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Veröffentlicht: 31.01.2017, 11:28 Uhr

Social Dining Jetzt Mahl ehrlich

Social-Dining-Konzepte boomen in den größeren Städten. „Story-Teller“ ist mit seinem Speed-Dating-Charakter eines davon. Unsere Autorin war bei einem Event dabei.

von Sarah Boeck
© May am Ufer Mithilfe von Frage-Kärtchen kommt man beim „Story Teller“ ins Gespräch.

Ein Freitagabend in Berlin. Vor dem Neuköllner Restaurant „May am Ufer“ versammeln sich rund 40 Teilnehmer des Dinner-Events „Story-Teller“ und warten darauf, dass es los geht. Obwohl man sich in wenigen Minuten gegenseitig persönliche Details aus dem eigenen Leben erzählen wird, werfen sich die meisten zunächst eher zaghafte Blicke zu. Erleichterung macht sich breit, als Restaurantbetreiberin Cornelia Schulze per Glockenklingeln alle hereinbittet.

Seit 2015 soll das Format des „Story Tellers“ in vielen deutschen Großstädten mehr zwischenmenschlichen Austausch stiften. Für das Konzept macht sich die Initiatorin Katrin Frische ein verbindendes Element zunutze: ein gemeinsames Essen. Forschungen im Bereich der Ernährungssoziologie zeigen, dass durch gemeinsames Essen nicht zuletzt das jeweilige Werte- und Normverständnis vermittelt wird. Und in Zeiten von Foodporn drückt die eigene „Ess-Lebensgeschichte“ zudem aus, worauf man Wert legt.

Gespräche sollen angeregt werden

Bei dem Dinner geht es jedoch nicht darum, sich über geschmackliche Vorlieben auszutauschen. Vielmehr garniert die Initiatorin jeden Gang mit ausgewählten biographischen Fragen, die den Teilnehmern als Gesprächstreiber dienen sollen. Zunächst aber weiht Gastgeberin Schulze ihre Gäste in den Ablauf des Abends ein. Nachdem der Aperol Spritz zur Eröffnung die Zunge etwas gelockert hat, sollen wir uns alle mit drei beschreibenden Begriffen vorstellen. „Neugier“, „Reisen“, „Sehnsucht“, „Verlässlichkeit“, „Inspiration“, „Fernweh“ und „Heimat“ sind Begriffe, die von mehreren Teilnehmern gewählt werden.

Als erste Gesprächspartnerin sitzt mir Mandy gegenüber. Die Enddreißigerin ist extra aus Brandenburg nach Berlin gekommen, um an dem Dinner teilzunehmen. Bevor wir das erste Fragekärtchen umdrehen, unterhalten wir uns schon sehr intensiv. Ich habe das Gefühl, sie und ihre Lebensentscheidungen verstehen zu können. Sie erzählt davon, wie es ist, noch mal von vorn anzufangen. Nicht, weil man muss, sondern weil einen verschiedene Lebensfacetten reizen. Warmes Kerzenlicht, weiße Tischdecken und holzgerahmte Wandbilder mit floralem Muster schaffen eine heimelige Atmosphäre, die nicht durchgängig zu unseren teils unbequemen Wahrheiten passen will. Dennoch fühlen wir uns wohl. Nicht zuletzt, weil das rauschende Murmeln der anderen Gäste irgendwie beruhigt. Die Luft hängt voller Geschichten.

Alle 20 Minuten ein neuer Gesprächspartner

„Draufgänger oder Hasenfuß? Wie würdest du dich beschreiben?“, lautet die erste Frage, die ich vom Kärtchen vorlese, während wir einen Wildkräuter-Wurzelsalat mit Ahorndressing als Vorspeise serviert bekommen. Wir kichern geschwisterlich, als wir feststellen, dass es diesen Aufhänger nicht unbedingt gebraucht hätte, damit wir ins Gespräch kommen. Noch während wir, als unsere gemeinsamen 20 Minuten um sind, aufstehen und jede einen Platz nach links aufrückt, sprechen wir darüber, was wir beruflich machen. Diese Frage soll jedoch die Ausnahme bleiben an dem Abend.

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Dass sich Annäherungen à la „Was machst du so? Beruflich, meine ich“, beim „Story Teller“ nicht durchsetzen, reizt Teilnehmer Michael besonders. Er ist an dem Abend einer von vier Exoten der Spezies „Mann“, die seltener bei diesem Event anzutreffen ist. Auch wenn der zeitliche Ablauf des Konzepts ein wenig an Speeddating erinnern mag, steht der Flirt-Aspekt nicht im Vordergrund. Es würde auch an Vielfalt mangeln, wie Frische bedauert. „Vielleicht fürchten die Männer, sich zu sehr offenbaren zu müssen. Dabei entscheidet jeder selbst, wie intensiv der Austausch sein soll. Schade, denn es nehmen jedes Mal viele interessante Frauen teil. Dem einen oder anderen entgeht da bestimmt etwas“, beschreibt sie das ihrer Meinung nach ungenutzte Dating-Potential.

