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Veröffentlicht: 30.06.2014, 09:19 Uhr

Vegan essen Ein gutes Gewissen hat seinen Preis

50 Euro kostet der fleischlose Truthahn: Wer vegan isst, ernährt sich ethisch sauber - aber teuer. Kritiker sagen: Das können sich nur Wohlhabende leisten. Zudem sei das Essen gar nicht so gesund.

von Monika Herbst
© Fricke, Helmut Dieser „Truthahn“ musste nicht sterben: Rund 50 Euro kostet das fleischlose Vieh

Die Tüte ist federleicht. Kein Wunder, es sind umgerechnet gerade mal 63 Gramm drin. „Kale Krunch“ steht auf der Verpackung - Grünkohl-Chips, importiert aus Kalifornien, wo Grünkohl gerade schwer angesagt ist. Statt ihn zu zerkochen und zusammen mit fettiger Wurst zu servieren, wie bei deutscher Hausmannskost üblich, wird Grünkohl an Amerikas ökologisch bewusster Küste zu grünen Smoothies püriert und als Rohkost im Salat verwendet. Auch die Veganer-Szene in Deutschland findet zunehmend Gefallen an dem Kohl. Der Trend hat allerdings seinen Preis, zumindest wenn es „Kale Krunch“ sein soll, laut Hersteller „Nature’s Green Supersnack“. 5,49 Euro kostet das Tütchen etwa bei der veganen Supermarktkette „Veganz“.

Mehr als fünf Euro für eine Handvoll Chips? Geht’s noch? Haben die Kritiker recht, die reflexhaft über „Wohlstandsprobleme“ lästern, sobald das Thema auf vegane Ernährung kommt? Der Liedermacher Wolf Biermann sagte jüngst in einem Interview: „Arme Leute können sich solche Luxusidiotien gar nicht leisten.“ Beispiel Grünkohl: Für Veganer, die noch einen Schritt weiter gehen als die fleisch- und fischabstinenten Vegetarier und auf alle tierischen Produkte, also beispielsweise auch auf Milch, Käse, Eier, Lederschuhe und Daunenkissen, verzichten, ist er wegen des hohen Gehalts an Eiweiß, Kalzium und Eisen interessant - Nährstoffe, die Nicht-Veganer vor allem aus tierischen Produkten beziehen. So wird aus „Supersnack“ ganz schnell super-teuer, oder?

Die Geschmäcker sind verschieden Die Geschmäcker sind verschieden: Passanten testen den veganen Truthahn © Helmut Fricke Bilderstrecke 

Klar ist erst mal: Der vegane Lebensstil boomt, auch wenn von einem Massenmarkt noch keine Rede sein kann. Angesichts wiederholter Lebensmittel-Skandale, ethischer Bedenken gegenüber Massentierhaltung und Debatten über Nachhaltigkeit und Gesundheit verliere Fleisch als Lebensmittel in Europa und den Vereinigten Staaten an Bedeutung, stellten Trend- und Zukunftsforscher im aktuellen „Food-Report 2015“ fest. „Fleisch ist die neue Beilage“, so ihre Prognose. Biomärkte verzeichnen jährlich zweistellige Zuwachsraten bei Produkten, die mit „vegan“ gekennzeichnet sind. Der Vegetarierbund (Vebu) geht davon aus, dass in Deutschland inzwischen rund 1,2 Millionen Veganer leben.

Der typische Vegetarier ist weiblich, jung, überdurchschnittlich gebildet und lebt in einer Großstadt, wie die Uni Jena herausgefunden hat. Unter den Vegetariern und Veganern sind danach fast ein Viertel Studierende. Diese haben in der Regel kein Geld für überflüssigen Luxus. Wie die jüngste Sozialerhebung des Studentenwerks ergeben hat, geben sie im Schnitt 165 Euro im Monat für Essen aus. Das sind maximal 5,50 Euro pro Tag - so viel wie die Tüte Grünkohl-Chips kostet.

Nichtsdestoweniger finden sich Kunden für das Trendprodukt aus Amerika: „Du musst die Sorte mit Schokolade probieren, die schmeckt am besten“, empfiehlt ein Kunde mittleren Alters im „Veganz“-Laden im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld. Das vegane Geschäft hat sich im Phoenixhof angesiedelt, einem schick restaurierten Industriekomplex mit viel Glas und Stahl, mit Tanzstudios und Architekten als Nachbarn. Die Kunden dort wirken nicht so, als kämen sie gerade von einer Vorlesung. Eine Frau im Business-Kostüm mit High Heels im Leopardenlook bestellt am Tresen einen grünen Smoothie.

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