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Virtueller Gemüsegarten : Drag, Drop, Salatkopp!

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Sieht aus wie ein Browser-Spiel ist, es aber nicht. Mit IPGarten kann man seinen echten Garten im Internet steuern. Bild: IPGarten GmbH

Online gärtnern, echtes Gemüse bekommen: „IPGarten“ erinnert an den Klassiker Farmville – doch es steckt mehr dahinter. Sieht so die Zukunft des Schrebergartens aus?

          Auf den ersten Blick erinnert die Benutzeroberfläche an ein Farm-Computerspiel aus den Nuller-Jahren. Eine cartoonartige, braune Ackerfläche in der Mitte des Bildschirms wartet darauf, bepflanzt zu werden. Drum herum ist vereinfacht eine grüne Landschaft dargestellt, im Hintergrund steht ein kleines Häuschen mit der Aufschrift „Hof-Verkauf“. Rechts liefert ein Holzschild Wetter- und Bodendaten. Heute: bewölkt. Am unteren Rand reihen sich Gemüse-Symbole aneinander, darunter Zucchini, Eisbergsalat, Sellerie, Kürbis. Per drag and drop landen sie ruck, zuck auf dem Feld. Doch im Gegensatz zu einem Browsergame ändert sich in diesem Moment nicht nur virtuell etwas. Das Gemüse wird nach dieser Vorgabe auch analog angepflanzt. IRL. Denn der Acker, der online bei „IPGarten“ zu sehen ist, befindet sich in Wirklichkeit mitten in Sachsen-Anhalt.

          Etwa fünf Jahre ist es her, dass der Mann hinter der Idee des Berliner Startups, Martin Kruszka, für sich privat nach einer Lösung suchte, um den Garten seines Wochenendhauses im Havelland auch von Berlin aus wachsen und grünen zu lassen. Bewässerungssysteme müssten sich doch auch aus der Ferne steuern lassen, dachte er sich, installierte Zeitschaltuhren für Sprinkleranlagen und befestigte Überwachungskameras. Aus dem kleinen Experiment entwickelte sich schließlich ein größerer Gedanke: Wie wäre es, wenn andere Berliner, denen es an Zeit oder eigenem Garten mangelt, virtuell etwas anpflanzen könnten und es dann in der Realität umgesetzt würde? Bei seiner Recherche stolperte Kruszka auch über die Klassiker der Online-Farmgames, Farmville und Farmerama, die ihn zu der fast schon niedlichen Optik für sein Startup inspirierten. 2016 gründete er schließlich zusammen mit seinem Studienkollegen Torsten Hütter IPGarten.

          „Wir gehen davon aus, dass Martin als Erster ein solches Konzept entwickelt hat“, erklärt Thiemig, einer der Geschäftsführer von IPGarten. Die Umsetzbarkeit des Ganzen testete das Team zunächst auf der Fläche von Kruszkas Garten. Zuerst nur mit Freunden und Familie, vergangenes Jahr zum ersten Mal mit 40 Bezahlkunden. 130 Kilometer von Berlin entfernt entstand ein Ort, der einer Mischung aus buntem Biotop und Hochsicherheitstrakt ähnelt. In regelmäßigen Abständen stehen mit Kameras ausgestattete Masten, die die Beete überwachen; gleichzeitig wachsen und gedeihen die unterschiedlichsten Pflanzenarten. Dieses Jahr umfasst das IP-Feld bereits 400 Parzellen und einen Hektar Fläche.

          Sind Möhren, Zucchini und Co reif, bringt sie ein Kurier

          Im Gegensatz zum richtigen Schrebergärtner müssen die Berliner Kunden des Start-ups ihre Hände nicht mehr in die Erde stecken, sondern sie nur noch ans Smartphone halten. Wer eine der 16 Quadratmeter großen Gartenparzellen mietet, kann sein Feld per Mausklick bepflanzen. Dabei stehen 50 verschiedene Gemüse-, Kräuter-, aber auch Blumensorten zur Auswahl. Denn ein Quadratmeter pro Beet soll den Bienen dienen. Über eine Webcam – der Bildausschnitt und die niedrige Auflösung sind noch ausbaufähig – lässt sich das aktuelle Geschehen im eigenen Garten und auf dem Gelände beobachten. Ein Bodensensor übermittelt die wichtigsten Informationen über den Boden- und Pflanzenzustand, etwa, ob gegossen oder gedüngt werden muss. Sind Möhren, Zucchini und Co. schließlich reif, bringt sie ein Kurier einmal wöchentlich nach Berlin. Die Kunden sollen einen eigenen Garten haben, aber die schwere Arbeit machen andere, so die Idee der Gründer.

          Andere, das sind in diesem Fall die Gärtner vor Ort. Da im Team von IPGarten selbst keine ausgebildeten Landwirte arbeiten und der Spagat zwischen Gartenbewirtschaftung und administrativen Aufgaben im vergangenen Jahr kaum zu bewältigen war, hat sich das Start-up für diese Saison mit Kooperationsbauern aus Sachsen-Anhalt zusammengeschlossen. „Wir dachten, andere können das Bewirtschaften viel besser, nämlich die, die das schon lange machen“, sagt Thiemig. Familie Wöllner vom Landhof Lindenberg, die sich nun um die IP-Gärten kümmert, betreibt seit 25 Jahren biologischen Anbau.

          So sieht online gezüchtete Kiste Gemüse bei „IPGarten“ aus.

          Gefördert wird das Start-up über Bundesmittel des Landes Sachsen-Anhalt im Zuge des Modellvorhabens „Land(auf)Schwung“. Die Region möchte sich wirtschaftlich weiterentwickeln, Landflucht verhindern. Projekte, die Digitalisierung und Landwirtschaft vereinen, sind da von besonderem Interesse. Für die Bauern offenbart sich, gerade nach einem Sommer wie diesem, ein entscheidender Vorteil des IPGarten-Modells: Sie werden bereits bezahlt, wenn das Gemüse gesät, und nicht erst, wenn es verkauft wird. Das Risiko möglicher Ernteausfälle tragen die Endverbraucher also mit.

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