerichte wie Adana Köfte (Hackfleischspieße), Manti (mit Hackfleisch oder Linsen gefüllte Teigtaschen), Karniyarik (gefüllte Auberginen) oder Yaprak Sarma (gefüllte Weinblätter). Aufgetragen werden die Gerichte von sogenannten Flying Chefs, die Kochmützen tragen. Produziert wird das Catering von Turkish Airlines seit 2007 von einem Joint Venture mit dem Wiener Caterer Do&Co.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass ein Essen in einer Höhe von 30.000 Fuß überhaupt nach irgendetwas schmeckt, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Luft ist extrem trocken, und der Luftdruck ist niedrig (er entspricht ungefähr dem Luftdruck in einer Höhe von zwei- bis zweieinhalbtausend Metern). Das verändert unser Geschmacksempfinden. Das Fraunhofer-Institut stellte bei einer im Auftrag der Lufthansa durchgeführten Testreihe mit Tomatensaft fest, dass dieser bei Normaldruck deutlich schlechter benotet wurde als bei Niederdruck. Er wurde als muffig beschrieben. Oben traten angenehm fruchtige Gerüche und süße, kühlende Geschmackseindrücke in den Vordergrund. Die sogenannte Geruchs- und Geschmackswelle liegt bei niedrigem Druck höher, man riecht die Speisen und Getränke als hätte man einen Schnupfen. Besonders der Geschmack von Salz, Zucker, aber auch Kräutern leidet darunter, während alles, was in die Geschmackskategorie Umami (fleischig, herzhaft) fällt, profitiert.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche.

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          Beispielsweise Tomatensaft, der reich an natürlichem Glutamat ist, gewinnt an Geschmack, je höher das Flugzeug steigt. Doch ganz gleich, wie gut oder weniger gut das Essen an Bord schmeckt: Der körperliche Ausnahmezustand, den das Fliegen mit sich bringt, setzt sich während der ersten Tage am Zielort fort. Zumindest dann, wenn viele verschiedene Zeitzonen durchflogen wurden. Die Symptome sind Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindel und: Verdauungsprobleme.

          Natürlich gibt es Strategien, um den Körper schnell wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Lange Zeit konzentrierte man sich hauptsächlich auf das Licht als wichtigste Einflussgröße auf unseren Biorhythmus, weshalb mancher Reisende aus Angst vor einem Helligkeitsschock bereits am Kofferband eine Sonnenbrille aufsetzt, selbst, wenn der Sonnenuntergang unmittelbar bevorsteht. Wir verfügen aber noch über eine zweite innere Uhr, die „feeding clock“. Wissenschaftler haben in Experimenten mit Mäusen, die sie in einen Jetlag-Zustand versetzten, herausgefunden, wie wichtig die Tageszeit der Nahrungsaufnahme ist. Als die Forscher die Fütterungszeiten der Mäuse veränderten, geriet deren Darmflora durcheinander. Die gute Nachricht: Unsere innere Uhr lässt sich durch die richtige Ernährung nachjustieren.

          Als das Fliegen noch Stil hatte: Schlemmen an Bord der Scandinavian Airlines System um 1950
          Als das Fliegen noch Stil hatte: Schlemmen an Bord der Scandinavian Airlines System um 1950 : Bild: INTERFOTO

          Den Körper auf Verzicht einstellen

          Bereits in den achtziger Jahren entwickelte der Biologe Charles F. Ehret vom Argonne National Laboratory in Illinois eine Anti-Jetlag-Diät, die einige Tage vor der Reise (egal, ob in Richtung Osten oder Westen) beginnt. Kurz gesagt wechseln bei dieser Diät Schlemmer- und Fastentage (Fleisch/Salat) einander ab. Koffeinkonsum ist nur zwischen 15 und 17 Uhr erlaubt. Der Körper wird, noch bevor er überhaupt auf Reisen geht, verwirrt. Ehrets 1983 erschienenes Buch „Overcoming Jet Lag“ verkaufte sich phantastisch. Sein Sohn erzählte einmal in einem Interview, dass sich der Vater vor Anfragen - von Präsident Reagan bis zur Rockband Aerosmith - kaum habe retten können. Später, 2004, modernisierten Wissenschaftler aus Boston Ehrets Diät und vereinfachten sie radikal: Zwölf bis sechzehn Stunden vor der Landung in der neuen Zeitzone gilt striktes Essensverbot. Trinken soll man während des Flugs viel, allerdings nur Wasser. Der Körper wird in einen Verzichtmodus versetzt und am Zielort neu eingestellt. Besonders in den ersten Tagen empfiehlt sich abends kohlenhydratreiche Kost, die das Schlafbedürfnis stimuliert. Morgens darf es für Fleischesser eine proteinreiche Schweinelende oder ein Puten-Sandwich sein.

          Merkwürdig ist, dass die Wissenschaftler stundenlanges Hungern im Flugzeug offenbar als ungefährlich einschätzen. Mit dem Blutzuckerspiegel sinkt auch unsere Laune – dann doch lieber eine ordentliche Portion Adana Köfte.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Woche

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