http://www.faz.net/-hrx-8yj88

Maggi will gesünder werden : Künftig leider ohne Dinatriumguanylat

Nichts besonderes, aber etwas bestimmtes: Maggi-Würze aus der Flasche Bild: dpa

Wenn Maggi früher eine Verheißung war, ist es heute der Inbegriff ungesunder Industrienahrung. Nun will der Konzern sein Image aufpolieren. Das ist bedauerlich – oder?

          Maggi will sich neu erfinden. Natürlicher soll alles werden, findet der Mutterkonzern Nestlé, auch die berühmte Suppenwürze. Weniger salzig und mit echten Gewürzen statt Stoffen wie Dinatriumguanylat, die nur so tun, als seien sie ein entfernter Verwandter von, wie hieß er noch? Thymian. „Damit unterstützt Maggi den stetig wachsenden Trend zu gesünderem Kochen“, formuliert dazu die PR-Abteilung des Unternehmens. 

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich ertappe mich dabei, das blöd zu finden, und weiß gleich gar nicht genau warum. Den Kollegen gehts offenbar ähnlich: „Geht hier ein Kult zu Ende?“, fragt die Bild-Zeitung besorgt, die Berliner B.Z. spricht von einem „Schock für Maggi-Fans“. Der Hersteller hatte sich offenbar ein größeres Hurra für seine Natürlichkeits-Offensive erhofft und fühlte sich zu einer, nunja, Präzisierung gezwungen: „Natürlich soll sich am produkt-typischen Geschmackserlebnis nichts ändern“, teilte das Unternehmen nachträglich mit. „Dies gilt insbesondere für unsere Maggi Würze, wie Fans sie kennen und lieben.“

          Maggi steht nicht in meinem Gewürzregal, und ich habe schon lange niemanden mehr gesehen, der zu den immer klebrig-staubigen Flaschen auf den Kantinentischen der Republik gegriffen hätte. Aber ich weiß noch, wie mein Bruder und ich uns nach der Schule monatelang nahezu ausschließlich von Fünf-Minuten-Terrinen ernährten (immer Kartoffelbrei mit Fleischklößchen), wie ich später im Studium selig Auflaufsoßen mit Maggi-Pulver anrührte und mich dabei kochend wähnte. Das ist die warme Erinnerung an eine Zeit, in der Essen noch unkompliziert sein durfte. 

          Das Gegenteil der Selbstverwirklichung am Herd

          Maggi war einmal eine Verheißung: Darauf, nie wieder selbst kochen zu müssen oder jedenfalls maximal einen Beutel Reis. Das ist aus der Mode gekommen. Heute gibt es Leute, die ihr eigenes Sauerteigbrot backen und in den vielen Stunden, in denen der Teig Zeit für sich braucht, die eine oder andere Achtsamkeitsübung unterbringen. 

          Dagegen ist selbstverständlich nichts zu sagen. Aber Maggi war eben anders, das Gegenteil der Selbstverwirklichung am Herd. Die Würze war ein ehrliches Produkt für uneitle Leute. Zuverlässig sorgte sie für einen einheitlichen Geschmack aller Speisen der Republik – wenn irgendwas nicht stimmte, die Pommes zu ranzig oder die Nudeln zu fad waren, Maggi half. 

          Heute ist Maggi also – das ist keine neue Feststellung, aber mit der Rezeptänderung manifest – der Inbegriff ungesunder Industrienahrung. Dabei war das, und diese kurze historische Würdigung muss sein, am Anfang mal ganz anders gedacht. Ende des 19. Jahrhunderts sorgte sich ein Schweizer Fabrikarzt um die Ernährung der Arbeiter: Die Frauen hatten nicht mehr genug Zeit, Essen für die Familien zu kochen und die Mittagsspeisung in den Fabriken war zwar billig, aber wenig nahrhaft. Suppenmehle von Julius Maggi sollten Abhilfe schaffen – und taten es: Sie versorgten die Arbeiter für wenig Geld und ohne großen Zeitaufwand mit allen nötigen Nährstoffen.

          Maggis passt nicht zum Selbstbildnis moderner Köche

          Und jetzt ist sich noch nicht einmal dieses Maggi, einst ein zutiefst solidarisches Produkt, für die individuell-kollektive Natürlichkeit zu schade. Dabei wird Maggi sowieso nicht mehr in diese Zeit passen: Sein Problem ist nicht, dass es chemisch ist, sondern dass es nicht zur Selbstbildnis moderner Köche passt. Deswegen sollte es besser so bleiben, wie es ist. Kann man da nicht also doch noch irgend etwas retten? 

          Anruf bei meiner Mutter, sowas müssen Mütter wissen. An das Maggi-Phänomen tastet sie sich vorsichtig heran. „Ich bin nicht so für Maggi-Suppen“, sagt sie, das schmecke ihr irgendwie alles zu doll. Sie stelle aber trotzdem immer eine Flasche Maggi auf den Nudelsuppen-Tisch, falls es jemandem zu wenig gewürzt sei. Es greife dann auch immer jemand zu. Das schockt mich: Selbst meine Mutter mag Maggi eigentlich gar nicht? Das habe ich anders in Erinnerung. 

          Ernsthaft gut geschmeckt haben Maggi-Pommes und die zusammengerührte Auflauf-Soße nie, da müssen wir schon ehrlich sein. Es war ganz sicher nichts Besonders, aber eben etwas Bestimmtes. Maggi halt. Da musste man nicht lange über die Konsistenz reden oder darüber, ob das da jetzt ein Hauch Wasabi im Nachgang sei. Deswegen kamen auch unbegabte Wirte über die Runden, wenn sie in ihren Landgasthöfen nur immer Maggi-Würze und Worcestersauce statt Essig und Öl neben die Zahnstocher (unverpackt) auf die Tische stellten. Heute reden wir vom Gasthofsterben.

          Am Telefon hat meine Mutter sich über diesen Gedanken ein wenig warm geredet („hieß in der DDR auch Maggi, glaub ich“, „das soll ja auch den Cholesterin-Spiegel heben, oder?“, „aber wenns mal schnell gehen musste, dann hat man das eben benutzt, da war man früher nicht so“). Jetzt sagt sie was sie wirklich denkt über Maggi: „Na, das ist so die Faulen-Küche“. Meine Mutter hat, seitdem sie am Stadtrand mit Garten wohnt, ein Petersilienbeet im Garten, das hat die Fläche einer halben Tischtennis-Platte. Nur Petersilie! Ich frage nach, was sie da eigentlich gerade macht. „Holundersirup kochen, ist fast fertig.“ Vielleicht ist Maggi doch verloren.  

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Koscher für alle

          Yossi Elad in Frankfurt : Koscher für alle

          Yossi Elads Restaurant Machneyuda ist eine Institution in Jerusalem. Nun ist der Koch für elf Tage in Frankfurt – und hat sich für sein Menü von der Stadt inspirieren lassen.

          Topmeldungen

          So sauber kann eine U-Bahn sein

          Singapur macht’s vor : Was den Öffis fehlt

          Ist der öffentliche Personennahverkehr die Zukunft des Massentransports? Wer dieser Meinung ist, kann in Singapur lernen, wie es wirklich geht. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.