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Vegan essen : Ein gutes Gewissen hat seinen Preis

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Dieser „Truthahn“ musste nicht sterben: Rund 50 Euro kostet das fleischlose Vieh Bild: Fricke, Helmut

50 Euro kostet der fleischlose Truthahn: Wer vegan isst, ernährt sich ethisch sauber - aber teuer. Kritiker sagen: Das können sich nur Wohlhabende leisten. Zudem sei das Essen gar nicht so gesund.

          Die Tüte ist federleicht. Kein Wunder, es sind umgerechnet gerade mal 63 Gramm drin. „Kale Krunch“ steht auf der Verpackung - Grünkohl-Chips, importiert aus Kalifornien, wo Grünkohl gerade schwer angesagt ist. Statt ihn zu zerkochen und zusammen mit fettiger Wurst zu servieren, wie bei deutscher Hausmannskost üblich, wird Grünkohl an Amerikas ökologisch bewusster Küste zu grünen Smoothies püriert und als Rohkost im Salat verwendet. Auch die Veganer-Szene in Deutschland findet zunehmend Gefallen an dem Kohl. Der Trend hat allerdings seinen Preis, zumindest wenn es „Kale Krunch“ sein soll, laut Hersteller „Nature’s Green Supersnack“. 5,49 Euro kostet das Tütchen etwa bei der veganen Supermarktkette „Veganz“.

          Mehr als fünf Euro für eine Handvoll Chips? Geht’s noch? Haben die Kritiker recht, die reflexhaft über „Wohlstandsprobleme“ lästern, sobald das Thema auf vegane Ernährung kommt? Der Liedermacher Wolf Biermann sagte jüngst in einem Interview: „Arme Leute können sich solche Luxusidiotien gar nicht leisten.“ Beispiel Grünkohl: Für Veganer, die noch einen Schritt weiter gehen als die fleisch- und fischabstinenten Vegetarier und auf alle tierischen Produkte, also beispielsweise auch auf Milch, Käse, Eier, Lederschuhe und Daunenkissen, verzichten, ist er wegen des hohen Gehalts an Eiweiß, Kalzium und Eisen interessant - Nährstoffe, die Nicht-Veganer vor allem aus tierischen Produkten beziehen. So wird aus „Supersnack“ ganz schnell super-teuer, oder?

          Die Geschmäcker sind verschieden: Passanten testen den veganen Truthahn Bilderstrecke

          Klar ist erst mal: Der vegane Lebensstil boomt, auch wenn von einem Massenmarkt noch keine Rede sein kann. Angesichts wiederholter Lebensmittel-Skandale, ethischer Bedenken gegenüber Massentierhaltung und Debatten über Nachhaltigkeit und Gesundheit verliere Fleisch als Lebensmittel in Europa und den Vereinigten Staaten an Bedeutung, stellten Trend- und Zukunftsforscher im aktuellen „Food-Report 2015“ fest. „Fleisch ist die neue Beilage“, so ihre Prognose. Biomärkte verzeichnen jährlich zweistellige Zuwachsraten bei Produkten, die mit „vegan“ gekennzeichnet sind. Der Vegetarierbund (Vebu) geht davon aus, dass in Deutschland inzwischen rund 1,2 Millionen Veganer leben.

          Der typische Vegetarier ist weiblich, jung, überdurchschnittlich gebildet und lebt in einer Großstadt, wie die Uni Jena herausgefunden hat. Unter den Vegetariern und Veganern sind danach fast ein Viertel Studierende. Diese haben in der Regel kein Geld für überflüssigen Luxus. Wie die jüngste Sozialerhebung des Studentenwerks ergeben hat, geben sie im Schnitt 165 Euro im Monat für Essen aus. Das sind maximal 5,50 Euro pro Tag - so viel wie die Tüte Grünkohl-Chips kostet.

          Nichtsdestoweniger finden sich Kunden für das Trendprodukt aus Amerika: „Du musst die Sorte mit Schokolade probieren, die schmeckt am besten“, empfiehlt ein Kunde mittleren Alters im „Veganz“-Laden im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld. Das vegane Geschäft hat sich im Phoenixhof angesiedelt, einem schick restaurierten Industriekomplex mit viel Glas und Stahl, mit Tanzstudios und Architekten als Nachbarn. Die Kunden dort wirken nicht so, als kämen sie gerade von einer Vorlesung. Eine Frau im Business-Kostüm mit High Heels im Leopardenlook bestellt am Tresen einen grünen Smoothie.