Aufeinander einlassen und Essen genießen

Für Hauptstädter Michael geht es an dem Abend aber vor allem darum, die Sinne über den Geschmack hinaus mal wieder herauszufordern. Mit dieser Wahrnehmung spricht er den Veranstaltern aus dem Herzen. Der „Story Teller“ zielt darauf ab, dass man sich frei von Vorurteilen aufeinander einlässt und gemeinsam genießt. Allerdings zieht dieses Format eben auch Charaktere an, die Beachtung lieber empfangen, als sie zu geben. Zwischen Vorspeise und zweitem Gang stellt mir ein anderer Gast Fragen, die er vor allem dazu nutzt, um mir seine Sicht der Dinge ausführlich darzulegen. Mein Magen knurrt. Ich schiele auf meine dampfende Hauptspeise und beschleunige mit nickenden Gesten das Gespräch, um schnell Platz nehmen zu können.

44478470 © May am Ufer Vergrößern „Wofür bist du dankbar?“, aber auch „Was würdest du wagen, wenn dir die Welt offenstünde?“.

Bei meiner nächsten Tischdame Janine und mir ist das Verhältnis beim Redeanteil recht ausgewogen. Allerdings fällt es schwer, sich nach dem ersten intensiven Gespräch gleich noch mal aktiv auf die Geschichten eines fremden Gegenübers einzulassen. Zur nicht-veganen Variante eines herzhaft angerichteten Quinoa-Pilaws mit Garnelen und Erbsen in Safransauce kommen wir nicht über eine allgemeine, aber angeregte Plauderei hinaus. Es macht jedoch Spaß, eine gemeinsame Motivation für unsere Teilnahme festzustellen.

Anonymität und Schnelllebigkeit der Städte

Als Antwort auf die zweite Frage des Abends – „Wann hast du dich zuletzt klar gegen etwas ausgesprochen?“ – teilen wir die Ansicht, dass Weitläufigkeit und Hektik dazu verleiten, in Berlin oberflächlicher miteinander umzugehen. „Man lernt jemanden beim Ausgehen kennen, erlebt einen tollen Abend, und dann geht man wieder auseinander. Das finde ich immer so schade“, beschreibt die zweifache Mutter ihre oftmals flüchtigen Bekanntschaften.

Initiatorin Frische kann diese Überlegungen nachvollziehen. Ihr Konzept findet vor allem in größeren deutschen Städten Anklang, weil es der dortigen Anonymität und Schnelllebigkeit etwas entgegensetzt. „Viele Menschen suchen reale Momente der Verbundenheit. Sie möchten auch in der großen Stadt ein Stück weit das Gefühl von Zuhause haben“, beschreibt sie den Sehnsuchtsraum, den der „Story Teller“ besetzt.

Bleibende Kontakte

Beim dritten Gang steht es den Gästen frei, sich selbst einen Gesprächspartner auszusuchen. Ich setze mich zu Lynn. Die platinblonde Mitfünfzigerin blieb mir mit ihrem schnörkellosen Pixie-Cut und der auffälligen, schwarzgerahmten Brille aus der Vorstellungsrunde besonders im Gedächtnis. Nicht zuletzt, weil einer ihrer drei Begriffe „Burlesque“ war. Als ich sie frage, was es damit auf sich hat, entgegnet sie mir leicht aufbrausend, dass es sie langweile, dass sie jeder danach fragt: „Wo bleibt der Pep bei diesen Gesprächen?“ Genüsslich löffle ich meinen Schokokuchen mit Crème-fraîche-Eis und mexikanischer Vanille, während sich unserem Gespräch drei weitere Teilnehmerinnen anschließen.

Obwohl es uns nicht an Themen mangelt, drehen wir der Vollständigkeit halber die Karte mit der dritten Frage um. „Was würdest du wagen, wenn dir die Welt offenstünde?“, steht darauf geschrieben. Lynn rollt ironisch mit den Augen. Wir lassen diese Antwort offen und debattieren stattdessen darüber, was so ein Abend braucht, damit er uns im Gedächtnis bleibt. „Wichtig sind nicht die Themen oder Fragen, wichtig ist, dass man menschlich miteinander schwingt“, beschreibt Lynn den Erfolgsfaktor. Unsere Damenrunde nickt zustimmend. Ein paar der Geschichten, die wir uns gegenseitig erzählen, werden gefühlt erst an diesem Abend so richtig real.

Es ist zwölf Uhr. Das „May am Ufer“ leert sich. Alle verabschieden sich freundlich voneinander, einige äußern positives Feedback. Die Restaurant-Mitarbeiter klappern mit den restlichen Tellern in die Küche. Lynn bietet an, ein paar von uns mit dem Auto mitzunehmen. Statt am Kreuzberger Mehringdamm auszusteigen, verquatschen wir uns zu gesetztem Blinker. „Wollen wir noch einen trinken gehen?“, fragt Lynn. Wir parken vor der nächsten Bar. Über das Dinner hinaus sind wir uns seitdem schon ein paarmal ganz absichtlich begegnet. Vom „Story Teller“ kann also durchaus mehr übrig bleiben als ein paar Geschichten von Menschen, die man nicht kennt.

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