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Männer in Restaurants : Georg allein am Tisch

Dinner for one? Das ist kein Drama für den Gast – jedenfalls, wenn es sich um einen Mann handelt. Bild: Valentine Edelmann

Der Mann, der ohne Begleitung am Tisch sitzt, gehört schon fast zum Inventar von Restaurants. Frauen sieht man selten öffentlich einsam. Doch Einsamkeit kann auch kostbar sein.

          Einer dieser ungewöhnlich warmen Abende Anfang September im Frankfurter Nordend. Die Terrasse des Italieners ist vollgestellt mit Tischen. Familien, Vierergruppen, Dates oder schon Paare, wer weiß. Und Geschäftsfreunde oder Kollegen, wer weiß. Die Sätze, typisch für Frankfurt, sind noch am Tisch nebenan zu hören: „Deine Workload steigt einfach.“ – „Jetzt gehen wir die Extramile.“ Von Georgs Tisch aus ziehen keine Gesprächsfetzen rüber zu anderen. Seine Tisch-Konstellation ist nicht schwer einzuordnen. Dates? Kollegen? Georg sitzt auf der Bank mit Blick auf die Straße, nicht mit Blick auf sein Gegenüber. Er ist alleine hier, trinkt ein Bier und wartet auf seine Pizza. Georg wohnt in der Gegend, arbeitet in der Gegend, ist 36 Jahre alt, hat gerade keine Partnerin, aber eigentlich genug Freunde, so versichert er, um an diesem Abend nicht alleine auf seine Pizza mit Parmaschinken warten zu müssen. Warum er trotzdem zum Dinner for one aufgebrochen ist? „Spontan-Entscheidung. Ich komme gerade von der Arbeit, und hier sitze ich doch besser als in meiner Zweieinhalbzimmerwohnung ohne Balkon.“ Früher hat er das zwar auch nicht so oft
          gemacht, aber diesen Sommer ging es los. Ist jetzt schon fast zur Gewohnheit geworden. „Ich war bestimmt schon fünfmal in den letzten Wochen hier.“ Immer alleine.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Klar, auch bei Georg hört der Spaß irgendwo auf. Er würde sich zwar an eine Fast-Food-Bude alleine stellen oder eben hier in die Pizzeria setzen, zum Asiaten würde er auch noch alleine gehen. „Wenn es sich ergibt. Einen Tisch reserviere ich aber nie vorab, wenn ich weiß, dass ich alleine komme.“

          „Weiterentwicklung des Mannes an der Kneipentheke“

          Trotzdem: Viele Frauen würden sich auch an einem warmen Septemberabend vermutlich mit der Spontan-Pizza in der Zweieinhalbzimmerwohnung ohne Balkon wohler fühlen als hier auf dem Präsentierteller des Lebens. Alleine, als soziale Inkompetenz in Person. Der einsame, aber scheinbar glückliche Mann, der einen Tisch für sich belegt und ungestört zu Abend isst, gehört hingegen schon beinahe zum Inventar vieler Restaurants. Man sieht ihn nicht nur sommers auf den Terrassen in Ruhe speisen, er quetscht sich auch winters an den vielen Grüppchen und viel zu eng gestellten Tischen vorbei, zu einem freien Platz mit mindestens zwei Stühlen.

          Klar, eigentlich muss heute niemand mehr alleine essen. Es gibt Apps und Networks und Zirkel, die sich um nichts anderes kümmern, als Leute für einen Abend ungezwungen zum Dinner zusammenzubringen. Für Menschen, die neu in einer Stadt sind, ist das ein Segen. Und dennoch: Der einsame Mann isst weiter im Restaurant, er scheint ja glücklich damit zu sein. „Tendenziell gehen Männer eher alleine in die Gastronomie als Frauen“, sagt auch der Psychologe Claus Lampert. Er forscht seit Jahren über das Verhalten von Gästen und Wirten und sieht den Hauptunterschied zwischen Männern, die alleine essen gehen, und Frauen, die das seltener tun, in der frühen Lernphase. „Wenn ein Baby auf die Welt kommt, ist es unbedarft. Wenn der heranwachsende Junge dann aber erkennt, dass der Vater öfter in die Kneipe geht, auch ohne dort konkret verabredet zu sein, wird er ebenfalls eher dazu neigen, es nachzumachen.“

          Und wenn er dann als Mittdreißiger im Jahr 2016 in einer deutschen Großstadt lebt, dann geht er eben nicht mehr in die gewöhnliche Kneipe auf ein Bier, sondern vielleicht auf einen lauwarmen Reisnudelsalat oder eine Pizza Parma. Der einsame Mann im Restaurant ist somit auch eine Weiterentwicklung des Mannes an der Kneipentheke. Da waren Frauen früher ja auch selten alleine anzutreffen.

          Nahrungsaufnahme und Geselligkeit

          Dabei ist es nicht so, dass Frauen nie, nie, nie alleine essen gehen würden. Aber Dienstreisen oder Mittagspausen zählen schon deshalb nicht richtig, weil man da oft gar nicht anders kann, als alleine essen zu gehen. Laut einer Studie der amerikanischen University of Maryland vom vergangenen Jahr unternehmen wir Aktivitäten, die als hedonistisch gelten, ungern alleine. Ein Restaurantbesuch in der eigenen Stadt zählt dazu, schließlich kann man auch zu Hause kochen. Ein Restaurantbesuch in einer fremden Stadt ohne eigene Wohnung dient dagegen zunächst dem simplen Ziel der Nahrungsaufnahme, und das ist mit Sicherheit keine allzu hedonistische Unternehmung.

          Frauen und Essen, das ist ja ohnehin ein Thema für sich. Noch schlimmer: alleine zu essen. Und ganz schlimm: alleine essend auf Menschen zu treffen, die man kennt. Claus Lampert ist trotzdem der Meinung, dass man es lernen kann, alleine in der Öffentlichkeit zu essen und das sogar zu genießen. „Eigentlich sind wir Menschen es ja gewohnt, alleine zu essen.“ Also kann auch jeder lernen, das dort zu tun, wo die Geselligkeit mindestens so wichtig ist wie die Nahrungsaufnahme.

          Die kostbare Einsamkeit schätzen lernen

          Es muss ja nicht gleich der Ort mit den arroganten Kellnern sein, an dem man eine Dreiviertelstunde auf einen Tisch wartet, um dann doch nur eine Pasta Arrabiata zu bestellen. „Man fängt mit dem Imbissstand an, geht dann mal alleine auf dem Markt etwas essen, dann in ein lockeres Lokal und dann vielleicht sogar in ein cooles“, sagt Lampert. „Das ist ein Lernprozess.“ Am Ende wird man mit einem Zustand belohnt, den der Psychologe „kostbare Einsamkeit“ nennt. Man kann bewusster essen, als das mit Unterhaltung möglich wäre.

          Auch der kostbar einsame Mann im Restaurant scheint ja mit sich eins zu sein. Selbst wenn Kollegen oder entfernte Bekannte vorbeikommen. So wie Johannes, der ebenfalls in einer Pizzeria sitzt, am Düsseldorfer Fürstenplatz, und gerade aufgegessen hat. Er ist ein Kollege meines Freundes. Trotzdem scheint das alles andere als ein Drama für ihn zu sein, hier alleine angetroffen zu werden. Warum er da ist? Seine Frau sei hochschwanger und hatte keine Lust mitzukommen. Eigentlich ganz einfach.

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