          Und die Produkte? Im Tiefkühlfach gibt es „Meatless Meatballs“ aus Kanada (5,49 Euro für 360 Gramm), „Fish-Fillets with Mango Chutney“ aus Taiwan (6,99 Euro für knapp 300 Gramm), eine Tofu-Pizza (8,99 Euro) und sogar einen kompletten fleischlosen Truthahn (49,90 Euro) - beides aus den Vereinigten Staaten. „Die Sachen schmecken einfach besser“, begründet ein Verkäufer die vielen Import-Produkte.

          Die weite Reise der Lebensmittel ist jedoch nicht nur aus Umweltgründen fragwürdig; sie wirkt sich auch auf den Preis aus: „Es IST definitiv teuer“, schreibt beispielsweise die Studentin Janine, 23, in ihrem Blog „Veganine“. Und weiter: „Ein ,normaler‘ Einkauf im ,Veganz‘ würde mein Monatsbudget absolut sprengen. Vor allem Käse- und Fleischersatzprodukte haben unglaublich hohe Preise.“ Tatsächlich sind beispielsweise Steaks aus Seitan (Weizeneiweiß) teurer als echte Steaks, veganer Käse und pflanzliche Milch kosten mindestens das Doppelte der entsprechenden tierischen Produkte, und vegane Gummibärchen oder Schokolade sind reiner Luxus.

          Warum ist das so? Hanni Rützler, Autorin des „Food-Report 2015“, erklärt, vegane Lebensmittel gehörten nach wie vor zu einem Nischenmarkt, in dem noch viel Entwicklungsarbeit geleistet werde. Über Monate und Jahre hinweg würden neue Rezepte entwickelt, Maschinen gekauft und Vertriebswege aufgebaut. „Für viele Menschen sind die Produkte zudem Neuland, entsprechend aufwendig und teuer ist das Marketing.“

          Wie gesunde, vegane Ernährung auch mit knappem Studentenbudget funktioniert, zeigte Annette Greca, 29, aus Wiesbaden. In ihrem Blog „think. care. act.“ rief sie ihre Leser auf, einen Monat lang ihre Ausgaben für Lebensmittel zu protokollieren. Am Ende hatte sie Daten von 13 Teilnehmern, fast alles Studentinnen Mitte 20. Deren Ausgaben lagen bei durchschnittlich 130 Euro. Klar, Fertigprodukte vom anderen Ufer des Atlantiks sind bei dem Budget nicht drin. Und wie man an ihrem eigenen Protokoll sieht, hätten es an manchen Tagen durchaus ein paar Kalorien mehr sein dürfen.

          Als speziell vegane Produkte gab es bei Greca häufig als Brotaufstrich „Casheesio“, einen selbst gemachten fermentierten Nusskäse, und in der Nudelsoße „Braised Tofu“, eingelegten Tofu aus dem Asialaden. „Als Veganer fängt man aus verschiedenen Gründen an, Essen selbst zuzubereiten. Sei es, weil der Blick auf die Zutatenliste vermuten lässt, dass das Essen wohl aus dem Chemielabor stammt oder weil es keine vegane Option gibt“, erzählt Greca. „Schlussendlich spart man jedes Mal Geld.“ Das ist ihr vor allem beim Vergleich mit dem veganen Informatiker aufgefallen, dem einzigen Berufstätigen und Mann, der seine Ausgaben protokolliert hat. Er aß vor allem Convenience-Produkte wie Käse-, Fleisch- und Wurstersatz. Dazu kamen viele vegane Süßigkeiten und Snacks. Das Ergebnis: Mit 250 Euro lagen seine monatlichen Ausgaben fast doppelt so hoch wie die der Studentinnen.

