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Naturwein : Revolution in Orange

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Von Tiefgelb bis Dunkelorange: Biologisch erzeugte Weintrauben verändern schon bei der Gärung und Lagerung ihre Farbe auf ungewöhnliche Weise Bild: Pein, Andreas

Drei Farben hat der Wein: Weiß, Rosé, Rot. Und jetzt eine vierte: Orange. Was kann das Naturprodukt, das die Weinwelt polarisiert? Und woher kommt seine Farbe?

          Endlich sind die Winzer dort angekommen, wovon sie Generationen nur träumen durften. Sie sind in der Lage, fruchtig-frische und saubere Weine zu erzeugen. Moderne Weine begeistern die Sinne durch blitzsaubere, kristallklare Aromen wie ein zur Wirklichkeit gewordener Traum ewiger Jugend. Doch in letzter Zeit wankt das Idealbild des fruchtbetonten Weißweins. So mancher Weinfreund hat sich schon verwundert die Augen gerieben, als ein Wein das Glas in leuchtendem Orange füllte und er mit Düften von Walnüssen und Sherrynoten in die Nase stieg. Was ist da passiert? Ein Unglück?

          Nein, dieser Wein ist kein Unfall. Der Winzer wollte ihn genauso haben. Und weil er nicht ins übliche Raster passt, wird er als „Orange-Wein“ bezeichnet. Diese neue Kategorie polarisiert enorm. Gegner dieses Stils bezeichnen die neuen Winzer als Chaoten, und sie werfen ihnen vor, die herrlichen Erneuerungen des modernen Weinbaus über den Haufen zu werfen. Orange-Winzer gelten als Abtrünnige, deren Ideen nur Irrtümer seien. Und so manchem Weinkritiker ist der Kragen geplatzt, wenn er die Orange-Weine als Plage oder Pest, als oxidierte Brühe oder vergammelte Gemüsekisten abtut. Dabei machen die Orange-Winzer auch nichts anderes als andere Winzer: Sie ernten Trauben und machen daraus Wein.

          Kein Sklave der Weinindustrie sein

          In den neunziger Jahren fragte sich eine kleine Gruppe von Winzern, ob es nicht eine Alternative zum technikorientierten Weinbau geben könne, um das enge Korsett des modernen Weinmachens abzuwerfen und auf die absolute Kontrolle über alle mikrobiologischen Prozesse bei der Gärung und Lagerung zu verzichten. Der entscheidende Impuls ging von einigen Winzern der slowenischen Minderheit im norditalienischen Friaul aus. Sie brachen aus, obwohl sie mit ihren Weinen mehr als erfolgreich waren. Aber so ähnlich konnte man diese Weine auch in Kalifornien, Neuseeland oder anderswo auf der Erde produzieren. Genauso perfekt und glatt und austauschbar. So kam es, dass die ersten Winzer den Pfad der Tugend verließen, um nach Identität und Selbstbestimmtheit ihres Handelns zu suchen.

          Der bekannteste Protagonist dieser Pioniere des Friaul heißt Josko Gravner, dem die Weine seiner Verwandten in Slowenien irgendwann besser schmeckten als seine eigenen, die in der Weinszene als Ikonen gehandelt wurden. „Ich wollte keinen Wein mehr machen, der zwar gut ist, aber die Natur leiden lässt und mich zu einem Sklaven der Weinindustrie macht“, sagt Gravner. Und so entschloss er sich, Schluss zu machen mit internationalen Rebsorten, mit Kunstdünger und Fungiziden im Weinberg; mit gefliesten Wänden und penibler Chlorhygiene im Keller; mit Reinzuchthefen und computergesteuerter Kaltvergärung. Er warf die inerten Edelstahltanks und die Barriques aus neuen französischen Eichenholzfässchen einfach aus seinem Keller und verzichtete am Ende der Lagerung auch noch auf Filterung und sterile Abfüllung.

          Eine Bandbreite von fruchtig bis Sickergrube

          Den entscheidenden Impuls für den neuen Weg bekam Gravner ausgerechnet in Georgien, dem vielleicht rückständigsten Weinland der Welt – mit in die Erde eingelassenen Tonamphoren, Ganztraubenfermentation bei Weißweinen ohne Hefezusatz, keinen Pressen oder Pumpen, dafür mit monatelangem Maischekontakt, keiner Schönung des Weins, keiner Filtration. Nachdem er die original georgischen Tonamphoren daheim in seinem Keller eingegraben hatte, besann er sich wieder auf die autochthone Sorte Ribolla Gialla. Und nach drei Jahren harter Arbeit war es endlich so weit: Mit seinen neuen Weinen in der Farbe Orange hat Josko Gravner seine Anhänger vor den Kopf gestoßen. Aus einschlägigen Wein-Guides wurde er verbannt, die Händler verabschiedeten sich. Doch heute, 20 Jahre später, gibt es in ganz Italien, in Slowenien, Kroatien, Österreich, der Schweiz und sogar in Deutschland Winzer, die sein Thema aufgegriffen haben.

