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Veröffentlicht: 12.06.2017, 10:30 Uhr

Drinks zum Grillen Griffiger Alkohol

Eiswürfel im Weinglas und derlei sonst Undenkbares – in der Hitze dieser Tage geht so einiges. Aber ein paar Regeln sollte man befolgen.

von Stuart Pigott
© dpa Der Wein zum Steak sollte an einem Grillabend gut gewählt sein - und auf keinen Fall warm.

Nie sind die Deutschen entspannter als bei ihrem sommerlichen Ur-Ritual: dem Grillen. Auch wenn Wein, historisch betrachtet, kein so grundsätzlicher Bestandteil dieses Brauchtums ist wie das Bier, so ist er während der letzten Jahrzehnte nicht nur problemlos integriert worden, sondern hat als Newcomer beim heiligen deutschen Grillen von dieser Stellung sogar ganz erheblich profitiert. Das heißt: Der gegenwärtige lockere Umgang vieler Deutscher mit dem Wein hat sich aus dem Grillabend heraus entwickelt.

Wahrscheinlich kommt nun der Einwand, der britische Weinkolumnist dieser Zeitung habe ganz offenbar nicht wahrgenommen, mit welchem perfektionistischen Ernst der deutsche Grillmeisters seine Aufgabe versieht, und könne die Konventionen, die das gesamte Zeremoniell bestimmen, daher gar nicht richtig verstehen. Es mag sein, dass mancher Grillmeister im Umgang mit Würsten und Fleisch eine gewisse Zwanghaftigkeit an den Tag legt.

Der Herrscher über den Grill und sein Hofstaat

Ein deutscher Grillabend aber besteht nicht nur aus ihm, dem Herrscher über den Grill; ihn umgeben immer Menschen, die – zumindest vorübergehend – alle zwanghaften Verhaltensmuster ablegen. Das ist der Sinn der Übung und auch der Grund dafür, dass die Situation des Grillens vielen Menschen ihre Hemmungen nimmt, gerade auch beim Thema Wein. In dieser besonderen Auszeit hat kaum einer Angst, beim Thema negativ aufzufallen, wie es im normalen Leben oft der Fall ist.

Das, wie auch die besondere Art der Speisen, ist der Grund, warum das Thema Wein zum Grillen anders behandelt werden muss als etwa Wein zum Spargel oder Wein zum Rehrücken. Beim Grillen geht es ausnahmsweise und ganz und gar darum, welcher Wein zum Moment und zur Situation passt. Deshalb ist ein Wein, der Ihrem persönlichen Geschmack entspricht, weitaus empfehlenswerter als einer, der von Experten für optimal gehalten wird. Falls Sie am liebsten süßen Riesling oder feinherben Rosé trinken, dann tun Sie das beim Grillen ganz einfach.

Die Kühlbox, der wahre Segen

Was aber nicht passt, sind logistische Dinge, die schieflaufen. Bei 30 Grad ist warmer Wein genauso wenig vergnüglich wie warmes Bier, und umso höher die Temperatur, desto dümmer ist das. Ganz erstaunlich, wie auch hochintelligenten Menschen dieser simple Fehler immer wieder unterläuft. Eine Kühlbox mit Kühlelementen ist ein wahrer Segen beim Grillen, wenn der Kühlschrank außer Reichweite ist, um sämtliche Weine bei einer guten Trinktemperatur zu halten.

Das trifft beim Rotwein ganz besonders zu, denn umso wärmer der Wein ist, desto mehr schmeckt man den Alkohol. Rotwein enthält oft 13 bis 14 Prozent Alkohol, was bei 30 Grad Außentemperatur ganz schön brennen kann in der Kehle. Beim Grillen führt der traditionelle Hinweis, „Rotwein bei Zimmertemperatur zu servieren“, leider häufig zu diesem Horrorszenario. Also auch die Rotweinflaschen bitte zumindest leicht kühlen (10 bis 15 Minuten im Kühlschrank), ab in die Kühlbox damit und eventuell zurück in den Kühlschrank, falls sie zu warm werden.

Flaschen müssen sich kühl anfühlen

Beim Weißwein besteht die Hauptgefahr darin, dass angebrochene Flaschen zu lange auf dem Tisch oder der Picknickdecke herumstehen und aus den anfänglichen fünf, acht oder zehn Grad über 20 werden. Es mag sich um einen rein psychologischen Effekt handeln, aber wir empfinden sowohl Weißwein als auch Wasser und Bier als erfrischender, wenn sie richtig kühl sind.

Das ist sogar wichtiger für den Trinkspaß als die Frage, ob der Wein aus einem echten Glas oder einem Plastikbecher getrunken wird. Zu Hause ist ein Weinthermometer eine prima Sache, doch an einem Grillabend geht es leicht verloren. Einfacher ist das „eingebaute“ Thermometer: Einfach eine Flasche in die Hand nehmen; wenn sie sich nicht kühl anfühlt, ist sie zu warm.

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Auch gegen Eiswürfel im Weinglas ist am Grillabend gar nichts einzuwenden. Sicherlich verdünnt geschmolzenes Eis den Wein, aber wissenschaftlich betrachtet, schmeckt das Ergebnis immer noch wie der Wein, bis der Wasseranteil über 30 Prozent steigt. Dieser Umstand führt auch zu den zwei Arten von Weinschorle: die mit 70 Prozent oder mehr Weinanteil, die nach dem Wein schmecken, und jene mit deutlich mehr als 30 Prozent Wasseranteil, die geschmacklich vom Sprudel dominiert sind. Auch hier gilt: Was passt und schmeckt, ist richtig, aber Wissen hilft bei der Wahl der Mischung.

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