          Voll von Aromastoffen und Geschmacksverstärkern

          Mit seinem Hang zu veganen Fertigprodukten ist er in guter Gesellschaft: Der Umsatz mit Bratlingen, vegetarischen Grillschnecken, Seitan-Schnitzeln und Tofu-Würstchen hat sich zwischen 2008 und 2012 fast verdreifacht. Aus verständlichen Gründen: Sie sind schnell fertig, erfordern beim Kochen keine große Umstellung und liefern ausreichend Eiweiß - worauf vor allem Veganer achten müssen. Edith Gätjen, Ernährungswissenschaftlerin beim Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung und selbst Veganerin, ist von Convenience-Produkten trotzdem wenig begeistert, und das nicht nur wegen der Preise: „Fleischersatzprodukte aus Soja und Seitan sind meist hochverarbeitete Lebensmittel, deren Herstellung entsprechend große Mengen an Energie verbraucht. Zudem sind Zusatzstoffe Standard: Sojasahne zum Beispiel wird oft aromatisiert und auch noch zusätzlich gesüßt.“

          Auch die Verbraucherzentrale Hamburg sieht die Fleischalternativen eher kritisch: „Veganer sollten wissen, dass viele der Lebensmittel, die sie einkaufen, keine naturreinen Produkte sind.“ Die Hauptzutaten von veganen Fertigprodukten wie Tofu oder Seitan schmecken fad und müssen aufgepeppt werden. Oft sind Fleischalternativen deshalb vollgestopft mit Aromastoffen und Geschmacksverstärkern. Vor allem bei veganem Käse erinnern die Zutatenlisten mit all ihren Stabilisatoren, Aromen und Konservierungsmitteln eher an einen Chemiebaukasten als an ein Lebensmittel. Wer im Bioladen einkauft, ist im Vorteil: Von den mehr als 300 Zusatzstoffen, die EU-weit erlaubt sind, sind bei Bioprodukten rund 90 Prozent verboten - unter anderem Farbstoffe, Süßstoffe, Stabilisatoren und Geschmacksverstärker.

          Im Bioladen kauft auch Claudia Renner, 31, Sekretärin. Sie ernährt sich seit drei Jahren vegan und bloggt über ihre Erfahrungen unter dem Titel „Claudia Goes Vegan“. Statt auf teure Fleischimitate setzt sie auf frische Gemüseküche mit überwiegend regionalen und saisonalen Produkten. Zum Frühstück gibt es bei ihr meist einen Liter grünen Smoothie, mittags im Büro entweder Brot mit Pflanzenaufstrich und Rohkost oder einen großen Salat mit Hülsenfrüchten wie Kichererbsen, Bohnen oder Linsen als Eiweißspender. Abends kommen Hirse, Kartoffeln oder Quinoa mit Gemüse auf den Tisch.

          Rezepte sind oft aufwendig

          „Wer vegan lebt, kauft in der Regel auch bio“, erklärt Stephanie Stragies vom Vegetarierbund. Die Mehrheit der Veganer verzichte zwar in erster Linie aus Tierschutzgründen auf Fleisch, gleich an zweiter Stelle stünden jedoch ökologische Gründe, die auch für Bloggerin Claudia einen hohen Stellenwert haben. Der Gang in den Bioladen liegt also nahe, macht die vegane Ernährung aber auch wieder teurer. „Claudia Goes Vegan“-Bloggerin Renner gibt für Lebensmittel pro Monat etwa 240 Euro aus und damit fast so viel wie der Informatiker, der sich überwiegend mit Fertigprodukten ernährt.

          Wer selbst kocht, gibt weniger Geld aus. Tatsächlich kochten diejenigen häufiger, die sich fleischfrei ernähren, weiß Food-Expertin Rützler. Einer, der vielen jungen Veganern das Kochen beigebracht hat, ist Attila Hildmann. Die Bücher des Vegan-Kochs finden sich regelmäßig auf den Bestsellerlisten. Doch auch Hildmanns Rezepte enthalten häufig Zutaten, die ein knappes Haushaltsbudget ordentlich beuteln. Das hochwertige Cashewmus, das er zum Überbacken einsetzt, kostet mindestens sieben Euro pro Glas. Zudem ist die Zubereitung der Rezepte oft aufwendig. Die Kritik der Leser kam beim Verlag an: Im Dezember erscheint Hildmanns viertes großes Kochbuch - diesmal mit schnellen und preiswerten veganen Rezepten. Die Wartezeit überbrückt der kostenbewusste Veganer am besten mit selbstgemachten Grünkohl-Chips; Rezepte dafür gibt es im Internet.

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