          Eine kleine Gruppe von Weintrinkern und Erzeugern hat sich zusammengeschlossen und die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentiert. Fünfzehn von ihnen gaben sich im vergangenen Dezember in der „Ankermühle“ zu Füßen des Rheingauer Johannisbergs ein Stelldichein mit dem ersten „Orange Wines Symposium Deutschlands“. Normalerweise würde es bei einer derartigen önologischen Leistungsschau heißen: „Die Weine der ausstellenden Betriebe lagen qualitativ dicht beieinander.“ Doch was ist schon normal bei „Orange Wines“, bei denen gegen alles Schulwissen vinifiziert wird? Die stilistische Bandbreite der Weine und ihre qualitative Streuung war groß, schließlich gibt es kein Rezept, kein Dogma und wenig Erfahrung mit den Methoden der Orange-Wein-Produktion. So kam es, dass die Eindrücke der verkosteten Weine von konventionell über grandios bis hin zu beinahe ungenießbar reichten. Von fruchtigen Weinen über elegant sherryartig bis hin zu Anklängen von Sickergrube reichte die Bandbreite.

          Da zeigte sich auch, dass die Tradition der Orange-Weine in den modernen Weinbauländern noch jung ist, auch wenn man vermuten kann, dass der Wein der Antike nach diesen Prinzipien erzeugt wurde. Heute arbeiten viele Orange-Winzer mit biologisch erzeugten Weintrauben, die bei Gärung und Lagerung einen orangefarbigen Ton annehmen, der an trockenen, reifen Sherry erinnern kann. Durch den Verzicht auf Schwefelung der Trauben vor und während der Gärung und eine teilweise Lagerung mit den Traubenschalen oxidiert die Weinfarbe und tendiert nach Tiefgelb, Ocker bis ins dunkle Orange.

          Außergewöhnlich talentierte Essensbegleiter

          Eine besondere Herausforderung bei der Gärung ist die Mikrobiologie. Vermehren sich die falschen Hefen oder wird gar kein Schwefel zugesetzt, können Duftkomponenten entstehen, die an Ammoniak, nasse Wolle oder vergammeltes Gemüse erinnern. Geht die Sache gut, entstehen im Idealfall exzellente Weine. Gerade die extremen Interpretationen (und Experimente) reizen die Gegner der Orange-Weine, weshalb sie die neue Bewegung als antiautoritären Kinderkram ansehen.

          Was hat der Weintrinker von diesen Beiträgen zur Weinwelt zu erwarten, wenn ein paar „Grapefreaks“ in neue Galaxien vordringen? Man könnte sagen, dass die Winzer auf ihrer waghalsigen Mission das dritte Geschlecht beim Wein entdeckt haben. Es sind Weißweine, die, wenn man sie mit geschlossenen Augen probiert, locker als Rotwein durchgehen. Sie gehen weg von der kristallklaren Frucht, weg von der brillanten Säure, weg vom blitzblanken und glasklaren Auftritt. Stattdessen bieten sie opulente Mundgefühle, oxidative Noten, die an Sherry, Walnüsse und Kakaopulver erinnern, verbunden mit einem oft ungewöhnlichen Gerbstoffgerüst, das diese Weine ihren langen Maischekontaktzeiten verdanken.

          Ein ganzes Bündel an Eigenschaften begegnet einem in diesen Weinen, ein von allen gelernten Standards abweichendes Aromenspektrum von Radicchio, Wermut, Pomeranze und Seetang bis hin zu frischer Ingwerwurzel, Kölnisch Wasser, Sellerie und Meerrettich. Wer mag, der kann in den „Orange Wines“ nicht nur eine bewusstseinserweiternde Wirkung sehen, sondern auch außergewöhnlich talentierte Essensbegleiter finden, die dort passen, wo andere Weine nicht mehr können.

