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Veröffentlicht: 03.05.2016, 13:23 Uhr

Speisekarten für Frauen Wo die Frau noch Dame sein darf

Sie gilt als Relikt aus alten Zeiten, doch die Speisekarte ohne Preise für die Dame gibt es noch. Aber wo? Eine Spurensuche.

von Katharina Pfannkuch
© Getty Zwischen Galanterie und Gleichberechtigung; Welche Karte darf es sein?

Die Dame braucht noch einen Moment.“ Den diskreten Wink des Gastes versteht der Chef de Rang sofort. Lächelnd und eine Verbeugung andeutend, zieht er sich formvollendet hinter die Kulissen des Sternerestaurants zurück, in das der galante Gastgeber besagte Dame heute ausführt. Ihr gehen tausend Gedanken durch den Kopf, während sie denselben immer tiefer in die Speisekarte versenkt. Denn diese verheißt nicht nur kulinarischen Genuss auf höchstem Niveau, sondern auch eine entsprechend hohe Rechnung. Und die, das hat ihr Begleiter unmissverständlich klargemacht, übernimmt heute er.

So klein die Preise auch gedruckt sein mögen, so viele Fragen wirft ihre Höhe bei der Eingeladenen auf: Wirke ich anspruchsvoll oder eher anmaßend, wenn ich den Hummer bestelle? Ist es ungemütlich oder unkonventionell, wenn ich wenig Hunger vortäusche und eine Vorspeise als Hauptgang bestelle? Wie viel einfacher wäre es für sie, wenn es noch eine Damenkarte gäbe. Jene Karte, die Speisen, aber keine Preise aufführt und die noch im vergangenen Jahrhundert weiblichen Gästen hochklassiger Restaurants ganz selbstverständlich gereicht wurde.

Hochpreisige Restaurants sind heute Statussymbole

Während der Chef de Rang noch immer geduldig auf die Bestellung wartet, überlegt die unentschlossene Dame schon, ob sie als junge, natürlich emanzipierte Frau diesem genderpolitisch ganz und gar nicht korrekten Gastronomie-Relikt überhaupt nachtrauern darf – und ob es die Damenkarte in deutschen Spitzenrestaurants eigentlich noch gibt.

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„Wir haben Damenkarten, reichen sie aber nur, wenn zuvor ausdrücklich darum gebeten wird“, sagt Karl-Heinz Haverland, Maître im Münchner Gourmet-Restaurant „Königshof“. Unaufgefordert geschehe dies in dem mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten Traditionshaus schon seit mindestens achtzig Jahren nicht mehr: „Darüber würden sich wohl auch einige Damen ziemlich empören und mich als Chauvinisten bezeichnen“, vermutet Haverland lächelnd: „Die Zeiten, in denen Frauen grundsätzlich nichts mit der Rechnung zu tun hatten, sind lange vorbei.“ Heute sei die Karte nur noch eine Geste des – oder der – Einladenden, um bei den Gästen erst gar keine Hemmungen aufkommen zu lassen.

Carolin Grosch, die den Service des 2013 eröffneten „Les Solistes by Pierre Gagnaire“ im „Waldorf Astoria“ Berlin leitet, sieht das genauso. Im „Les Solistes“ reiche man die Damenkarte ebenfalls nur auf Wunsch. Der werde meist schon bei der Reservierung geäußert; höchstens zweimal im Monat komme das noch vor. Hohe Preise führten immer seltener zu Scham, sondern vielmehr zu Stolz, beobachtet Grosch: „Der Besuch gastronomischer Spitzenadressen ist heute ein Statussymbol, auch für Frauen. Sie schämen sich nicht dafür, sich selbst und ihren Gästen etwas Besonderes zu gönnen.“

Sternerestaurants sind noch Orte altbürgerlicher Traditionen

Das Dresdner Restaurant „Moritz“ hingegen ist eines der wenigen Häuser in Deutschland, in denen weibliche Gäste in männlicher Begleitung unaufgefordert die Damenkarte erhalten. „Es ist ein bisschen altmodisch“, sagt Restaurantleiterin Loretta Meister, „und gerade jüngere Gäste fragen auch schon einmal nach, was es mit den unterschiedlichen Speisekarten auf sich hat. Zu Unmut oder Problemen hat die Damenkarte bei uns aber noch nie geführt.“ Stelle sich heraus, dass die Dame ihren Begleiter einlädt, tausche man die Karten schnell aus: „Unsere weiblichen Gäste kommentieren das meist mit einem souveränen Lächeln.“

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