          Eine Auswahl von Weingütern, die auf der orangefarbenen Welle reiten

          Weingut Stekar: Janko Stekar aus Slowenien ist Biodynamiker. Seine Cuvée Repiko aus dem Jahr 2008 setzt er aus den Sorten Picolit (zehn Prozent) und Riesling (90 Prozent) zusammen. Der tief bernsteinfarbene Repiko hat eine drei- bis vierwöchige Maischegärung in offenen Bütten absolviert. Danach reift er für drei bis vier Jahre in großen Akazienfässern und wird erst vor der Füllung geschwefelt. Das hinterlässt Spuren, die sich in einem ausgesprochen weichen Mundgefühl bündeln, das von cremiger Säure flankiert wird. Im Duft- und Geschmacksbild tauchen Spuren von gerösteten Maronen auf, Löwenzahnblüten, Limettenschale und erdige Akzente, die an sonnengewärmten Boden erinnern. Das Ganze wird von feinen, abgerundeten Gerbstoffen begleitet.

          Weingut Clai: Giorgio Clai aus Kroatien produziert biodynamische Weine in Istrien. Seine Cuvée „Ottocento Sv. Jakov“ ist ein reinsortiger Malvasia. Der 2011er ist nach drei Monaten Maischegärung und -lagerung in offenen Bütten sowie anschließender Reifung im großen Holzfass ein großzügiger Wein, der nach Honig duftet, Thymian und Rosmarin. Gerbstoffbetont und sehr nachhaltig (etwa 25,90 Euro).

          Weingut Roxanich: Der 2008er „Antica“ ist ein klassischer Orange-Wein aus der weißen Malvasia-Traube. Nach sechs Monaten Lagerung in der Amphore mit den Beerenschalen präsentiert er sich überraschend frisch, anhaltend und reif mit Frucht und großer Kraft. Er zeigt kaum Oxidation und verfügt über eine feine Gerbstoffstruktur - ideal als Essensbegleiter. Ein Wein für Querdenker - und Quertrinker (etwa 24,90 Euro).

          Weingut Princic: Dieses Haus aus dem italienischen Friaul überzeugt mit seinem 2009er „Bianco Trebez“ aus Chardonnay, Sauvignon und Pinot grigio. Nach zehn Tagen Maischegärung und Lagerung in Holzfässern und einer Schwefelung erst vor der Füllung kommt er als reifer und ausladend barocker Wein ins Glas. Enorm lang und mit griffigen Gerbstoffen - aber sicher auch polarisierend (etwa 29,90 Euro).

          Weingut Radikon: Radikon ist einer der wichtigsten Orange-Winzer im italienischen Friaul. Seine Weine sind mikrobiologische Grenzgänger, sehr polarisierend und stoßen deshalb häufig auf Ablehnung. Der Oslavia 2004 hat keine Frucht, dafür reichlich Gerbstoff, wirkt herb und anhaltend und bringt eine radikale Säure ins Glas (etwa 21,90 Euro).

          Weingut Mathier: Amédée Mathier aus der Schweiz hat sich bei seinem „Amphore“ 2009 für die Rebsorten Resi und Ermitage entschieden. Er duftet nach getrockneten Aprikosen und Honignoten, Oloroso-Sherry sowie getrockneten Kamillenblüten. Einerseits ist die „Amphore“ alkoholisch-kraftvoll und fast salzig, andererseits zeigt sie getrocknete Früchte und Quitten mit Aromen von schwarzem Tee (etwa 60 Euro).

          Weingut Braunewell: Das Weingut Braunewell aus Rheinhessen bringt einen exzellenten, mineralischen, beinahe rauchigen 2012er Sauvignon blanc in die Flasche, der sich mit den angesehensten Vertretern von der Loire messen kann. Auch hierzulande gibt es eben Winzer, die mit einzelnen Methoden der Orange-Wein-Produktion experimentieren. Meist handelt es sich um Weißweine, die längere Zeit auf der Maische gären und lagern und in Kleinstserie hergestellt werden.

          Weingut Espenhof: Das Weingut Espenhof aus Rheinhessen zeigt einen sieben Tage lang mit Schalen vergorenen Gewürztraminer, in Barriques gereift und ungefiltert abgefüllt. Knochentrocken, fast salzig, erinnert er an Blutorangen und Kräutern. Ein rundum komplexer Wein.

          Weingut Ankermühle: Jörn Goziewski von der Rheingauer „Ankermühle“ arbeitet seit ein paar Jahren mit auf der Maische vergorenen Rieslingen. Der 2011er „Jesus“ (aus der Lage Jesuitengarten) hat eine goldgelbe Farbe, ist knochentrocken, hat eine pikante Säure, ist sehr nachhaltig. Der 2013er Jahrgang hat mindestens zwei Monate auf der Maische gelagert.

          Quelle: F.A.Z.

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